Charles DickensMitten aus dem Leben

Hans-Dieter Gelfert erschließt die Welt und das Werk Charles Dickens’

Man darf sich Charles Dickens als einen Mann von ruheloser Unternehmungslust, starker Entscheidungskraft und stürmischem Temperament vorstellen. Kurz vor dem Bruch ihrer Ehe kam es zwischen Charles und Catherine Dickens im Oktober 1857 in London zu einem so heftigen Streit, »dass Dickens wutschnaubend das Haus um zwei Uhr morgens verließ und die 30 Meilen bis zu seinem Landsitz Gad’s Hill zu Fuß zurücklegte«, schreibt Hans-Dieter Gelfert in seiner Biografie.

Charles Dickens, Vater von zehn Kindern, Herausgeber zahlreicher Zeitschriften, Mittelpunkt eines weiten Freundes- und Bekanntenkreises, führte kein stilles, weltabgewandtes Poetenleben. Er stand mit der Welt in regem Austausch. Der neben Shakespeare bekannteste britische Autor der Weltliteratur besaß schon als junger Mann den Status einer öffentlichen Person. Charles Dickens war nach heutiger Begrifflichkeit ein echter Promi-Schriftsteller.

Anzeige

So jemand ist ergiebig für die Sekundärliteratur. Sie füllt im Falle Dickens eine Bibliothek. Die erste von 200 Biografien erschien noch zu seinen Lebzeiten. Es gibt Bücher über Dickens und das Geld. Dickens’ Interesse am Mesmerismus, Dickens und Amerika, Dickens und die Frauen, Dickens und die Welt des Kinos... Und nicht das geringste Verdienst des bekannten Anglisten Hans-Dieter Gelfert besteht darin, durch den Dschungel der Forschung einen Weg zu eröffnen, der für Dickens-Anfänger wie für Dickens-Spezialisten gleichermaßen interessant ist. Gelfert wird nicht vom Ehrgeiz getrieben, seine Vorgänger zu überflügeln, zumal nicht Michael Slater, dessen als Standardwerk geltende, im Jahr 2009 in England erschienene Biografie Charles Dickens. A Life Defined by Writing noch das kleinste Detail aus Leben und Werk aufspürt. Das eine mit dem anderen leitmotivisch zu verschränken, die biografische Erzählung und die philologische Interpretation gleichberechtigt zu gewichten, ist Hans-Dieter Gelfert hervorragend gelungen. Jedem der großen Romane Charles Dickens’ ist ein eigenes, in die Chronologie eingegliedertes Kapitel gewidmet. Das erweckt auf den ersten Blick den Eindruck einer etwas buchhalterischen Methode, liest sich aber schon deshalb flüssig und unterhaltsam, weil Hans-Dieter Gelfert das Gelebte und das Geschriebene in seiner Argumentation immer zugleich im Auge hat. So wirkt seine Beschreibung nie indiskret, auch dann nicht, wenn sie Dinge behandelt, vor deren Intimität Charles Dickens’ viktorianische Zeitgenossen Augen und Ohren verschlossen.

Erst fünfzig Jahre nach Dickens’ Tod wurde bekannt, dass er sich im Jahr 1857 von seiner Ehefrau ab- und mit aller Leidenschaft des Herzens einer mehr als zweieinhalb Jahrzehnte jüngeren Schauspielerin zuwandte. Die Liebe zu dieser Mädchenfrau war wohl auch der Grund für jenen Ehekrach, der Dickens’ nächtlichen Gewaltmarsch auslöste. Welchen Charakter Dickens’ Liaison mit der Schauspielerin besaß, ob sie sich aufs Platonische beschränkte, ließ die Nachwelt lange und detektivisch rätseln. Gelfert enthält sich des Urteils. Er verfolgt stattdessen eine Spur, die nicht unter die Bettdecke, sondern mitten in Charles Dickens’ literarische Fantasie führt: zum Ideal kindlicher Unschuld und kindlicher Unberührtheit, das durch jede von Dickens’ Jugendgeschichten durchschimmert. Hans-Dieter Gelfert starrt nicht durchs Schlüsselloch. Er erschließt dem Leser die Welt Charles Dickens’ – auf 350 konzentrierten, anschaulich geschriebenen Buchseiten. Wer Dickens nicht kennt, kann mit diesem Buch bestens beginnen, ihn kennenzulernen.

 
Schreiben Sie den ersten Kommentar!

    Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

    Service