DIE ZEIT: Seit Sie 2003 mit Ihrem Fotoprojekt Neontigers bekannt wurden, haben Sie Asiens Megacitys ein halbes Dutzend Bücher gewidmet. Ihr jüngster Band The Raw and the Cooked beschäftigt sich wieder mit den gewaltigen Umwälzungsprozessen in den Städten des Fernen Ostens. Woher diese Vorliebe für Asien ?

Peter Bialobrzeski: Die geht noch auf meine Jugend zurück. Damals faszinierte mich China , die Idee dieses Riesenreiches... Da wollte ich unbedingt mal hin. Während meines Volontariats als Tageszeitungs-Fotograf in Wolfsburg landete dann ein Kalender mit chinesischen Aquarellen in meinem Büro. Den musste ich ständig anstarren – bis ich einen Freund überreden konnte, im nächsten Winter einfach loszureisen.

ZEIT: Ausgerechnet im Winter nach China ?

Bialobrzeski: Wir merkten schon beim Planen, dass das nicht die beste Jahreszeit war. Aber es gab ja noch andere Länder in der Region. Wir kauften ein Ticket für Indien und Sri Lanka , unterwegs kamen noch Nepal , Thailand und Hongkong als weitere Reiseziele hinzu. Wir hatten uns vorgenommen, so lange zu bleiben, wie das Geld reicht.

ZEIT: Und wie lange reichte es?

Bialobrzeski: Zehn Monate. Ich habe damals eine völlig neue Form des Reisens entdeckt – im Vergleich zu den Urlauben mit meinen Eltern oder zu ersten Tramptouren nach Griechenland . Wir hatten uns ein Budget von zehn Mark pro Tag gesetzt. Fünf Mark fürs Essen, fünf fürs Schlafen. Je weniger wir ausgaben, desto länger konnten wir bleiben.

ZEIT: Sie haben sich also nicht als Urlauber gefühlt?

Bialobrzeski: Nein, wir waren Traveller. Wir waren die cooleren Reisenden. Aber diese Art des Unterwegsseins bedeutete auch harte Arbeit. Es war nicht einfach, im Budget zu bleiben. Als wir später doch nach China kamen, wollte man uns da immer die 80-Dollar-Zimmer geben – die für Ausländer, das war der Reflex. Aber es gab auch andere. Man musste nur nach einer dreißigstündigen Zugfahrt noch den Nerv haben, weitere fünf Stunden völlig übermüdet an der Rezeption auszuharren und darauf zu bestehen, dass man in den chinesischen Flügel für fünf Mark kommt.

ZEIT: Was gefiel Ihnen an Asien?

Bialobrzeski: Mir gefiel die Einfachheit des Lebens, ich mochte das Essen, das Wetter, die Freundlichkeit der meisten Menschen... Und dass, vor allem in Indien , fast täglich etwas passierte, das ich vorher nicht für möglich gehalten hätte.

ZEIT: Zum Beispiel?

Bialobrzeski: Vieles hatte mit den Lebensumständen zu tun, mit einem Überleben in Würde. Ich erinnere mich zum Beispiel an eine Fahrt mit einem klapprigen Bus. Der Kassierer hatte nur noch einen Armstumpf. Bei laufender Fahrt ließ er sich die Rupien auf seinen Stumpf legen und schnippte das Geld dann wahnsinnig geschickt in seine Hemdtasche. Es war einfach eine völlig fremde Welt – und diese Erfahrung prägt mich bis heute. Wenn ich in Mumbai lande, gibt es im Flughafen immer noch so einen Geruch aus Fäulnis, Feuchtigkeit und Klimaanlage, der sofort eine alte Fernweh-Erinnerung bei mir weckt.

ZEIT: Wie haben Sie während dieser ersten langen Reise fotografiert?

Bialobrzeski: Wahnsinnig schlecht. Ich habe Fotos gemacht, die nichts weiter waren als Fotos, von denen ich glaubte, dass die so aussehen müssten, wenn man in diese Länder reist. Das waren Abziehbilder von Fotos, die ich aus National Geographic oder Geo kannte. Nach der Reise habe ich mir die Bilder angeguckt und festgestellt, dass sie nichts von der Verbundenheit zeigten, die ich zu den Ländern empfand. Ich hätte mit den Bildern bestenfalls einen schönen Dia-Abend für Freunde bestreiten können. Eine eigene fotografische Sprache habe ich erst im Studium entwickelt.