Noch fehlen die Begriffe, um die Umbrüche in der arabischen Welt oder die Verwerfungen der internationalen Finanzmärkte genauer zu fassen. In solchen Phasen, in denen das Geschehen nur beschrieben und allenfalls an den einzelnen Ereignissen entlang analysiert werden kann, ist der Rückgriff auf historische Parallelen häufig der einzige Ausweg hin zu einem ersten Verstehen. Von dem, was kommen wird, spricht daher mit guten Gründen im Moment niemand.

Zu jenen, die seit mehr als fünfzig Jahren dennoch versuchen, die Durchleuchtung der Gegenwart mit Blick auf eine mögliche neue Ordnung zu betreiben, gehört der bald 83-jährige Amitai Etzioni. Seit seiner 1959 vorgelegten, erst 1980 publizierten Dissertation über die Organisation und Struktur des Kibbuz ergründet der in Deutschland geborene Soziologe und Politikwissenschaftler , was Gemeinschaften und Gesellschaften zusammenhält und wie sie trotz aller Rückschläge zu einer idealen Ordnung finden können.

Als engagierter Kommunitarist setzt er ganz auf den Versprechenscharakter des Gedachten. Jedem Heute wird folglich jener Moment abgewonnen, der auf ein besseres Morgen verweist. Doch nicht blinder Eskapismus und naiver Humanismus sind die Motoren dieser Weltsicht, sondern ein Wirklichkeitssinn, der auf der genauen Wahrnehmung langfristiger Veränderungsprozesse beruht. Blickt man in die zahllosen Bücher, Artikel und Blogbeiträge Etzionis, dann ist sofort erkennbar, wie der äußerst gut vernetzte Autor stets mit der genau rezipierten und verarbeiteten neuen Forschung und Literatur aufwarten kann. Selbst seine schwachen Texte sind schon aufgrund ihrer Literaturlisten unentbehrlich.

Was sich gelegentlich bei Etzioni wie eine soziologisch belehrte Geschichtsphilosophie liest, ist tatsächlich viel riskanter gedacht. Denn auch im neuen, im Original bereits 2004 erschienenen Buch Vom Empire zur Gemeinschaft sind die Thesen zu einem sich vermeintlich abzeichnenden, auf normativen Synthesen beruhenden Weltstaat nicht ohne tagespolitische Bemerkungen. Es verwundert daher nicht, wenn die Kommentare zu Etzionis Schriften von »überflüssig« bis hin zu »grundlegend« und »klassisch« reichen. Auch das neue Buch wird dieses Spektrum in der Rezeption erreichen, das ist leicht vorherzusagen.

Dass es mit desinteressiertem Schulterzucken beiseite gelegt werden könnte, dürfte dem neuen »Vorwort« geschuldet sein, das sich allzu leichtfüßig mit den globalen Prozessen der vergangenen sieben Jahren auseinandersetzt und ein bisschen viel Stolz auf die eigene Prognosekraft verbreitet. Auch im Folgenden muss man sich durch zahlreiche Passagen lesen, in denen sich Statistisches, dessen Analyse und der Blick nach vorn im Lichte des Jahres 2011 allenfalls noch merkwürdig ausnehmen. Es sind vor allem die Generalisierungen über die Rolle der USA in der Weltpolitik, die Gegenüberstellung von westlichen und östlichen Wertvorstellungen, die von Etzioni dann als kompatible Größen betrachtet werden, welche nachträglich nur schwer erkennen lassen, warum für ihre Ausformulierung ein solcher Aufwand betrieben wurde. Anderes klingt wiederum allzu glatt, auch weil das Vertrauen in die Schwere des behandelten Stoffes und das Drängen auf Veränderung der in den Blick genommenen Themen auf Kosten einer genauen Terminologie geht. Sätze wie »Die Welt benötigt vor allem ein höheres Sicherheitsniveau« sind unabhängig von ihrer vollständigen Richtigkeit ebenso vollkommen überflüssig.

Doch durch diese Dürren muss man sich durchbeißen, will man nicht all die Passagen verpassen, die auch dieses Buch Etzionis als »grundlegend« erscheinen lassen. Denn anders als den früheren Deutungskonkurrenten, die als »liberal« bezeichnet wurden, gibt Etzioni nun dem kommunitaristischen Lager neuen Antrieb. Angestoßen von dem Willen, dem trüben, ständig im Absinken begriffe- nen Schicksal der »Weltgemeinschaft« neues Leben einzuhauchen, buchstabiert er die notwendigen praktischen und institutionellen Grundlagen einer künftigen Weltgemeinschaft.

Er geht von der allzu realistischen Einsicht aus, dass die bisherigen Formen und Foren internationaler Kooperation an ihren eigenen Systemfehlern scheiterten, und will sodann die alten Prinzipien menschlicher Zusammengehörigkeitsgefühle in Ämter und Behörden überführen. Der Weg dorthin kann für ihn zunächst nur in der Einigung auf die Vermeidung fundamentaler Vergehen beruhen: Der Kampf gegen den großen Terror oder die Vernichtung von Bevölkerungsmassen etwa sollten unbedingten Vorrang haben. Das Machbare, das, worauf man sich scheinbar sofort einigen könnte, muss die Agenda der künftigen Gemeinschaft bestimmen. Erst das Schwere und Große, dann die Details. Ein Elder Statesman der Wissenschaften darf so sprechen. Anders als der von Hegel her überdeterminierte homogene »Weltstaat« des Philosophen und französischen Regierungsberaters Alexandre Kojève, soll Etzionis Projekt möglichst nicht nach dem »Ende der Geschichte« seinen Dienst antreten, sondern möglichst vorgestern. 

Das alles bleibt noch dramatisch unscharf, ist leicht mit dem Blick auf die Tagesaktualitäten aus den Angeln zu heben und lässt sich nicht mit zahllosen Verweisen auf Studien und dickleibigen Büchern der amerikanischen University Presses, die Etzioni sowieso besser als die meisten kennt, glaubhaft verteidigen. Gleichwohl erinnert sein Buch daran, dass Ideen die Welt bewegen und jeder unterschlagene konstruktive Gedanke, der sich mit Hoffnung verbindet, nur all denen leichtfertig recht gibt, die die großgeschriebene Politik als das wütende Gesetz der Erde sehen – gegen das keine Vernunft je ankommen wird. Insofern lässt sich mit Etzionis Buch zwar keine Weltgemeinschaft denken, falls das überhaupt wünschenswert ist, aber eine intellektuell wirksame Impfung gegen Fatalismus ist es in diesen Tagen gewiss.