Kapitalmarkt Rendite zum Anfassen
Viele Anleger misstrauen der globalen Finanzwelt und investieren lieber in der Nachbarschaft – zum Beispiel in Wurstanleihen oder Ackeraktien.
Nächstes Jahr wird Frau Faubel zum Metzger gehen und ihre Rendite abholen. Sie wird sie wiegen und einpacken lassen und am Abend ihrem Mann servieren.
Evi Faubel, 53, kauft seit zehn Jahren ihre Wurst bei Jörg Weckerlein. Weckerlein führt eine Metzgerei mit elf Zweigstellen in Nürnberg und Umland. Seit Dezember gibt Weckerlein Genussrechte aus, 90.000 Euro will er bei seinen Kunden einsammeln und damit eine zwölfte Filiale eröffnen. So viel Geld, sagt Weckerlein, würde ihm seine Hausbank ohne weitere Sicherheiten nicht leihen.
Rund 40 private Investoren hat der Metzger bereits gefunden. Sie stellen ihm Geld zur Verfügung, dürfen aber anders als Aktionäre keinen Einfluss auf das Geschäft nehmen. Dafür bietet Weckerlein ihnen sieben Prozent Zinsen. Wer 1.000 Euro oder mehr investiert, bekommt sogar zehn Prozent. Die meisten von Weckerleins Anlegern haben sich für diese Variante entschieden. Ausbezahlt werden die Zinsen in Form von Einkaufsgutscheinen für das eigene Geschäft.
- Genussrechte
Im Gegensatz zu Aktien oder Anleihen gibt es für Genussrechte keine gesetzlichen Vorschriften. Sie können weder dem Eigen- noch dem Fremdkapital eindeutig zugeordnet werden. Ein Genussschein verbrieft meist einen Anspruch auf einen gewissen Teil des Gewinns oder des Erlöses bei einem Verkauf. Wer eine solche Anlage zeichnet, erwirbt ausschließlich Vermögensrechte. Auf das Geschäft des Emittenten kann er keinen Einfluss nehmen
Evi Faubel hat 500 Euro investiert. »Mit dieser Anlage fühle ich mich sicherer«, sagt sie. Sicherer jedenfalls als bei Aktien, mit deren Rendite sie unzufrieden sei. Bei Weckerleins Anleihen, sagt Faubel, »gehen keine Zahlen auf dem Konto rauf und runter, sondern ich bekomme ein schönes Päckchen Wurst und Fleisch«. Außerdem wolle sie kleine Läden unterstützen. Weiter bei ihrem Metzger einkaufen zu können, auch das ist für Evi Faubel eine Art Rendite.
Seit der Finanzkrise haben viele Anleger das Gefühl, etwas stimme nicht mit dem System. Sie misstrauen den Kapitalmärkten und zweifeln an den Renditeversprechen von Finanzprodukten. Die Schuldenkrise in Europa hat die Verunsicherung noch verstärkt. »Viele fragen sich: Was machen die da überhaupt? Kriegen die das in den Griff? Ist mein Geld noch sicher?«, sagt Barbara Rune vom Bundesverband unabhängiger Finanzdienstleisterinnen. »Da hat eine Bewusstseinsänderung stattgefunden«, sagt auch Henry Schäfer, Professor am Betriebswirtschaftlichen Institut der Universität Stuttgart.
Überschaubarer und nachvollziehbarer sollen die Anlageobjekte sein, überschaubarer als das, was an den Finanzmärkten angeboten wird – so wünschen es sich Anleger zunehmend. Sie wollen sehen, was aus ihrem Geld wird, viele suchen deshalb in der Nachbarschaft nach sinnvollen Möglichkeiten zu investieren. Und stoßen dabei auf ganz unterschiedliche Angebote. Jörg Weckerlein begibt Wurstanleihen. Fußballvereine sammeln Geld bei ihren Fans ein, im Gegenzug dürfen diese etwa mitbestimmen, wie ein Stadion heißen soll. Ein Opernfestival im bayerischen Chiemgau lockt Anleger damit, ihr Vermögen in Kunst zu investieren und nebenbei den Tourismus zu fördern.
All diese Angebote richten sich an private Investoren, die nicht allein ihr Geld vermehren wollen. Die stattdessen auch auf soziale, ethische oder ökologische Aspekte Wert legen. »Viele akzeptieren niedrigere Zinsen, wenn die Anlage eine ökologische Rendite erwirtschaftet«, beobachtet Professor Schäfer.
Solch einen anderen Mehrwert will auch die Regionalwert AG bei Freiburg bieten. Sie kauft und pachtet Höfe und Äcker, verpachtet sie weiter und fördert einen ökologischen Anbau. Bürger können sich an den Betrieben in Form von Aktien beteiligen. Es gibt regelmäßige Treffen, auf denen die Aktionäre entscheiden, nach welchen Kriterien die Höfe wirtschaften. Jedes Unternehmen in der AG muss einmal im Jahr berichten, wie sozial und ökologisch es arbeitet.
Eine Dividende hat die Aktiengesellschaft noch nie gezahlt. Die Aktionäre profitieren nicht in Form von Geld. Dafür verspricht die Ackeraktie eine gute Bodenqualität auf den Feldern und damit gesundes Essen. Die Anleger investieren, weil sie auf diese Weise sicherstellen können, dass die Betriebe umweltverträglich arbeiten und die Produkte, die sie dort erwerben, von höherer Qualität sind.
Als Christian Hiß die Regionalwert AG vor fünf Jahren gründete, wollte er eine regionale Volkswirtschaft schaffen. Seine Idee war, dass in einem überschaubaren Kreislauf Geld aus der Region in Betriebe der Region fließt, deren Produkte dann wieder bei den Geldgebern landen. Etwa 500 Investoren hat Hiß mittlerweile von seinem Konzept überzeugt. Die AG verfügt über fast zwei Millionen Euro Kapital. Nun will Hiß bei den Aktionären noch einmal mehr als 800.000 Euro einsammeln.
»Im Moment spüren wir eine Riesendynamik. Wir haben das Kapital an die Landwirtschaft in der Region gebunden. Das überzeugt die Menschen«, sagt Hiß. Er hat das Prinzip des Kapitalmarkts, auf dem Konzerne, Staaten und Geldgeber aus aller Welt aufeinandertreffen, auf das Freiburger Umland reduziert – und so für die Menschen greifbar gemacht.
Neben dem Wunsch nach größerer Nähe befriedigt die Regionalwert AG auch den Wunsch, mit dem eigenen Geld Sinnvolles zu bewirken. Ein Wunsch, der immer mehr Anleger umtreibt und sie auch auf grüne Immobilien, Photovoltaik- oder Windkraftanlagen setzen lässt. Laut einer Untersuchung des Forums Nachhaltige Geldanlagen haben geschlossene Fonds hierzulande fast eine Milliarde Euro Eigenkapital für derartige Projekte eingesammelt, hauptsächlich von Privatleuten. Eine Umfrage des Deutschen Derivate Verbands vom vergangenen Sommer deutet in die gleiche Richtung: Demnach ist für ein Drittel der Befragten Nachhaltigkeit ein wichtiger Faktor, wenn sie ihr Geld anlegen.
Für viele Anleger spielt auch eine eher persönliche Rendite eine Rolle. Zum Beispiel wenn sie eine Tribüne für eine Fußballmannschaft finanzieren, die ihnen ein Gefühl von Heimat gibt. Im November begab der Hamburger Club St. Pauli eine Anleihe. Mit dem Geld will er das Millerntorstadion modernisieren und sein Trainingszentrum ausbauen. Vier bis fünf Millionen Euro wollte der FC St. Pauli bei Unterstützern einsammeln, am Ende liehen ihm die Fans acht Millionen Euro. Die Anleihe läuft bis Sommer 2018 – bis dahin will der Verein jährlich sechs Prozent Zinsen zahlen.
Das ist eine üppige Rendite, wie sie derzeit nur wenige Anlageformen bieten. Weil mehr Rendite immer auch mehr Risiko bedeutet, heißt es, genauer hinzuschauen. Der FC St. Pauli stand mehrmals vor der Pleite, für die Anleihe hat der Verein keine Sicherheiten hinterlegt. »Niemand kann vorhersagen, wie es hier in sechs Jahren aussieht«, sagt St. Paulis Geschäftsführer Michael Meeske. Der Verein habe aber eingerechnet, die Anleihe auch zurückzahlen zu können, sollte er in die dritte Liga absteigen. »Das Investment bedeutet für die Fans vielleicht ein höheres Risiko, aber auch eine hohe emotionale Rendite«, sagt Meeske.
Das Risiko blenden viele Anleger bei solchen Investments allerdings aus. »Die Leute denken, sie kennen ihren Verein, sie kennen ihren Metzger und geben ihm ihr Geld«, sagt Henry Schäfer von der Universität Stuttgart. Doch das Gefühl der Transparenz trüge: Viele verstünden nicht, wie ein Genussrecht oder eine Anleihe funktioniere, und dass niemand überwache, wer hinter der Anlage stecke. »Banken und Rating-Agenturen gelten vielen als nicht mehr funktionsfähig. Aber sie arbeiten doch professioneller«, so Schäfer. Auch Verbraucherschützer warnen. »Bei einem Zins von sechs, sieben oder sogar zehn Prozent ist das Geld nicht sicher. Das ist eine riskante Wette«, sagt Edda Castelló von der Verbraucherzentrale Hamburg. Sie rät von Angeboten kleiner Emittenten ab.
Auch Jörg Weckerleins Unternehmensberater empfahl, nicht zehn Prozent Zinsen für seine Wurstanleihe anzubieten. Unseriös nannte er das. Aber der Metzger bestand darauf. Er wollte, dass seine Genussrechte im Gespräch bleiben.
Evi Faubel hat sich nicht beraten lassen, bevor sie die Rechte erwarb. Sie vertraue Weckerlein und habe ja nur wenig Geld investiert, erzählt sie. »Ich freue mich einfach darauf, nächstes Jahr meine Wurst in der Hand zu halten.« Faubel möchte eine Rendite zum Anfassen.
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- Datum 06.02.2012 - 17:54 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 2.2.2012 Nr. 06
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... und auch unternehmerisch interessant. Es verbindet erweiterete Finanzierungsmöglichkeiten mit verstärkter Kunden/Lieferantenbindung und ergo Markt- und Absatzsicherung. Weiterhin viel Glück dabei!
Das gleichgeschaltete globalisierte Finanzsystem braucht unbedingt kleinteilige Alternativen: Tauschringe, Regionalwährungen, Alternativwährungen usw. Das beschriebene Modell ist großartig, auch weil es soziale Bindungen und regionale Strukturen stärkt. Möglichkeiten der Kapitalanlage unter Umgehung der zentralisierten Finanzmärkte sind eine gute Sache.
Das Währungssystem der Zukunft muss kleinteilig und heterogen sein, nicht monolithisch und gleichgeschaltet wie das derzeitige $/€ -Zwangssystem, es ist auch denkbar, dass Banken und Unternehmen privates Geld anbieten, dass dann im Wettbewerb mit dem Geld der nationalen Zentralbanken steht. Auch die Einführung eines Goldstandards in einzelnen Ländern ist denkbar und wünschenswert.
In jedem Fall ist ein Wettbewerb zwischen verschiedenen Systemen notwendig, die soweit voneinander unabhängig sind, dass einzelne Systeme Krisen durchlaufen können (wie es bei Geldsystemen immer wieder vorkommt) ohne dass eine globale Krise ausbricht. Man braucht also Redundanzen und Reserven auch auf Kosten vordergründig optimierter Effizienz.
Der Schweizer Bankier Konrad Hummler hat sich sehr optimistisch zu diesem Thema geäußert (ab min 21:05):
http://vimeo.com/7468135
„Es wird ein Wettbewerb der Systeme stattfinden und die Teile der Welt, die so organisiert sind, wie sie es bis jetzt waren, werden einen relativen Nachteil erleiden gegenüber anderen Teilen der Welt, die anders organisiert sind…das kann auch eine virtuelle Sache sein.“
Entfernt. Bitte verzichten Sie auf Werbung. Danke. Die Redaktion/sc
Beteiligungen an Bäcker, Metzger und Beerdigungsinstitut - das geht immer.
sind doch Käse!
Was ist die geschickt versteckte Botschaft Ihres Artikels? Zum Ende hin kommen noch zwei "Experten" zu Wort: Der Professor beschwört uns, dass unser Geld doch besser bei den Banken aufgehoben ist und Frau Castelló von der Verbraucherzentrale (!) versteigt sich zu der ahnungslos-kühnen Behauptung, dass wir es bereits bei einer Verzinsung von 6% mit einer riskanten Wette zu tun haben. Mit Verlaub, eine Aussage, die in ihrer Pauschalität schlicht Unsinn ist. Sie zäumt das Pferd von hinten auf: Wenn ein Ergebnis bestimmter Höhe erwirtschaftet wird, dann ist das Geschäft unsicher?! Ok, hab´s verstanden, dann trag ich mein Säckel doch schnell wieder zur sicheren Bank, denn dort ist´s sicher und dort bekomme ich auch gaaanz sichere und satte Verzinsung von 1,5%. Klar, der Zins ist niedrig, aber dafür ist es ja, der Logik folgend, wirklich sicher.
"All diese Angebote richten sich an private Investoren,
die nicht allein ihr Geld vermehren wollen. "
Das ist ein Euphemismus denn zum Geldvermehren
sind solche Angebote auch nicht geeignet.
Der Metzger z.B. bietet nur Wurst als Zinsen.
Wenn die gute Frau nicht 500, sondern 10000 Euro
angelegt hätte, was sollte sie dann mit der vielen
Wurst anfangen? Soviel kann sie und ihre Familie
gar nicht essen.
Und der Pleitekandidat St.Pauli bietet
für ein sehr hohes Risiko mit seinen 6%
sehr geringe Rendite.
Diese Angebote mögen interessant sein, um
die lokale Wirtschaft oder
den Lieblingsverein zu unterstützen,
und dafür haben sie durchaus ihre Existenzberechtigung.
Aber als Geldanlage sind sie untauglich.
für ein Ehepaar oder eine Familie (Nichtvegetarier) für 1000 Euro (10% Naturalzins auf 10000 Euro Einlage) Fleisch- und Wurtstwaren pro Jahr zu verzehren?
Das sind knapp 20 Euro pro Woche und dürfte mengenmäßig bei nicht-Discounterpreisen noch gut im Durchschnittsverbrauch liegen.
Als ewige Fleischrente gar nicht so übel, nur, wie wird sowas steuerlich verarbeitet?
für ein Ehepaar oder eine Familie (Nichtvegetarier) für 1000 Euro (10% Naturalzins auf 10000 Euro Einlage) Fleisch- und Wurtstwaren pro Jahr zu verzehren?
Das sind knapp 20 Euro pro Woche und dürfte mengenmäßig bei nicht-Discounterpreisen noch gut im Durchschnittsverbrauch liegen.
Als ewige Fleischrente gar nicht so übel, nur, wie wird sowas steuerlich verarbeitet?
nur bin ich gespannt wie das Finanzamt reagiert, wenn das Beispiel Schule macht. Muss man dann dort 25% der Wurst abliefern?
aber dann hab' ich mir gedacht, Wurst ist ein Brotbelag und kein Einkommen, oder?
aber dann hab' ich mir gedacht, Wurst ist ein Brotbelag und kein Einkommen, oder?
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