Roman von Jennifer EganSoundcheck Brooklyn

Die Amerikanerin Jennifer Egan ist eine tollkühne Erzählerin, mixt Rock mit Short Storys, Sex und PowerPoint und ist zu Recht ein Star. von 

Die Schriftstellerin Jennifer Egan

Die Schriftstellerin Jennifer Egan  |  © Don Emmert/AFP

Die Soundkulisse: das Strudeln in der Damentoilette, ein quengeliges Tremolo der Slide-Gitarre, Sirenengekreische, Hubschraubergeschnatter in den Schluchten von Manhattan , ein endloses Toktok vom Tenniscourt eines Country Clubs. Das milchsatte Seufzen der Kinder im Schlaf. Und natürlich dieser Nichtsound, die Stille. Zur Stille gibt es in diesem Buch ein eigenes Kapitel, gedruckt als PowerPoint-Präsentation einer 12-jährigen Schülerin, zum Thema der Bedeutung von Pausen in der Rockmusik, die Erzählstimme ist abgeschaltet, und über Seiten entfalten sich stumme Grafiken, etwa über das Verhältnis von Pausenlänge zu Gänsehautfaktor, im Vergleich von Led Zeppelins God Times, Bad Times zu den Doobie Brothers mit Long Train Runnin’ oder Foxy Lady von Jimi Hendrix , nicht zu vergessen An Horse mit Rearrange Beds , dieses Kapitel ist selber ein Innehalten, tiefes Luftholen, bevor das letzte Kapitel, das Finale ansetzt.

Ein Stopp, und wieder Neueinsatz. Das ist das Strukturprinzip dieses aufregenden neuen Romans von Jennifer Egan, die sich in seinen Rhythmen unter anderem am Puls von TV-Soaps, den stetigen Klicks unserer Internet-Tage, nostalgisch aber am Takt einer Sampler-Platte der siebziger Jahre orientiert, was im Originaltitel Visit from the Goon Squad noch mitschwingt, "Besuch vom Schlägertrupp". Da ist jedenfalls mehr Muskel und Iggy Pop drin als im philosophisch flüsternden deutschen Titel Der größere Teil der Welt.

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Der deutsche Titel zielt auf etwas anderes: das Versprechen, in einen unerhörten Wahrnehmungskosmos abtauchen zu können. Davonzuwirbeln durch 13 Storys, in einem fulminanten Lesevergnügen, wo jede Story ihren eigenen Protagonisten hat und mit ihm durch den Orbit schweift, durch vier Jahrzehnte und den Raum globaler Geschäftsbeziehungen. Mal landen wir im grasgeschwängerten Hippiedunst von L.A., mal geht es mit einer Patchworkfamilie auf Safari nach Afrika , dann findet man sich in einer Zukunft ausgesetzt, in der Babys mit Speckfingern auf ihrem kleinen Smartphone rumtatschen. Dieses Buch ist ein durchtriebenes Unternehmen, den einen Moment sitzt man im East Village auf einer Bank im Thompson Square Park, wo die Hunde seit hundert Jahren abkacken dürfen, dann schnattern die Vögel in einem tropischen Urwald zum Auftritt eines genozidalen Generals in seiner neusten PR-Maßnahme, oder man findet sich an einem Wintermorgen unter der Williamsburg Bridge und blickt in die aufgehende Sonne mit den Augen von Junkies, die roh aussehen, "wie geschält", heißt es, während sich der eisige Himmel sanft koloriert und eine Joggerin heranschnauft.

Jennifer Egan läuft Amerikas Autoren davon, mühelos. Unglaublich, mit welcher Leichtigkeit sie Szene um Szene entwirft, in fabelhafter Fülle, ihre Figuren durcheinanderwirbelt, am Tempo der Geschichten dreht, als schleudere sie, kommentierte ein amerikanischer Kritiker, einen Müllbeutel am ausgestreckten Arm durch die Luft – den sie aber nicht loslasse. Einkaufsnetz, das wäre die freundlichere Formulierung, jedenfalls gibt es einen Zusammenhalt zwischen diesen Storys, der liegt im eisernen Griff der Autorin, den dünnen Fäden, die sie von Story zu Story spinnt. Egan ist eine Virtuosin. "Na ja, was heißt schon experimentell", antwortet sie gerne auf Leserfragen, wann man denn zuletzt seinen Tristram Shandy gelesen habe. Avantgarde habe sich noch nie so vergnüglich angefühlt wie bei Egan, witzelt die Washington Post . "Jennifer Egan ist unsere Belohnung dafür, dass wir die selbstbezogenen Faxen und das ironische Gewäsch der Postmoderne ertragen haben." Okay, man ist versucht, sich ein Diagramm der Figuren im Querschnitt der Kapitel unter Berücksichtigung einer Verschiebung der Zeitachsen zu zeichen, um nicht verloren zu gehen.

Dies ist ihr viertes Buch, Bestseller natürlich, und es hat mit seinem Erscheinen 2010 den National Book Critics Circle Award abgeräumt, danach den Pulitzerpreis im März des vergangenen Jahres. Abgehängt: Helden wie Jonathan Franzen und David Grossmann. Jeder, der noch nicht das Vergnügen hatte, die Autorin zu treffen, kann Egan übrigens auf YouTube bewundern, da steht sie dann, cool wie eine neue Lauren Bacall , zur Diskussion in der New York Public Library oder ist zu Gast in Kalifornien , wo sie aufwuchs, leider etwas zu spät für die wahren Hippies, spottet sie, weshalb sie jahrelang demonstrativ barfuß durchs Leben gegangen sei.

Egan steht vor den Kameras in T-Shirt und Chinos, eine Fünfzigjährige mit der langgliedrigen Eleganz des ehemaligen Models. Fotografen lichten Egan auch gerne in Brooklyn ab, wo sie mit ihrem Mann und den zwei jungen Söhnen wohnt, dann etwa in Lederjacke und Jeans, drüber das klare Gesicht mit den weit auseinanderstehenden Augen und einem Haaransatz, der über der Stirn zackt wie sonst nur bei James Dean . Da steht die Erfolgsautorin dann auf einer der hohen Treppen, die zu den eleganten Bürgervillen des vorletzten Jahrhunderts hochführen, inmitten einer verdichteten Literaturlandschaft, in der Siri Hustvedt mit ihrem Paul Auster nur um die Ecke wohnt und sich einst Truman Capote mit seinem Liebsten in einer Kellerwohnung eingenistet hatte, während Tom Wolfe vorn an der Panoramameile residierte, mit Blick auf die Skyline, über deren gläserne Illusionskörper Egan ihr erstes Erfolgsbuch geschrieben hat, Look at Me . Es entfaltet die kulturelle Verletzbarkeit einer Kultur, die bei größtmöglicher Konzentration auf materielle Gewinne ihre Amoralität hinter einen fragilen Fassade zu verstecken versucht, ein so rührendes wie hilfloses Unternehmen. Mit dem Erscheinen dieses Buches, in dem ein Terrorist einen prominenten Auftritt hat, war Egan dem Attentat von Atta und Kollegen einige Tage voraus, was dazu führte, dass das Buch zunächst, inmitten des großen Schreckens, unbemerkt blieb, dann aber für gehörige Verwirrung sorgte. Wer ist diese Egan? Eine Hellseherin?

Das neue Buch verdanke sie dem fünfjährigen Ringen ihres Lesekreises mit Prousts Auf der Suche nach der verlorenen Zeit , kommentiert Egan heute selbstironisch. Sie erprobt, und darin nicht bescheiden – wer entwirft sich schon als neuer Proust? –, ein modernes Zeitgefühl, das sich auf den rasenden Flugstreckennetzen, inmitten von Onlinepräsenz entwickelt, an den Schaltstellen von Twitter und dem Dongdong der neusten E-Mail, kein durchweg erfreulicher Zustand; unser beständiges Kommunizieren sei eine Mimikry des alten Gothic-Horror-Erlebnisses, analysiert sie in Interviews.

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