DIE ZEIT: Herr Lafontaine , der Antikapitalismus ist überall, aber ausgerechnet die Linke hat nichts davon. Wie kommt das?

Oskar Lafontaine: Wir haben uns in den vergangenen anderthalb Jahren mit Themen beschäftigt, die unsere Wähler nicht interessieren. Wir hatten Personaldebatten, wir diskutierten über Briefe an kubanische Regierungschefs. Kaum jemand weiß, dass wir als einzige Partei den Ausweg aus der Finanzkrise kennen: strenge Finanzmarktregulierung, direkte Kreditvergabe durch die Zentralbank an die europäischen Staaten und Millionärssteuer.

ZEIT: Sie waren Finanzminister, Sie hätten die Deregulierung der Finanzmärkte verhindern können. Doch statt zu kämpfen, haben Sie das Amt hingeworfen.

Lafontaine: Ein Minister, der sein wichtigstes Projekt nicht durchsetzen kann, muss Konsequenzen ziehen. Meine Vorschläge zur Regulierung der Finanzmärkte sind vom damaligen Bundeskanzler Schröder, vom britischen Premierminister und insbesondere von Bill Clinton brüsk zurückgewiesen worden. Auch die gesamte Presse lehnte meine Vorschläge ab. Ich hatte damals keine Chance. Heute sind alle dafür.

ZEIT: Wozu braucht man dann noch die Linke?

Lafontaine: Ich fasse es manchmal nicht, dass es immer noch nicht gelingt, die Banken an die Kette zu legen. Weder Frau Merkel noch Obama oder Sarkozy können behaupten, wirklich etwas Ernsthaftes, Einschneidendes gegen die Diktatur der Finanzmärkte getan zu haben. Auch Grüne und SPD proklamieren inzwischen unsere Forderungen; aber es sind reine Lippenbekenntnisse in der Opposition. Nur die Linke will wirklich regulieren, weil sie nicht durch Spenden von der Allianz oder der Deutschen Bank korrumpiert ist.

ZEIT: Auch bei Ihrer Partei müssen die Leute den Lippenbekenntnissen glauben. Die Linke hat keinerlei Aussichten auf eine Regierungsbeteiligung im Bund.

Lafontaine: Man kann auch aus der Opposition heraus regieren. Von 2007 bis 2009 haben wir die Agenda der Politik stark geprägt.

ZEIT: Aber nun hat nicht die Linke neuen Zulauf, sondern der Mitmach-Antikapitalismus der Occupy-Bewegung. Was hat Occupy, das Sie nicht haben?

Lafontaine: Sie haben nicht mit der Parteienverdrossenheit der Leute zu kämpfen. Wir wollen mit dieser Bewegung zusammenarbeiten. Die Ziele sind dieselben. Es muss gelingen, die Forderungen umzusetzen. Das geht nur im Parlament und nur, wenn die Linke stärker wird.

ZEIT: Ein Grund für den Misserfolg der Linken dürfte die innerparteiliche Giftigkeit sein. Es gibt keine andere Partei, in der die Mitglieder dermaßen übereinander herfallen wie bei den Linken.

Lafontaine: Sie irren sich. Innerparteiliche Konkurrenz und Ämterneid führen in allen Parteien zu weniger edlen Verhaltensweisen. Richtig ist, dass eine Partei, die nach außen Solidarität fordert, sie auch nach innen ausüben muss. Da besteht bei uns Nachholbedarf.

ZEIT: Was ist Ihr Anteil am Zustand der Partei?

Lafontaine: Wie Sie wissen, habe ich mich 2010 nach meiner Krebserkrankung aus der Bundespolitik zurückgezogen. Ich habe kein bundespolitisches Amt mehr.

ZEIT: Aber es gibt doch eine Verantwortung jenseits des Amtes.

Lafontaine: Die nehme ich wahr. Als Spitzenkandidat der Linken an der Saar kämpfe ich für ein gutes Wahlergebnis. Das hilft der ganzen Partei.

ZEIT: Wie sehr braucht Sie die Linkspartei ?