OnlinebetrugAuf Bestellung verseucht

Hacken ist ein Geschäftsmodell. In Russland floriert die Computerkriminalität. von 

Mitarbeiter des Antiviren-Spezialisten Kaspersky in Moskau

Mitarbeiter des Antiviren-Spezialisten Kaspersky in Moskau  |  © Alexey Sazonov/AFP/Getty Images

Es ist der Albtraum: Während der Geldüberweisung vom heimischen Computer aus, erlischt plötzlich das Bild auf dem Monitor. Was Experten als »blauen Bildschirm des Todes« bezeichnen, stammt von einem sogenannten Trojaner, also einem Schadprogramm. Es ist ein Ablenkungsmanöver. Das Versagen des Betriebssystems wird nur simuliert, während der Trojaner selbstständig Geld auf ein spezielles Konto überweist. Wenig später scheint wieder alles gut zu sein: Der eigene Kontoauszug erscheint auf dem Bildschirm, als sei nichts geschehen. Die Überweisung zeigt er allerdings nicht. Dabei ist das Geld schon auf dem Betrügerkonto gelandet und wird, in kleine Summen aufgeteilt, von einem Netz von Zuträgern bar abgehoben und in elektronische Zahlungssysteme wie WebMoney eingespeist. Die Spur des Geldes verliert sich. Der Bankkunde bleibt auf dem Schaden sitzen. Schuld ist der Trojaner – made in Russia.

RusslandsComputerkriminelle sind weltweit gefürchtet. Sie stehlen nicht nur Geld, sondern versenden auch Lawinen von Reklamemails, legen Websites durch ein Übermaß an Anfragen lahm oder greifen Telefonnetze an. Im vergangenen Jahr verhaftete Scotland Yard mehrere englische Computerhacker, die Bankkonten mithilfe eines Trojaners namens Zeus plünderten. Das Virus stammte aus Russland. Der Umsatz aller russischsprachigen Hacker, Ukraine und Baltikum mitgezählt, lag im vergangenen Jahr Schätzungen zufolge bei einer bis drei Milliarden Dollar. Bedroht sind Wirtschaft, Militär und Politik. Der deutsche Verfassungsschutzbericht 2008 warnte in diesem Zusammenhang ausdrücklich vor Internetangriffen auf deutsche Firmen. Nato und Europäische Union beklagten im März 2010 ebenfalls einen Anstieg der Angriffe auf ihre Netze. Neben China wird Russland als wichtigstes Ursprungsland dieser Attacken genannt.

Anzeige

Dass Russland ein Hackerparadies ist, bestreitet kaum jemand. Aber Moskauer Computerexperten protestieren gegen die Vorstellung, ihre Landsleute seien besonders kriminell veranlagt. Sie hätten, so heißt es, nur viel mehr Freiraum als andere. Denn im Kampf gegen die Computerkriminalität versagen Russlands Rechtsorgane: Die Gesetze sind unzureichend, die ermittelnden Behörden zeigen sich meist desinteressiert. Zudem wenden sich die Opfer nur selten an die Polizei. Sie trauen ihr nicht, und die Banken kommen für den Schaden durch Netzkriminelle ohnehin nicht auf. Computerkriminalität bleibt faktisch straflos – was Hacker erst recht ermutigt.

Ihre Kraft ziehen sie aus 20-jähriger Erfahrung. Nach dem Ende der Sowjetunion strebten viele Mathematiker und Kryptografen in die Informationstechnologie. Die erste Generation russischer Hacker in den neunziger Jahren fühlte sich als ideologische Gemeinde, verfasste Konventionen und verstand ihre Arbeit als Beitrag zur Wissenschaft des Cyberspace und der Künstlichen Intelligenz. Manche strebten nach technologischem Ruhm, andere erdachten Viren zum virtuellen Rowdytum. »Sie waren talentierte Programmierer und meist entsprechend asozial«, erklärt der bekannte russische Blogger Anton Nossik . »Als sie versuchten, das elektronisch gestohlene Geld in Bares umzuwandeln, wanderten sie oft ins Gefängnis. Sie waren naiv. Das FBI konnte ihnen ein Jobangebot zusenden; als sie dann nach Amerika fuhren, wurden sie verhaftet.«

Die heutige Generation ist professioneller. Anfang des vergangenen Jahrzehnts wurde die russische Netzkriminalität zum professionellen Geschäftsfeld ausgebaut. Die Gruppen arbeiten im losen Verbund. Ihre Partner finden sie über Bekannte und Mundpropaganda. Kriminelle Paten gibt es nicht, aber vertraute Geschäftsleute, die mit den Partnern verhandeln, die wiederum das Netz der Geldabholer beim elektronischen Betrug organisieren und die Gewinne verteilen. Als russische Besonderheit gelten die Dienste der Garanten, die mit Viren nichts zu tun haben. Diese Garanten betreiben geheime Hackerforen im Netz, besiegeln als neutrale Mittelsmänner netzkriminelle Abmachungen und kontrollieren, dass keiner den anderen betrügt. Dafür bekommen sie ein hohes Honorar. Es kann 40 Prozent des Geschäftsumfangs betragen.

Leserkommentare
    • freerk
    • 05. Februar 2012 11:13 Uhr

    Bitte verfassen Sie sachlich argumentierte Kommentare. Danke, die Redaktion/ls

  1. schreibt sich, wie man sieht, mit i und i kraktoje, wird also korrekt mit ij transliteriert.

  2. ... und China kommt auch vor. Alles wunderbar.

    Ich weiß, die Zeit ist amerikafreundlich. Dagegen ist nichts zu sagen. Aber macht eure Propaganda doch bitte nicht so gehäuft. Das nervt.

    Eine Leserempfehlung
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Propagana hab ich aber nicht entdeckt. Vielleicht helfen Sie mir auf die Sprünge?

  3. Propagana hab ich aber nicht entdeckt. Vielleicht helfen Sie mir auf die Sprünge?

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Der Artikel für sich ist unproblematisch.

    Die Propaganda sehe ich in dem Dauerfeuer negativer Artikel zu Russland innerhalb der letzten Wochen. Weil zumindest ich mich dann schon frage, warum den Artikeln das vergleichende Element fehlt oder denken Sie es gebe keinen kriminellen Hacker in Amerika oder Westeuropa?

  4. antirussische Propaganda bei der Zeit ist schon seit langem die Regel. ebenso antiiranische und so weiter....
    noch nie gab es hier einen halbwegs objektiven Atrikel über Russland. Nur Meinungsmache und Gerüchteverbreitung in Still "Ein russischer Blogger beschreibt das so: " ...

  5. Der Artikel für sich ist unproblematisch.

    Die Propaganda sehe ich in dem Dauerfeuer negativer Artikel zu Russland innerhalb der letzten Wochen. Weil zumindest ich mich dann schon frage, warum den Artikeln das vergleichende Element fehlt oder denken Sie es gebe keinen kriminellen Hacker in Amerika oder Westeuropa?

    Eine Leserempfehlung
    • bkkopp
    • 06. Februar 2012 10:21 Uhr

    In jeder Gesellschaft und Wirtschaft, in der grosse Defizite an Offenheit und Freiheit der wirtschaftlichen Entfaltung bestehen, finden wir überdurchschnittlich intelligente Kriminelle, die Geschäftsmodelle verfolgen, die unter den gegebenen Verhältnissen eben möglich sind.

    Das ist sicher nicht exklusiv russisch.

    3 Leserempfehlungen
  6. Ob es nun ein exklusiv russisches Spam- oder Virenproblem gibt, weiß ich nicht. Gemeinhin ist die jeweilige Aktion auch nicht "russisch", sondern kommt einfach nur mit russischen IP-Adressen im Netz an. China wird da auch groß im Spiel sein und mittels VPN ist jedem Weltbürger auch eine freie Wahl des Ausgangs ins Netz möglich.

    Bei den Diskussionen und Studien zur Kinderpornografie wurden z. B. immer wieder aufgezeigt, dass die Masse des Materials aus den USA kommt oder auch deutsche Server hat. War es damit ein US-Problem?

    Eugene Kaspersky ist eine schillernde Persönlichkeit und profitiert, wie andere große "Virenschutz"-Vertreiber auch, ein gutes Stück von der Angst und Analyse, die seine Firma ja auch ungefragt liefert.

    Vielleicht erinnert der Artikel auch wieder genug Menschen daran, dass der beste Schutz den PC zwar ordentlich langsamer macht und Geld kostet, aber eigentlich vollkommen kostenlos beim eigenen Nutzerverhalten beginnt.

    Klicke nicht auf alles doppelt, vor allem nicht als Admin und glaube auch nicht jeder "verifizieren Sie ihr Passwort"-Mail. Ein kostenloser Virenscanner tut es dann auch.

    Wer sich Eugene Kasperskys Positionen zur Freiheit im Internet mal anliest, der entdeckt da Kennzeichenpflicht, Abschaffung der Anonymität und andere Spielarten, die sonst nur CDU-/CSU-Papiere liefern.
    Man bedenke also auch, wem man da sein Geld für "Schutz" überweist.

    Eine Leserempfehlung

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service