Alle Kolumnen von Harald Martenstein aus dem ZEITmagazin zum Nachlesen © Nicole Sturz

Bei der Wahl zum "Unwort des Jahres" landete das Unwort "Gutmensch" auf Platz zwei. Begründung: Es sei doch wunderbar, wenn ein Mensch gut ist oder die Welt besser machen will. Das Wort "gut" zu diskriminieren sei böse. Ich nehme mir die Freiheit, das Unwort weiterhin zu verwenden. Ich möchte es jetzt sogar, aus Trotz, öfter verwenden. Gutmensch. Gutmensch. Gutmensch.

Wie gesagt, ich rauche immer noch. Warum? Weil Nikotin mein Gehirn erregt und weil ich das gernhabe. Andererseits, wie der Bundespräsident, der so gern "man" sagt, es ausdrücken würde: Sterben möchte man auch nicht. Am liebsten möchte man mit erregtem Gehirn uralt werden, wie Helmut Schmidt . Jetzt habe ich mir die E-Zigarette im Internet bestellt. Eine elektrische Zigarette besteht aus etwa so vielen Einzelteilen wie das Ikearegal Blöresund II. Sie ist auch ähnlich schwierig zusammenzubauen. Zuerst lädt man den Akku der Zigarette an der Steckdose auf, wie ein Handy. Dann schraubt man die Teile zusammen, Mundstück, Zerstäuber, Batterie, Reservoir. Wenn man am Mundstück zieht, geht die Zigarette automatisch an, vorne leuchtet ein blaues Licht. Das Plastikteil im Mund schmeckt ähnlich wie ein Thermometer, es ist ein Gefühl wie beim Fiebermessen. Die Zigarette muss waagerecht gehalten werden, sonst läuft die Flüssigkeit aus dem Reservoir in den Mund hinein. Ob ich es richtig mache, weiß ich nicht, ich kenne keinen E-Raucher. Mir fehlt ein Rollenmodell.

Ich tue dies, weil die E-Zigarette mich angeblich lediglich mit Nikotin versorgt, sie verschmutzt die Lunge angeblich nicht mit Teer, und der Rauch besteht angeblich hauptsächlich aus harmlosem Wasserdampf. Nikotin aber ist ein gesundheitlich relativ unbedenklicher Stoff, solange man es nicht übertreibt. Übertreibung ist sowieso immer schlecht. Wer zu viel Obst isst, stirbt an Obstvergiftung. Wer morgens und abends zum Yoga rennt, vernachlässigt wegen Yogasucht die sozialen Kontakte und wird schwachsinnig. Ein bisschen Nikotin dagegen: super.

In Berlin ist die E-Zigarette verboten. Dies ist unter anderem das Werk des Aktivisten Johannes Spatz, der verlangt, dass Zigaretten nur gegen Rezept in Apotheken abgegeben werden, und dessen Organisation "Forum Rauchfrei" Händler anzeigt, die E-Zigaretten anbieten. Erstens sei die E-Zigarette nicht dazu geeignet, sich das Rauchen abzugewöhnen. Dazu sage ich: Ich will das ja auch gar nicht. Zweitens sei die E-Zigarette nicht restlos erforscht , es sei nicht auszuschließen, dass sie vielleicht doch irgendwie schädlich ist. Dazu sage ich: Wenn nur noch Dinge erlaubt sind, die garantiert niemandem schaden, dann wird menschliches Leben auf diesem Planeten unmöglich. Jährlich sterben Hunderte beim Sex, der muss auch dringend verboten werden. Oder man darf es nur noch mit dem Apotheker machen.

Was geht diesen Herrn Spatz überhaupt mein Verhalten an? Wieso lässt er mich nicht in Ruhe, solange ich ihn nicht belästige und ihm keinen Rauch in seine edle Seele blase? Und bleiben Sie mir bloß weg mit dem Argument, dass die Allgemeinheit für die Krankheiten der Raucher bezahle. Sie sterben früher und entlasten so die Rentenkasse. Vor allem will ich selber entscheiden, es ist mein Leben, mein Risiko, nicht das von Johannes Spatz. Und nun will ich mein Risiko vermindern, aber dieser Tugend-Satan, dieses Väterchen Stalin der Gesundheit, möchte mich daran hindern. Gutsein ist, wie alles, eine Frage der Dosis, wenn man es übertreibt, wird es totalitär. Da sage ich: Gutmensch, Gutmensch, Gutmensch.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unterwww.zeit.de/audio