ÄgyptenDie Revolution frisst ihre Frauen

Dieses Bild ging um die Welt: In Kairo liegt eine junge Demonstrantin wehrlos am Boden, während Soldaten sie treten und ihr die Kleider vom Oberkörper reißen, bis auf ihren blauen BH. Wer ist diese Frau? Wer sind die mutigen Mädchen vom Tahrir-Platz – und haben sie eine Chance im neuen Ägypten? von Julia Gerlach und

Mit bloßem Rücken liegt sie auf dem Asphalt des Tahrir-Platzes. Knüppel gehen auf sie nieder. Sie krümmt sich unter den Schlägen der Soldaten. Mit dem Bein wehrt sie sich und versucht, die Polizeistöcke von ihrem Körper fernzuhalten. Bis ihr ein Militärpolizist mit dem Stiefel ins Gesicht tritt. Dann ziehen sie ihr den langen schwarzen Umhang ganz über den Kopf. Reißen ihr Unterhemd hoch, allein den blauen Büstenhalter lassen sie ihr noch. Ein Mann stellt sich breitbeinig über sie und springt ihr auf die Brüste. Der Kopf kippt ins Genick. Ihr Körper schlägt auf den Asphalt. Ein Militärpolizist deckt sie mit ihrem Gewand zu, als wäre sie tot.

Eine Minute und 24 Sekunden dauert diese Szene, verbreitet auf Tausenden Facebook-Seiten, hunderttausendfach angeklickt auf YouTube, gedruckt auf Titelseiten in aller Welt. Es ist das erschütternde Bild von Courage und Elend der ägyptischen Revolution : die öffentlich gefolterte Frau – geschändet nicht vom alten Mubarak-Regime, sondern von den Milizen der neuen Militärregierung. Längst ist das "Mädchen mit dem blauen BH" in Ägypten zu einer Ikone geworden – wegen ihres Mutes, sagen die einen. Wegen ihrer Verkommenheit, sagen die anderen.

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Sechs Wochen nach der Tat, an einem Morgen Ende Januar dieses Jahres, sitzt die junge Aktivistin Hadir Faruk an einem Tisch in Kairo und spielt die brutale Szene auf ihrem Laptop ab, wieder und wieder, als könne sie das Geschehene immer noch nicht glauben. Hadir stand damals, am 17. Dezember 2011, nicht weit von dem Mädchen auf dem Tahrir-Platz. Hadir Faruk nennt sie Schaima. Nur wenige Stunden, bevor die Situation endgültig eskalierte, rückten sie zusammen. "Schaima und ich und viele andere Frauen standen in vorderster Front gegen die Soldaten", erzählt Hadir. "Die sogenannten Retter Ägyptens quälten die Ägypterinnen." Die Uniformierten schlugen mit Knüppeln, malträtierten mit Gummigeschossen und Tränengas, versuchten es mit Einschüchterung. Vor allem auf Schaima zielten sie. "Warum gehst du nicht nach Hause zu deinen Eltern?", frotzelten die Milizionäre. "Da ist es schön warm." Dann zeigten sie ihr, sagt Hadir Faruk, wie eiskalt diese neue Regierung sein kann.

Das ist Ägypten ein Jahr nach der Revolution: Schläge und Demütigungen, Aufstand der Frauen und Erniedrigung durch gewalttätige Männer. Am Jahrestag der Revolution in der vergangenen Woche standen wieder Tausende Frauen auf dem Tahrir-Platz und riefen nach Freiheit. Tausende riefen im Internet zum Widerstand auf. Doch für viele Kommentatoren im Westen haben die Frauen die Revolution längst verloren: 98 Prozent der Abgeordneten im neu gewählten Parlament sind Männer, nur zwei Prozent Frauen. Die Muslimbrüder stellen die mächtigste Fraktion im Parlament, Islamisten dominieren die Debatten und Polizisten die Straßen. Die Schläger vom Tahrir stehen nicht vor Gericht. Das Mädchen mit dem blauen BH ist spurlos verschwunden, und niemand auf der Welt weiß, ob sie überhaupt noch lebt. In Kairo kursieren mehrere Namen von ihr. Aber wer ist sie? Und was bedeutet ihr Verschwinden? Ist ihr Leiden auch das Ende des weiblichen Aufstands?

Die Spurensuche in Kairo beginnt mit Hadir Faruk, der Aktivistin, die behauptet, das Mädchen mit dem blauen BH zu kennen. Schaima sei eine Kämpferin wie sie, sagt Hadir. Sie steht im alten Gebäude der sozialistischen Tagammu-Partei, wo sie häufig an Diskussionsrunden teilnimmt. Galerien und Veranden, Flaggen als Saalschmuck, Holzdielen, Zigarettenrauch. Ältere Männer stehen um die 32-jährige Hadir herum, drängen sie zur Seite und reden viel. Es sind Sozialisten, die nicht ganz verstehen können, warum sich die ausländischen Reporter nun so sehr für die kleine Frau mit dem schwarzen Kopftuch interessieren – und nicht für ihren ewigen Kampf für mehr soziale Gerechtigkeit. Da beginnt sie schon, die Geschlechterkonkurrenz. Hadir entscheidet sie heute problemlos für sich. Die Informatikerin und Mutter von drei Kindern redet klar, knapp und entschieden. Anders als die weitschweifigen Altsozialisten.

Doch man muss diese Konkurrenz, die ständige Bevormundung in Ägypten kennen, um zu begreifen, worum es in dieser Revolution der Frauen auch geht. Die große Gängelung durch das Mubarak-Regime wurde viele Jahre begleitet durch die kleine alltägliche Belehrung der Frauen durch die Männer. Hadir Faruk gehört mit ihren 32 Jahren zu der Generation Frauen, denen die Eltern wenig erlaubten und viel vorschrieben. "Und die Jungs durften immer alles!" Sie läuft heute noch rot an vor Zorn, wenn sie darüber spricht. Sie erinnert sich noch genau an eine Feier im Kindergarten. Sie wollte tanzen. Da stand ein jüngerer Cousin auf und schimpfte: "Du darfst das nicht!" Sie setzte sich wieder hin, dann tanzte er selbst. Die Erwachsenen schauten zu und fanden das in Ordnung.

"Diese Erfahrungen haben mich stark und stur gemacht", sagt Hadir Faruk. Im Leben gehe es jetzt darum, sich nicht kleinkriegen zu lassen. Vor allem nicht vom Militär, das versuche, die Frauen von der Straße zu jagen. Sie gehörte zu den Ersten, die vor einem Jahr gegen Mubarak demonstrierten. Als die Aufstände losgingen, suchte sie sich einen Babysitter für die Kinder. Am nächsten Tag stand sie in Tränengaswolken. Es wurde ein hartes Jahr für ihre Familie. Ihr Mann, ein Ingenieur, kämpfte bei der eher liberalen "Bewegung des 6. April" gegen das Regime. Sie selbst bei den Linken. Man sah sich auf dem Tahrir-Platz. Die Ehe ging im vergangenen September in die Brüche, die Kinder kamen zur Großmutter. Doch Hadir Faruk sagt: "So eine Chance erhältst du nur einmal im Leben."

Leserkommentare
    • moppelg
    • 07. Februar 2012 19:51 Uhr

    mit traurigem Inhalt!
    Da kann man schon das Kotzen bekommen bei dieser Menschenverachtenden Haltung vieler.
    Bewegt mich gerade überhaupt nichts in dieses Land...

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    Der Artikel bestätigt meine schon seit langem vertretene These, dass man in den nordafrikanischen Ländern noch weit, weit davon entfernt ist, wirklich reif für die Demokratie zu sein. In der sozialen, kulturellen und auch politischen Evolution steht man sehr weit hinter Europa zurück. Demokratie entsteht nun einmal nicht als erstes im Großen, sondern im Kleinen. Solange aber die Anhänger des totalitären Islamismus, also die Totschläger und Frauenverprügler, die Meinungs- und Deutungshoheit besitzen, geht Demokratie einfach nicht.

    [...]

    Gekürzt. Nehmen Sie abstand von polemischen und hetzerischen Äußerungen. Die Redaktion/mak

  1. Es ist zwar schlimm für die Frauen ,aber...

    Auch die Revulutionen hier haben nicht sofort zu Frauenrechten geführt. WEnn die Frauen was verändern wollen werden sie sich für ihre Rechte einsetzen und notfalls auch Kämpfen müssen.

    Eine Revormations Gewegung braucht Zeit, sie hat auch im Westen nicht innerhalb eines Jahres Funktioniert. Aber sie hat sich immer in kleinen Schritten wieterentwikelt und sich von Schritten Rückwärts nicht stoppen lassen.

    • Karl63
    • 07. Februar 2012 20:46 Uhr

    einer jener Artikel, welcher in meinen Augen die Qualität der ZEIT ausmacht.
    Wenn die Zukunft Ägyptens nicht durch die ungelösten Probleme der Gegenwart bestimmt werden soll, dann wird dies nicht ohne weitgreifende Veränderungen in Staat und Gesellschaft gehen. Die Rechte der Frauen in der Gesellschaft sind dabei auch ein Gradmesser, inwieweit diese zu Veränderungen auch fähig sind. Dass in dem jüngst gewählten Parlament so wenige Frauen als Abgeordnete vertreten sind, ist zunächst einmal kein gutes Zeichen.

  2. ...die Frauen die Verliererinnen...

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    "4. Nicht nur in Ägypten sind...
    ...die Frauen die Verliererinnen..."

    Dies ist nicht das Ende der Geschichte.
    Außerdem geht es nicht um einen Sieg über die Männer, sondern um die Schaffung einer Gesellschaft gleichberechtigten Miteinanders.
    Die Unterdrückung der Frauen findet durch Männer und Frauen statt, und auch Männer sind in diesem System unfrei.

    Die Gewalt gegen Frauen ist ein Zeichen, dass die Unterdrücker die Stärke der Frauen kennen und vor ihnen Angst haben. Feiglinge und Versager schlagen körperlich Schwächere.

    Wir werden sehen, wie die Geschichte weitergeht......

    Gleichberechtigte und freiheitliche Gesellschaften sind erfolgreicher, und Ägypten braucht eine Wirtschaft, die schneller wächst als die Bevölkerung.

  3. .. "Die Revolution frisst ihre Frauen". Ein verfluchtes leerest Geschwätz aus den Reihen der Girondisten, die sich den Teufel um Besserung scherten. Und hier als wortspielerische Ausleihe etwa gut platziert? Nein! Es sind ohnenhin muslimische Männer und nicht die Revolution. Die Frauen in Ägypten und in den "brüderlich" angrenzenden Ländern haben nur eine Chance: sie machen, was Mann ihnen sagt. Der Islam ist Ein-Mann-Religion, wie sollte ernsthaft dort eine Frau einem Mann gleichgestellt sein? Nur in Israel ist das ganz anders. Der Himmel sei dafür gepriesen.

    Wünsche: http://www.youtube.com/watch?v=RHXgHDisoFk

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    "Ein verfluchtes leeres Geschwätz aus den Reihen der Girondisten, die sich den Teufel um Besserung scherten.", sollte es heißen. Danke.

  4. "Ein verfluchtes leeres Geschwätz aus den Reihen der Girondisten, die sich den Teufel um Besserung scherten.", sollte es heißen. Danke.

  5. "4. Nicht nur in Ägypten sind...
    ...die Frauen die Verliererinnen..."

    Dies ist nicht das Ende der Geschichte.
    Außerdem geht es nicht um einen Sieg über die Männer, sondern um die Schaffung einer Gesellschaft gleichberechtigten Miteinanders.
    Die Unterdrückung der Frauen findet durch Männer und Frauen statt, und auch Männer sind in diesem System unfrei.

    Die Gewalt gegen Frauen ist ein Zeichen, dass die Unterdrücker die Stärke der Frauen kennen und vor ihnen Angst haben. Feiglinge und Versager schlagen körperlich Schwächere.

    Wir werden sehen, wie die Geschichte weitergeht......

    Gleichberechtigte und freiheitliche Gesellschaften sind erfolgreicher, und Ägypten braucht eine Wirtschaft, die schneller wächst als die Bevölkerung.

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    "Gleichberechtigte und freiheitliche Gesellschaften sind erfolgreicher"

    Stimmt nicht - China.Südkorea wurde unter einer Militärdiktatur Wirtschaftsmacht.

    • Xdenker
    • 07. Februar 2012 22:00 Uhr

    In jeder Gesellschaft herrscht ein bestimmter, kulturell geprägter Geist aus Werten, Einstellungen, Überzeugungen, Verhaltensmustern etc.. Das, was in ihr geschieht, wie sie "tickt", von wem und wie sie regiert wird etc., ist nicht unabhängig von diesem (ggf. Un-)Geist zu sehen und insofern kein Zufall. Er ist sehr persistent. Ein Regimewechsel ändert ihn nicht. Vielmehr untersteht er (der Regimewechsel) seinem Einfluss oder ist gar dessen Produkt.

    Wes Geistes Kind eine Gesellschaft in ihrer kulturellen Prägung ist, zeigt sich sehr deutlich, wenn die herschenden Autoritäten an disziplinierender Kraft verlieren, oder (wie "damals in Deutschland") bestimmte Seiten des kollektiven (Un-)Geistes gezielt wecken und fördern.

    Ein Wandel desselben kann nur ein substanzieller sein und ist daher ein sehr langwieriger Prozess.

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