Kreuzfahrten: "Geborgen wie in der Wiege..."
Andreas Lukoschik hat ein Kreuzfahrt-Abc geschrieben. Ein Gespräch über Sicherheit an Bord und den Blick vom Achterdeck

Bei der klassischen Kreuzfahrt nutzten die Passagiere das Schiff noch mehr als Transportmittel.
DIE ZEIT: Herr Lukoschik, Sie sind bekennender Kreuzfahrt-Fan...
Andreas Lukoschik: Ich bin geradezu süchtig nach Kreuzfahrten. In acht Jahren habe ich fast zwei Dutzend gemacht.
ZEIT: Jetzt haben Sie ein Buch darüber geschrieben, ein Abc mit dem Titel Schläft das Personal auch an Bord?. Unter D wie Drill schildern Sie, wie sorgfältig auf den Schiffen Notfallübungen durchgeführt werden. Ist das überall so?
Lukoschik: Lassen Sie uns bitte über deutsche Schiffe reden, ich will nichts gegen andere Nationen sagen. Auf unseren gibt es innerhalb der ersten 24 Stunden eine Sicherheitseinweisung. Die ruft zwar bisweilen Heiterkeit hervor, weil alle diese orangefarbenen Styroporpranger um den Hals tragen...
ZEIT: ... Sie meinen die Schwimmwesten...
Lukoschik: ... aber das Training ist sehr umfassend. Auf den Gängen weisen Mitarbeiter den Gästen den Weg; an jedem Ausgang steht Personal mit Listen und hakt die Namen der Passagiere ab, damit keiner vergessen wird. Alle müssen sich an den Rettungsbooten sammeln, die im Unglücksfall ihre sind. Da kann sich niemand drücken. Notfalls wird er aus der Kabine geholt.

Andreas Lukoschik, 59, ist Moderator und Autor, liebt die Kreuzfahrt.
ZEIT: Klettert man auch in die Rettungsboote?
Lukoschik: Nein, das wäre dann doch zu viel des Guten. Aber ich habe zum Beispiel schon Mann-über-Bord-Manöver erlebt: Da wurde eine Gummipuppe ins Wasser geworfen, anschließend drehte das Schiff eine große Kurve und sammelte die Puppe wieder ein.
ZEIT: Nach dem dramatischen Schiffsunglück in Italien beklagten Passagiere, dass die Rettung chaotisch abgelaufen sei. Meinen Sie, das Image der Kreuzfahrtunternehmen hat Schaden genommen?
Lukoschik: Nach dem, was ich bisher von Reedereien und Reisebüros gehört habe: nein.
ZEIT: In den vergangenen Jahren gab es einen regelrechten Kreuzfahrt-Boom, die Unternehmen freuten sich über zweistellige Zuwachsraten. Wie erklären Sie sich das?
Lukoschik: Es ist doch so: Man checkt einmal ein, packt den Koffer aus, kommt dann weit herum – und das in vertrauter Umgebung. Überall wird Deutsch gesprochen. Und vergessen Sie nicht, wir werden auf den Schiffen auch immer ein kleines bisschen geschaukelt, wie im Mutterbauch oder in der Wiege. Das ist eine angenehme Geborgenheit.
ZEIT: Für manche ist diese Vorstellung eher einengend. Der Schauspieler Christoph Maria Herbst, der 2010 auf dem Fernseh-Traumschiff engagiert war, sprach anschließend in seinem Buch von einem »schippernden Knast«.
Lukoschik: Er bedient dabei einfach eines der drei großen Vorurteile gegenüber Kreuzfahrten, nämlich dass man tagelang nicht vom Schiff herunterkommt. Bei einer Atlantiküberquerung ist das so – aber da hat man das auch gebucht! Normalerweise fährt man nachts und legt morgens an schönen Häfen an. Wenn ich mit meiner Frau und meinem Sohn verreise, gehen wir dann von Bord und erobern die Stadt. Und wir haben einen Höllenspaß! Abends sind wir wieder in unserem fahrenden Hotel. Es gibt Schlimmeres.
ZEIT: Und was sind die anderen beiden Vorurteile?
Lukoschik: Erstens: Der Altersdurchschnitt an Bord ist 90 plus. Stimmt nicht – die Passagiere sind 50 plus, auf der Aida 42 plus. Zweitens: Man muss zum Frühstück den Smoking anziehen. Ich versichere Ihnen, das ist nicht so. Weder auf Riesenkähnen noch auf den kleinen für 300 oder 400 Passagiere, auf denen ich unterwegs bin.
ZEIT: Die kleinen sind Ihnen lieber?
Lukoschik: 3.000 Leute auf einem Schiff, das mache ich nicht gern. An Land gehe ich auch nicht in ein Riesenhotel. Sehen Sie, es gibt ja die klassische und die moderne Kreuzfahrt. Bei der klassischen nutzt man das Schiff eher als Transportmittel, um interessante Häfen anzulaufen. Bei der modernen zählt das Unterhaltungsangebot an Bord. Da gibt es nicht zwei, sondern acht bis zwölf Restaurants...
ZEIT: ... und Kletterwände, Wasserrutschen, Fitnessstudios.
Lukoschik: Das sind fahrende Parkhäuser oder Gebirge! Wenn die an einem vorbeiziehen, wird es dunkel. Das ist nicht meine Art zu reisen.
ZEIT: Sondern?
Lukoschik: Ich lese ein Buch oder genieße den Blick auf den Ozean. Der schönste Platz an Bord ist für mich sowieso das Achterdeck. Dort bekommt man ein Gefühl für den Weg, den das Schiff zurücklegt. Die Weite ist einfach großartig. Ich schaue ins sprudelnde Wasser hinter uns, das sich rätselhafterweise in ein stilles Band verwandelt, zu dessen Seiten sich links und rechts kleine Wellen kräuseln. Wenn ich dann noch ein Glas Champagner oder eine Havanna in der Hand habe, ist das sehr erhebend.
ZEIT: An H wie Havarie denken Sie dabei nie?
Lukoschik: Ich habe noch keine Havarie erlebt, möchte keine erleben und kenne einfach zu viele Kapitäne, die ausgesprochen vernünftig sind. Ich fühle mich auf Kreuzfahrten sehr sicher.









... wie auf dem Foto, aber die heutigen Kreuzfahrer sind nur schwimmende Mietskasernen, die nicht seetüchtig sind wie die großen Ozeandampfer von einst. Eine Kreuzfahrt mit einem traditionellen seetüchtigen Schiff erlebte ich aber noch kürzlich auf einer der wunderbaren Alaska-Touren aus Vancouver, die von niederländischen oder norwegischen Betreibern veranstaltet werden.
"Ich schaue ins sprudelnde Wasser hinter uns, das sich rätselhafterweise in ein stilles Band verwandelt, zu dessen Seiten sich links und rechts kleine Wellen kräuseln. Wenn ich dann noch ein Glas Champagner oder eine Havanna in der Hand habe, ist das sehr erhebend."
Dieser Gedanke macht wirklich Lust auf eine Kreuzfahrt - und das sagt Herrentorte - Alter: 29! ;)
Mit Kreuzfahren hat Andreas Lukoschik offenbar eine ihm gemäße Art der Freizeitgestaltung gefunden. Aber wat den Eenen sin Uhl ... In seinem Buch "Die Kunst des stilvollen Verarmens" sieht Alexander von Schönburg die Kreuzfahrt durch eine ganz andere Brille. Empfehlenswert seien sie ausschließlich für Rentner und Pensionäre, da nur sie über ausreichend Zeit verfügten, sich hinterher von der Fahrt zu erholen. Auch die umfangreich dargebotenen, seemännischen Verlustierungen an Bord wie Essen, Essen und, genau, Essen, fanden nicht das uneingeschränkte Wohlwollen Herrn von Schönburgs. Und dass sich das kleine bisschen Schaukeln wie im Mutterbauch (Lukoschik) bei entsprechender Windstärke zu einem gehörigem Auf und Ab zu übler Seekrankheit mit intensiver Beanspruchung der Kotztüte wandeln kann, hat der Autor vorsichtshalber auch ausgeblendet. Wenn dann das Budget nur eine Innenkabine unterhalb der Wasserlinie hergibt, und man beim Aufstieg regelmäßig einige Schotten passieren muss, kann das Lustige einer Seefahrt doch schon mal in Vergessenheit geraten.
Überwältigend dagegen ist das Erlebnis der See selbst. Das dunkle Blau des tiefen Meeres, die Größe und Länge der Wellen, wenn eine kräftige Brise weht fernab von jeder Küste. Wenn man dann auf Deck steht, empfindet man großen Respekt, ja Ehrfurcht, vor der Gewalt des Meeres. Schampus und Havanna sind da vollkommen überflüssig. Oder in den Worten Walt Whitmans (von Ralph Vaughan Williams kongenial vertont): Behold, the sea itself.
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