Es war ein absurdes Gerichtsspektakel, und kaum einer war dabei. Die Verhandlung in Archangelsk im Norden Russlands verlief hinter geschlossenen Türen, als berührte sie Staatsgeheimnisse. Auf der Anklagebank saßen ein Historiker und ein Archivar, die sich dafür verantworten mussten, dass sie ihren Beruf ausgeübt hatten. Der eine forschte im Archiv, der andere half ihm dabei. Manche Zeugen der Anklage erinnerten sich vor Gericht kaum mehr, warum sie als Geschädigte auftraten beziehungsweise auftreten sollten. Der Geheimdienst FSB präsentierte die Ergebnisse aufwendiger Ermittlungen: die Aussagen einer informellen Mitarbeiterin, die Bilder einer Videokamera, die im Arbeitszimmer des Historikers versteckt worden war, beschlagnahmte Daten-CDs.

Worum ging es? Um einen Atomunfall? Um ein streng gehütetes militärisches Geheimnis? Um einen Kreml-Skandal? Nein. Es ging um ein Gedenkbuch für russlanddeutsche Stalinopfer.

Im Mai 2007 hatten das Deutsche Rote Kreuz und der Historische Forschungsverein der Deutschen aus Russland mit der Archangelsker Universität und dem Regionalarchiv des Innenministeriums eine Vereinbarung geschlossen: Der Archangelsker Historiker und Universitätsprofessor Michail Suprun sollte mit seinen Studenten im Regionalarchiv die Daten von etwa 40.000 deutschen und deutschrussischen Stalinopfern zusammentragen. Der Personenkreis war weit gefasst: Er reichte von Russlanddeutschen, die vor 1941 verbannt worden waren, über ehemalige Angehörige der Wehrmacht in sowjetischer Kriegsgefangenschaft bis hin zu Russlanddeutschen, die während des Krieges nach Deutschland gegangen beziehungsweise geflohen und später von der sowjetischen Armee "repatriiert" worden waren. Viele von ihnen endeten in Lagern und Spezialsiedlungen im Gebiet von Archangelsk. Der Forschungsverein wollte ihr Schicksal in einem Opferbuch würdigen.

Aber das passte manchem in den örtlichen Sicherheitsbehörden nicht. Wie in alten Sowjetzeiten fand sich zum schuldig befundenen Menschen der passende Paragraf: Der Historiker habe mit der Sammlung der Daten und der geplanten Veröffentlichung des Opferbuches gegen Paragraf 137 des Strafgesetzbuches über die Verletzung der Privatsphäre verstoßen. Dabei stellte Suprun nur allgemeine Daten wie den Namen, das Geburtsdatum, den Geburtsort, den Zeitpunkt und Grund der Verbannung, Familienstand und Beruf zusammen. "Die Leiden in der Stalinzeit sind doch keine intimen Familiengeheimnisse", argumentierte Supruns Rechtsanwalt Iwan Pawlow. "Hier geht es um das Verhältnis des Menschen zum Staat und damit um uns alle."

Die Ankläger sahen das anders. Der FSB setzte Angehörige unter Druck, Nachfahren der Stalinopfer, er verpflichtete Supruns Assistentin zur Schnüffelei und erkundigte sich bei Studentinnen, ob der Historiker Schmiergeld nehme oder sexuelle Avancen mache. Sie durchsuchten Wohnung und Büro. Von etwa 40.000 Datensätzen hatte Suprun bereits 8.000 zusammengetragen und 2.000 an das Deutsche Rote Kreuz weitergeleitet. Er musste seine Arbeit abbrechen. Im Oktober 2011 begann der Prozess; dem Historiker drohte eine Höchststrafe von zwei Jahren Haft.

Das Urteil am 8. Dezember fiel milder aus: Suprun wurde schuldig gesprochen, blieb aber straffrei, da die "Tat" verjährt war. Der Archivar erhielt eine Bewährungsstrafe.

Trotzdem zeigt das Urteil Wirkung in Russland . Das Abschreckungssignal funktioniert. Ein Moskauer Historiker berichtet, dass ein Mitarbeiter eines Regionalarchivs im Altai-Gebiet schon erklärt habe, er halte freigegebene Dokumente erst einmal zurück. Er wolle lieber abwarten, wie sich die Lage entwickele. Ende Dezember verkündete ein Kollege in der Teilrepublik Komi, dass die Veröffentlichung eines Martyrologiums über die politischen Häftlinge der örtlichen Lager der Sowjetzeit gefährdet sei. Der Zugang zu ihren persönlichen Daten werde stark eingeschränkt.