Manchmal, sagt der Schweizer Künstler Urs Fischer , 38, frage er sich: "Warum mache ich das eigentlich?" Er findet darauf keine Antwort. "Ich weiß es nicht. Ich glaube, alle Künstler haben eine Macke, sonst machst du das nicht." Welche hat er? "Ich habe bestimmt mehrere Macken, aber keine dramatischen. Ich will gutes Zeug machen. Da ist es besser, nicht zu viel zu reflektieren, bevor man handelt. Es ist doch ganz einfach: Wenn’s ein Scheiß ist, ist’s ein Scheiß."

Warum also macht er, was er macht? "Es ist auch die Lust", sagt Urs Fischer, "eine eigene Spur in die Welt zu setzen."

Die Spur, die Urs Fischer seit fast zwei Jahrzehnten durch die Kunstwelt zieht, ist riesig, im übertragenen wie im wörtlichen Sinn. Er ist einer der teuersten lebenden Schweizer Künstler, im vergangenen Jahr wurde selbst eine vergleichsweise kleine Skulptur für über 900.000 Dollar versteigert. Seine Arbeiten sind oft überdimensional, er lässt sich auch von Gebäudegrenzen nicht einschüchtern. Vor fünf Jahren kam er zum Beispiel auf den Gedanken, den Fußboden seiner New Yorker Galerie herausreißen zu lassen und die Besucher unter die Erde zu führen. "Der Grund war Langeweile", sagt Fischer, "Ausstellungen in Galerien sind doch immer gleich."

Einen Monat vor der Eröffnung hat Fischer die Idee und ruft seinen Galeristen Gavin Brown an: "Gavin, wir nehmen den Boden raus." Erst während des Telefonats, erinnert sich Fischer heute, wird ihm selbst klar, was er will. "Wir nehmen alles raus, wir müssen richtig rein in die Erde. Wir müssen aufs Ganze gehen." Die Bauarbeiten beginnen. Die Ausstellung wird ein spektakulärer Erfolg, Kritiker schwärmen, das Publikum strömt herbei. Urs Fischer hat die Kunstwelt für einen Moment aus den Angeln gehoben, mit einem Augenzwinkern. Und ihr gleichzeitig Angst gemacht. "Wenn man unten im Loch stand", sagt er, "und sah nach oben, wo jemand anders stand, wurde es richtig unangenehm." Es hat ihm gefallen, das Augenzwinkern und das Unangenehme miteinander zu verbinden. "Liebenswürdige Härte", so beschreibt er seinen Blick auf die Welt.

Es ist ein kalter, klarer, sonniger Sonntag in New York . Urs Fischers Atelier liegt in Red Hook, einer berüchtigten Gegend von Brooklyn, die in den neunziger Jahren von Life als "Crack-Hauptstadt Amerikas" bezeichnet wurde. Wenige Tage vor unserem Interview wird von der Polizei ein riesiges Drogendepot entdeckt, in der Nähe des Ateliers, die Lokalzeitung berichtet darüber routiniert.

Vor einigen Jahren haben Künstler angefangen, in Red Hook leer stehende Lagerhallen zu mieten, die Preise sind günstig. Das zog neue Cafés nach sich. So ist eine Atmosphäre entstanden, die Urs Fischer schätzt, ein Viertel mit liebenswürdiger Härte.

Er entschuldigt sich kurz, verabschiedet sich von seiner Frau, der Künstlerin Cassandra MacLeod, und seiner zweieinhalb Jahre alten Tochter Lotti, die in die Wohnung nach Manhattan fahren. Dann führt er den Besucher durch die riesige Halle, 50 Meter lang, 15 Meter breit. Überall stehen Skulpturen und Fotografien, manche fertig, andere in Arbeit, dazwischen Maschinen und Werkzeuge, Kisten, Regale, Zeitschriften.

15 Mitarbeiter hat Fischer, die einen Künstler und Handwerker, die anderen Büromitarbeiter, die seine Arbeit organisieren und verwalten. Die beiden Gruppen verstehen sich nicht immer und haben deshalb ein Brett in der Mitte der Halle angebracht, um sich abzustimmen. Urs Fischer lacht. "Es geht vor allem um die Frage: Wer räumt wann die Küche auf?"

Die Büromitarbeiter sind am einen Ende der Halle auf einer Art Empore untergebracht, dort ist auch die große, offene Küche, der eigentliche Mittelpunkt des Ateliers. Am anderen Ende hat Fischer in einem Glaskasten sein Büro, die Tür steht offen. "Das Denken mache ich alleine", sagt er, "aber ich bin gerne von Menschen umgeben. Das ist doch super, oder? Sonst wäre ich Maler geworden." Er sei nicht oft für sich, sagt er. "Wenn man alleine ist, versinkt man, wie beim Gedichteschreiben. Davor habe ich Angst: Wenn ich versänke, käme ich vielleicht nicht mehr heraus."

Deshalb hat er sich einen eigenen, dicht bevölkerten Planeten erschaffen, auf dem er sich jeden Tag bewegt. Den Planeten Urs Fischer. Und weil der Platz schon etwas knapp geworden ist, hat er um die Ecke eine zweite Halle gemietet.