Schwer zu sagen, über wen man sich nach all den Gipfeln mehr wundern soll: über die europäischen Regierungschefs, die sich seit bald zwei Jahren bemühen, den Euro zu retten – oder über den maßlosen Chor der Kritiker, die gar nicht mehr zur Kenntnis nehmen, wenn sich doch einmal etwas bewegt.

Keine drei Monate ist es her, seit die Bundesregierung die Idee eines neuen Euro-Vertrags auf die Tagesordnung setzte. Unverantwortlich sei das, hieß es damals quer durch Europa , niemals könne eine solche Vertragsänderung innerhalb weniger Monate gelingen. Und überhaupt, die Schuldenkrise werde mit ein paar Paragrafen ganz sicher nicht gelöst. Nur widerwillig folgten die meisten Regierungschefs der deutschen Kanzlerin. Nun ist zumindest die Vertragsänderung gelungen, viel schneller als gedacht. Am vergangenen Montag verständigten sich die Regierungschefs auf den sogenannten Fiskalpakt . Doch der Chor tönt weiter: Niemals werde dieser Pakt einlösen, was er verspricht – weniger nationale Schulden und mehr Stabilität für die gemeinsame Währung.

Um den schrillen Ton halten zu können, stellen sich die meisten Kritiker dümmer, als sie sind. Natürlich kann kein Vertrag der Welt verhindern, dass Staaten Schulden machen; genauso wenig wie ein Gesetz verhindert, dass Menschen rauben oder stehlen. Entscheidend ist, dass dieser Vertrag eine Norm setzt (ausgeglichene Haushalte), einen Weg dorthin beschreibt (nationale Schuldenbremsen) und Sanktionen (Strafzahlungen) vorsieht. Dass manches davon auch anders und früher zu haben gewesen wäre – geschenkt. Unter dem Strich steht: Das Schuldenmachen wird in Europa künftig nicht unmöglich, aber deutlich schwieriger als bisher. Die Schlupflöcher sind im Vergleich zum bisherigen Stabilitätspakt enger geworden. Stimmt es, dass die gegenwärtige Krise im Kern eine Schulden- und Vertrauenskrise ist, dann ist das eine gute Nachricht.

Vorüber ist die Krise damit nicht, wer hätte das auch je behauptet? Die deutsche Kanzlerin jedenfalls nicht. Im Gegenteil wird sie nicht müde zu betonen, dass das Vertrauen, das verloren wurde, nicht auf einen Schlag – oder mit einem Scheck – wiedergewonnen werden kann.

Angela Merkel liebt Probleme, solange diese überschaubar sind und sich in kleine Teile zerlegen lassen. Dieser Krise stand sie daher lange ratlos gegenüber. Nun, scheint es, hat sie ihre Schrittfolge gefunden. Die Selbstverpflichtung der Euro-Staaten (und acht weiterer EU-Länder) zu solider Finanzpolitik ist demnach die Voraussetzung für alles Weitere: für eine höhere "Brandmauer", sprich Aufstockung des permanenten Rettungsschirms ESM , wie sie vor allem der italienische Ministerpräsident Mario Monti fordert; für neue Investitionen, ohne die die Wirtschaft in Europa nicht wieder wachsen wird; und eines Tages vielleicht auch für Eurobonds. Wichtig ist, wie gesagt, die Reihenfolge. Und zwar nicht nur, um die heimischen Abgeordneten zu beruhigen. Sondern weil die Bereitschaft zur Disziplin für gewöhnlich wieder sinkt, wenn der Druck nachlässt.

Der Fiskalpakt ist ein richtiger Schritt, für den Merkel in Europa hart gekämpft hat. Für die nächsten Schritte wird sie vor allem zu Hause kämpfen müssen.