Charles DickensDer Mensch als Maschine

An seinem 200. Geburtstag lässt sich Charles Dickens in glanzvoller Übersetzung neu entdecken: Als Avantgardist vom Schlage Kafkas

Charles Dickens 1867

Charles Dickens 1867

Charles Dickens war – sein Leben lang – über die Maßen fleißig, diszipliniert und zielbewusst. Er war das Kind einer Gesellschaft, die verspricht, ebendiese Eigenschaften mit sozialem Aufstieg zu belohnen. In seinem Leben erfüllte sich der bürgerliche Aufstiegstraum aufs Schönste. In seinem Werk malte er auch die albtraumhaften Seiten des rationalistischen Welt- und Menschenbildes aus, dessen historische Durchsetzung seine Biografie begleitete.

Im Mai 1827, Dickens ist gerade einmal 15 Jahre alt, tritt er als Gehilfe in eine Londoner Anwaltskanzlei ein. Im Winter darauf wechselt er in eine andere Kanzlei und trifft wiederum ein paar Monate später die Entscheidung gegen eine juristische Laufbahn. Er will und wird schreiben und arbeitet zunächst, für den Anwaltslehrling naheliegend, als Gerichtsreporter. Er ist nun 17 Jahre alt. In Hans-Dieter Gelferts Dickens-Biografie findet sich zu dieser Berufsetappe des jungen Mannes ein Absatz, dessen Erstaunlichkeit sich erst dem zweiten Blick erschließt: »Irgendwann im Jahr 1829 tat er (Dickens) sich mit Thomas Charlton, einem anderen Gerichtsreporter, zusammen und betrieb mit ihm gemeinsam ein Büro, das Reportagen der Prozesse am Gerichtshof Doctor’s Commons an die Presse lieferte.« So ließe sich auch ein Kreuzberger Textkollektiv oder eine Internet-Agentur in Berlin-Mitte unserer Gegenwart beschreiben.

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Dass die weltliterarische Bedeutung Charles Dickens’ unterschätzt würde, kann man wahrhaft nicht behaupten. Er gilt als der berühmteste englische Schriftsteller des 19. Jahrhunderts, sein Nachruhm ist in vorzüglichen Editionen beheimatet und wird beglänzt von biografischer wie soziologischer Forschungsarbeit der liebevollsten und akribischsten Art. Und doch wird Charles Dickens in einer Hinsicht vielleicht unterschätzt: in seiner Modernität. In seiner Statur als Avantgardist. Für sein Heimatland dürfte dies weniger gelten als für unsere Breitengrade, wo der Name Dickens bis heute eine Assoziationskette auslöst, die von Titeln wie Oliver Twist, David Copperfield oder Weihnachtserzählungen zu der vagen Vorstellung führt, es handele sich hierbei um Romane von beschaulicher Munterkeit und jugendliteraturhafter Abenteuerlichkeit.

Tatsächlich ist das Werk Dickens’ ohne seine zahlreichen jugendlichen Helden, ohne all seine Waisenkinder, die das Leben als pikareske Achterbahnfahrt durch Armut und Schufterei, Entbehrung und Hoffnung kennenlernen, überhaupt nicht vorstellbar. Ebenso wenig aber ohne die Dramaturgie des Schocks, ohne die Ästhetik des Unheimlichen, die ihre Fühler weit in die Zukunft streckt und das Surreale wie das Absurde berührt, ohne das Bewusstsein für die Störung des neuen Zeitempfindens, die nervöse Asymmetrie zwischen technisierter Beschleunigung und somnambuler Verzögerung. Kurzum: ohne das Repertoire der literarischen Moderne, das Charles Dickens’ genialische Größe und ihn selbst als transatlantischen Geistesgefährten von Edgar Allan Poe und Vorfahren von Franz Kafka kennzeichnet.

Diese Modernität indes betrifft nicht nur das Werk. Sie betrifft auch dessen energische Vermarktung durch den Autor. Charles Dickens, der sich in Verlagsverhandlungen, bei Honorarforderungen und der Multiverwertung seiner Texte als knallharter Business- und Selfmademan erwies, der bei allem, was er unternahm, den Faktor Geld beziehungsweise den möglichen Erwerb von Immobilien scharf im Auge hatte, beherrschte das operative Geschäft des literarischen Erfolges wie keiner vor und – dies ist das wahrhaft Erstaunliche – auch keiner nach ihm. Allein das Pensum seiner Lesetouren irritiert unsere Annahme, vor 150 Jahren sei der Literaturbetrieb Europas so grundlegend anders gewesen, dass sich kaum Vergleiche mit der Gegenwart ziehen ließen. Mitnichten. Dickens’ öffentliche Präsenz nimmt sich nicht geringer aus als die Daniel Kehlmanns zu Zeiten der Veröffentlichung seines Bestsellers Die Vermessung der Welt. Allein in den ersten Monaten des Jahres 1867 trat Dickens bei 42 Lesungen in England und Irland auf. Im Herbst schiffte er sich nach Amerika ein, um dort eine Serie von 75 Lesungen zu absolvieren. Im Herbst darauf startete er eine Abschiedstour mit 72 Lesungen, der 1870, seinem Todesjahr, eine allerletzte Auftrittsserie von elf Lesungen folgte.

Das Streben nach oben – dies ist das Hauptmotiv im Leben des Schriftstellers Charles Dickens. Und es ist das Hauptmotiv seines autobiografisch gefärbten Werks. Für den Autor wie für seine jungen Helden aber gilt: Der eiserne Wille, es im Fahrstuhl der Gesellschaft auf die Penthouse-Ebene zu schaffen, steht vor allem jenen zur Verfügung, die einmal oder von Beginn an ganz weit unten waren. Das war Dickens. Denn bevor er als 15-Jähriger in der Anwaltskanzlei zu dienen begann, geriet er in den Tunnel einer Arbeitsfron, dessen Licht am Ausgang ein Kind nicht sehen kann. Es ist das Erniedrigungstrauma im Leben von Charles Dickens, in vielen Variationen, beispielsweise in David Copperfield, literarisch bearbeitet: Dickens’ Vater, unfähig zu vernünftigem Haushalten, wurde 1822 als Schuldgefangener in Haft, sein zwölfjähriger Sohn daraufhin aus dem Schulunterricht genommen, um in einer Schuhwichsfabrik zu arbeiten und so zur Ernährung der Familie beizutragen. Es muss für Dickens eine Erfahrung vollkommener Vernichtung jedweder Lebenshoffnung und Lebensaussicht gewesen sein. Eine Erfahrung, die sein Ich so mörderisch zu erdrücken drohte, wie sie es dauerhaft prägte. Die Arithmetik des Erfolgs, die Dickens sich mit märchenhafter Sicherheit aneignete, hat in diesem gespenstischen Nullpunkt seiner Kindheit ihren Ursprung.

Leser-Kommentare
  1. "... knallharter Business- und Selfmademan". So wie Kafka.

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    kafkaesk...

    ...da mussten auch penibel Texte geschrieben werden. Nachträglich sind die sogar veröffentlicht wurden. Kafkas Business-Quälitäten posthum.

    kafkaesk...

    ...da mussten auch penibel Texte geschrieben werden. Nachträglich sind die sogar veröffentlicht wurden. Kafkas Business-Quälitäten posthum.

  2. Ich bezweifle nicht, dass die Neuübersetzung sehr gut sein muss, und dennoch ist eine Investition ins Englischlernen, um Dickens im Original zu lesen, ungleich lohnender. Dostojewski im Original zu lesen ist eine Sache, aber Dickens, Shakespeare, Blake, Melville, dazu muss man nicht Anglistik studiert haben. Selbst wenn man nur 80% versteht, ist die Kraft der Originalsprache doch ein ganz anderes Erlebnis als eine Übersetzung, und das Schulenglisch lässt sich doch bei allen Interessierten ausweiten.

    2 Leser-Empfehlungen
  3. Die von Dickens geschilderten Umstände fielen damals durchaus auch den Europäern - pardon, Kontinentaleuropäern - auf, wurden aber als typisch englisch fehlgedeutet. Man braucht also nicht den rassistischen Alkoholiker E.A.Poe zu bemühen, sondern kann ganz einfach auf Heinrich Heine verweisen:

    "Es geht die Sage, dass ein englischer Mechanikus, der schon die künstlichsten Maschinen erdacht, endlich auch auf den Einfall geraten, einen Menschen zu fabrizieren; dieses sei ihm auch endlich gelungen, das Werk seiner Hände konnte sich ganz wie ein Mensch gebärden und betragen, es trug in der ledernen Brust sogar eine Art menschlichen Gefühls, das von den gewöhnlichen Gefühlen der Engländer nicht gar zu sehr verschieden war....Eine Seele ...aber hat ihm der englische Mechanikus nicht geben können, und das arme Geschöpf, das sich solchen Mangels bewusst worden, quälte nun Tag und Nacht seinen Schöpfer mit der Bitte, ihm eine Seele zu geben.... Das Automat aber nahm gleich Extrapost, verfolgte ihn nach dem Kontinente, reist beständig hinter ihm her, erwischt ihn manchmal und schnarrt und grunzt ihm dann entgegen: Give me a soul!..."
    (H.Heine, Zur Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland, Drittes Buch)

  4. Und... wieso weshalb warum ist die neue Übersetzung so toll?
    Nur weil sie "neu" ist? Wieso gibt's keine Beispiele: bisher vs. neu? Oder ist die womöglich gar nicht so sensationell, diese neue Übersetzung?

  5. Antwort auf "Wie Kafka"
  6. "Seine neue Identität verdankt sich ideell einem Teufelsplan, materiell der Diebesbeute von Magwitch."
    Das ist zwar ein hübscher Satz, aber leider nicht richtig: Magwitch wird nach Australien deportiert und erarbeitet sich dort auf ehrliche Art ein Vermögen, das er nicht für sich nützt, sondern nur für seine Idee aus Pip einen Gentleman zu machen.

  7. ...würde ich Dickens eher mit Karl May vergleichen als mit Kafka. Tatsächlich immer das gleiche (Waisenkindschicksal), aber wundervoll geschrieben...sehr viel Mitleidsethos und packend bis spannend für den Leser.

    Kafka ist eine Liga drüber. Erst Recht in Sachen Avantgardismus.

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  8. ...da mussten auch penibel Texte geschrieben werden. Nachträglich sind die sogar veröffentlicht wurden. Kafkas Business-Quälitäten posthum.

    Antwort auf "Wie Kafka"

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