Asiatische Mega-CitysIn weiter Ferne so hoch

Ein Gespräch mit dem Fotografen Peter Bialobrzeski – über Asiens Mega-Citys, richtiges Reisen und den Feldherrenblick von Merten Worthmann

Das Bild "Manila", 2008 von Peter Bialobrzeski

Das Bild "Manila" (2008) von Peter Bialobrzeski  |  © Peter Bialobrzeski/Hatje Cantz Verlag

DIE ZEIT: Seit Sie 2003 mit Ihrem Fotoprojekt Neontigers bekannt wurden, haben Sie Asiens Megacitys ein halbes Dutzend Bücher gewidmet. Ihr jüngster Band The Raw and the Cooked beschäftigt sich wieder mit den gewaltigen Umwälzungsprozessen in den Städten des Fernen Ostens. Woher diese Vorliebe für Asien ?

Peter Bialobrzeski: Die geht noch auf meine Jugend zurück. Damals faszinierte mich China , die Idee dieses Riesenreiches... Da wollte ich unbedingt mal hin. Während meines Volontariats als Tageszeitungs-Fotograf in Wolfsburg landete dann ein Kalender mit chinesischen Aquarellen in meinem Büro. Den musste ich ständig anstarren – bis ich einen Freund überreden konnte, im nächsten Winter einfach loszureisen.

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ZEIT: Ausgerechnet im Winter nach China ?

Bialobrzeski: Wir merkten schon beim Planen, dass das nicht die beste Jahreszeit war. Aber es gab ja noch andere Länder in der Region. Wir kauften ein Ticket für Indien und Sri Lanka , unterwegs kamen noch Nepal , Thailand und Hongkong als weitere Reiseziele hinzu. Wir hatten uns vorgenommen, so lange zu bleiben, wie das Geld reicht.

Peter Bialobrzeski
Peter Bialobrzeski

Die Neontigers haben ihn international bekannt gemacht. 2003 gewann Peter Bialobrzeski mit seinem Fotoprojekt über Asiens Boomstädte den World Press Award und stieg damit vom renommierten Reportagefotografen zum gefeierten Fotokünstler auf. Schon seit den achtziger Jahren bereist er den Fernen Osten – und begleitet bis heute den dortigen Umbruch mit immer neuen Projekten. Gerade ist im Verlag Hatje Cantz sein jüngstes Buch The Raw and the Cooked erschienen, eine weitere panoramatische Reise durch das urbane Asien. Im Januar erhielt Bialobrzeski, 1961 in Wolfsburg geboren, den Erich-Salomon-Preis der Deutschen Gesellschaft für Photographie.

ZEIT: Und wie lange reichte es?

Bialobrzeski: Zehn Monate. Ich habe damals eine völlig neue Form des Reisens entdeckt – im Vergleich zu den Urlauben mit meinen Eltern oder zu ersten Tramptouren nach Griechenland . Wir hatten uns ein Budget von zehn Mark pro Tag gesetzt. Fünf Mark fürs Essen, fünf fürs Schlafen. Je weniger wir ausgaben, desto länger konnten wir bleiben.

ZEIT: Sie haben sich also nicht als Urlauber gefühlt?

Bialobrzeski: Nein, wir waren Traveller. Wir waren die cooleren Reisenden. Aber diese Art des Unterwegsseins bedeutete auch harte Arbeit. Es war nicht einfach, im Budget zu bleiben. Als wir später doch nach China kamen, wollte man uns da immer die 80-Dollar-Zimmer geben – die für Ausländer, das war der Reflex. Aber es gab auch andere. Man musste nur nach einer dreißigstündigen Zugfahrt noch den Nerv haben, weitere fünf Stunden völlig übermüdet an der Rezeption auszuharren und darauf zu bestehen, dass man in den chinesischen Flügel für fünf Mark kommt.

ZEIT: Was gefiel Ihnen an Asien?

Bialobrzeski: Mir gefiel die Einfachheit des Lebens, ich mochte das Essen, das Wetter, die Freundlichkeit der meisten Menschen... Und dass, vor allem in Indien , fast täglich etwas passierte, das ich vorher nicht für möglich gehalten hätte.

ZEIT: Zum Beispiel?

Bialobrzeski: Vieles hatte mit den Lebensumständen zu tun, mit einem Überleben in Würde. Ich erinnere mich zum Beispiel an eine Fahrt mit einem klapprigen Bus. Der Kassierer hatte nur noch einen Armstumpf. Bei laufender Fahrt ließ er sich die Rupien auf seinen Stumpf legen und schnippte das Geld dann wahnsinnig geschickt in seine Hemdtasche. Es war einfach eine völlig fremde Welt – und diese Erfahrung prägt mich bis heute. Wenn ich in Mumbai lande, gibt es im Flughafen immer noch so einen Geruch aus Fäulnis, Feuchtigkeit und Klimaanlage, der sofort eine alte Fernweh-Erinnerung bei mir weckt.

ZEIT: Wie haben Sie während dieser ersten langen Reise fotografiert?

Bialobrzeski: Wahnsinnig schlecht. Ich habe Fotos gemacht, die nichts weiter waren als Fotos, von denen ich glaubte, dass die so aussehen müssten, wenn man in diese Länder reist. Das waren Abziehbilder von Fotos, die ich aus National Geographic oder Geo kannte. Nach der Reise habe ich mir die Bilder angeguckt und festgestellt, dass sie nichts von der Verbundenheit zeigten, die ich zu den Ländern empfand. Ich hätte mit den Bildern bestenfalls einen schönen Dia-Abend für Freunde bestreiten können. Eine eigene fotografische Sprache habe ich erst im Studium entwickelt.

Leserkommentare
  1. Für mich sind das eher Alpträume.
    Das hat etwas von osteuropäischen Plattenbautenstädten, allerdings hoch 10.
    Das weiß auch der Fotograf, deshalb springt er ja auch ganz gern schnell wieder raus.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Wenn Sie seine Arbeit einfach als unkritisches Hurra deuten, tun Sie ihm sicher Unrecht (und falls ich Sie missverstanden habe, entschuldigen Sie mich bitte ;)).

    Diese Megacity Strecken sind nur ein Teil seiner Arbeit:
    http://www.peter-bialobrzeski.de/work.html

    Arte strahlte vor ein paar Monaten einen interessanten Film aus, der Bialobrzeski bei seiner Arbeit in Asien und Afrika begleitet. Leider nach Ablauf des +7 nicht mehr vollständig im Netz zu sehen, hier lediglich ein kurzer Ausschnitt:
    http://www.691c.com/arte-kultur-auf-der-suche-nach-der-stadt/

    Wenn ich mir seine Fotos ansehe, spricht mich das einerseits an, einfach mal vom Bild her meine ich = ich will mir das genauer ansehen. Und mir geht es dabei vlt ähnlich wie Ihnen, das was ich sehe erschreckt mich auch oft - das liegt zT am Abgebildeten selbst aber auch an dem, was ich einfach mal, quasi aus Gewohnheit, im ersten Augenblick damit assoziiere. Aber es regt mich vor allem zum Nachdenken an, etwa wenn ich dann durch meine Stadt gehe und ihr unter dem Eindruck dieser Bilder neu begegnen kann,... und seine Arbeit drängt mir dabei, zumindest empfinde ich das so, keinen Standpunkt auf, oder jedenfalls keine Eindeutigkeit die man sich einfach abholt und dann geht. Eher lässt es Raum für Fragen oder Richtungen, in die man als Betrachter nachdenken möchte.

    • ID10T
    • 07. Februar 2012 14:41 Uhr

    ...hach, dieser Artikel erinnert mich so schön an meine "Traveller"-Zeit damals in Asien. Da hab ich doch glatt die deutsche Wiedervereinigung verpasst. Bin im August 1989 Richtung Pakistan aufgebrochen. Danach Indien, Burma, Thailand, Malaysia, Singapur, Indonesien. Von Bali aus bin ich zurückgeflogen, November 1990. Ich bin froh, all die heutigen Megastädte dort noch in ihrer weitgehenden "Ursprünglichkeit" gesehen zu haben. Jedoch hatten mir die ländlichen Gebiete vom Hindukusch bis Bali weitaus besser gefallen

    *seufz*

  2. Wenn Sie seine Arbeit einfach als unkritisches Hurra deuten, tun Sie ihm sicher Unrecht (und falls ich Sie missverstanden habe, entschuldigen Sie mich bitte ;)).

    Diese Megacity Strecken sind nur ein Teil seiner Arbeit:
    http://www.peter-bialobrzeski.de/work.html

    Arte strahlte vor ein paar Monaten einen interessanten Film aus, der Bialobrzeski bei seiner Arbeit in Asien und Afrika begleitet. Leider nach Ablauf des +7 nicht mehr vollständig im Netz zu sehen, hier lediglich ein kurzer Ausschnitt:
    http://www.691c.com/arte-kultur-auf-der-suche-nach-der-stadt/

    Wenn ich mir seine Fotos ansehe, spricht mich das einerseits an, einfach mal vom Bild her meine ich = ich will mir das genauer ansehen. Und mir geht es dabei vlt ähnlich wie Ihnen, das was ich sehe erschreckt mich auch oft - das liegt zT am Abgebildeten selbst aber auch an dem, was ich einfach mal, quasi aus Gewohnheit, im ersten Augenblick damit assoziiere. Aber es regt mich vor allem zum Nachdenken an, etwa wenn ich dann durch meine Stadt gehe und ihr unter dem Eindruck dieser Bilder neu begegnen kann,... und seine Arbeit drängt mir dabei, zumindest empfinde ich das so, keinen Standpunkt auf, oder jedenfalls keine Eindeutigkeit die man sich einfach abholt und dann geht. Eher lässt es Raum für Fragen oder Richtungen, in die man als Betrachter nachdenken möchte.

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    • Hagmar
    • 07. Februar 2012 17:09 Uhr

    Vielen Dank für die links. Ich bin fasziniert. Mich schaudert, und ich finds atemberaubend schön-hässlich-schön.

    • Hagmar
    • 07. Februar 2012 17:09 Uhr

    Vielen Dank für die links. Ich bin fasziniert. Mich schaudert, und ich finds atemberaubend schön-hässlich-schön.

    Antwort auf "@ Kommentar 1"
    • Hagmar
    • 07. Februar 2012 17:12 Uhr
  3. Es ist eine Angelegenheit in solchen Städten rumzureisen und zu entdecken....ist auch aber eine völlig andere Sache da zu wohnen und mit denselben Perspektiven zu haben wie die meisten Einwohnern da, wo die meisten von ihnen bitter Arm sind und dem lärm, schmutz, armut (mangel an allen), willkür der regierung, kriminalität, hoffnungslos ausgesetzt. Der Autor genießt und beurteilt die Städten mit westlichen Standards und Augen...dieser Eindruck ist infolgedessen offenkundig irreführend.

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    • Aflaton
    • 08. Februar 2012 3:45 Uhr

    Muss Ihnen da als ehemaliger "Traveller", der im Gegensatz zu ID10T 1989 noch kurz vor dem Mauerfall selbige von China und Suedostasien kommend ueberwunden ? / durchdrungen ?/ hat (oder einfach - durchgelassen wurde ?) und als Architekt und Stadplaner, der jetzt zwischen Deutschland und China arbeitet ganz entschieden fuer den Kuenstler und Fotografen und eben - Traveller Peter Bialobrzeski in die Bresche werfen.
    1. Sie koennen seinen Blick erst beurteilen, wenn Sie mehr als einen kurzen Einblick in sein Werk als Kuenstler, der "die Welt fotografiert, weil er wissen will, wie die Welt fotografiert aussieht" und - weil er damit auch eben mittels der "Poetik des Dokumentarischen" Dinge - auch unsere "gebaute Umwelt" dem Verschwinden entreissen will.("Man muss sich beeilen, um noch etwas zu sehen - Alles verschwindet!" - zumindest dieses Zitat von Paul Cezanne ist mir noch so ad hoc mit Quelle gelaeufig).
    Denn - zudem hat Peter Bialobrzeski eben auch einen Fotoband gemacht, der einen ganz anderen Blick auf Wohnen und Leben und Reisen ermoeglicht - eben einen Blick im Sinne von Mike Davis' "Planet der Slums", (http://www.materialien.org/planet/Planetofslums.pdf)
    der aber den Menschen dort in diesem speziellen Slum von Manila eben ihre Wuerde nicht nur belaesst - der geradezu eine Hommage an diese Menschen und ihre "Bau- und Lebenskunst" ist. http://www.hatjecantz.de/controller.php?cmd=detail&titzif=00002469&lang=de

    • Aflaton
    • 08. Februar 2012 3:45 Uhr

    Muss Ihnen da als ehemaliger "Traveller", der im Gegensatz zu ID10T 1989 noch kurz vor dem Mauerfall selbige von China und Suedostasien kommend ueberwunden ? / durchdrungen ?/ hat (oder einfach - durchgelassen wurde ?) und als Architekt und Stadplaner, der jetzt zwischen Deutschland und China arbeitet ganz entschieden fuer den Kuenstler und Fotografen und eben - Traveller Peter Bialobrzeski in die Bresche werfen.
    1. Sie koennen seinen Blick erst beurteilen, wenn Sie mehr als einen kurzen Einblick in sein Werk als Kuenstler, der "die Welt fotografiert, weil er wissen will, wie die Welt fotografiert aussieht" und - weil er damit auch eben mittels der "Poetik des Dokumentarischen" Dinge - auch unsere "gebaute Umwelt" dem Verschwinden entreissen will.("Man muss sich beeilen, um noch etwas zu sehen - Alles verschwindet!" - zumindest dieses Zitat von Paul Cezanne ist mir noch so ad hoc mit Quelle gelaeufig).
    Denn - zudem hat Peter Bialobrzeski eben auch einen Fotoband gemacht, der einen ganz anderen Blick auf Wohnen und Leben und Reisen ermoeglicht - eben einen Blick im Sinne von Mike Davis' "Planet der Slums", (http://www.materialien.org/planet/Planetofslums.pdf)
    der aber den Menschen dort in diesem speziellen Slum von Manila eben ihre Wuerde nicht nur belaesst - der geradezu eine Hommage an diese Menschen und ihre "Bau- und Lebenskunst" ist. http://www.hatjecantz.de/controller.php?cmd=detail&titzif=00002469&lang=de

  4. ...Megacities bauen und unsere Superdemokratie nur WDVS-Fertighäuser mit Verfallsdatum?

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