Soziologie : Politik als Beruf

Wider das Naserümpfen und Abseitsstehen: Wovon der Soziologe heute schreiben würde.
Max Weber (1864 - 1920) © Hulton Archive/Getty Images

In manchen Berliner Abgeordnetenbüros steht im Bücherregal jene kleine Schrift des Soziologen Max Weber mit dem Titel Politik als Beruf. Sie geht zurück auf einen Vortrag, den Weber im Januar 1919 in München hielt. Es war ein Moment der totalen Krise. Das Ancien Régime hatte alles vermasselt, und der Kaiser war ins Exil gegangen. Max Weber versuchte in dieser Situation ein realistisches Bild des Berufspolitikers zu entwerfen, wie ihn ein demokratisches Deutschland brauche. Es ist ein faszinierender Text, weil er einerseits mit Leidenschaft von der Politik als Berufung spricht, aber andererseits auch unsentimental von der Politik als Beruf handelt. Weber, der große Realist, zeichnet kein Traumbild des Politikers, wie es ihn nur in philosophischen Moraltraktaten gibt. Aber er verfällt auch nicht in die gegenteilige Rolle des Zynikers, der in der Politik nur den reinen Machtwillen am Werke sieht.

Gegen zwei Seiten grenzt sich Max Weber ab: gegen die alten Eliten und Revanchisten, die traditionellen Demokratieverächter – aber fast noch mehr gegen jene hochfliegende Revolutionsstimmung, die den Moment des Zusammenbruchs für eine utopische Politik nutzen wollte, die Erlösung von allen Übeln versprach. Das hielt Weber für pure politische Romantik. Hier entwickelt er seine berühmte Unterscheidung von Gesinnungsethik und Verantwortungsethik. Und ohne schon dies Wort zu kennen, arbeitet er sich ab an einer Position der Politikverdrossenheit, die in idealistischem Überschwang immer mehr verlangt, als die Wirklichkeit des Politikbetriebs hergibt.

Wer auf Millionen aus ist, geht in die Wirtschaft, nicht in die Politik

Max Weber

1864 geboren in Erfurt

1882–1886 Studium der Rechtswissenschaft, Ökonomie und Philosophie in Heidelberg, Berlin und Göttingen

1889–1892 Promotion und Habilitation in Berlin

1893 Heirat mit der späteren Frauenrechtlerin und Soziologin Marianne Schnitger

1893–1903 Professuren für Nationalökonomie in Berlin, Freiburg, Heidelberg. Danach vorzeitiger Ruhestand wegen einer psychischen Erkrankung

1918 Mitbegründer der Deutschen Demokratischen Partei

1920 gestorben in München

Obwohl Deutschland heute wahrlich keinen Krieg verloren hat, ist immer wieder mit apokalyptischem Unterton von einer Krise des politischen Systems die Rede. Gerade konstatierte der Schriftsteller Ingo Schulze in der Süddeutschen Zeitung »die Abschaffung der Demokratie« durch die Macht der Märkte – die Situation, schreibt er mit einem Modewort, sei längst »postdemokratisch«. Gleichzeitig gibt es die Sorge, die Politik sei viel zu unattraktiv geworden, um noch die besten Köpfe für sich zu gewinnen. Wer heute in die Politik geht, setzt sein Leben einer totalen Transparenz aus. Er muss damit umgehen, dass alle das Schlechteste von ihm denken, während er im selben Atemzug den höchsten moralischen Ansprüchen unterworfen wird. Wer tut sich das an außer eingefleischte narzisstische Naturen, die in dem medialen Dauerinteresse, das jedem ihrer Sätze entgegengebracht wird, einen steten Quell der Selbstbestätigung sehen? Wer es vor allem auf seine erste Million abgesehen hat, geht ohnehin in die Wirtschaft. Aber auch wer Spaß am Durchregieren findet, kann auf einem Vorstandsposten unbehelligter schalten als in den zermürbenden Kompromiss-Prozeduren der parlamentarischen Demokratie.

Man hat die Weimarer Republik eine Demokratie ohne Demokraten genannt. Dieses Schicksal sollte Deutschland nicht noch einmal blühen. Wenn Max Weber also heute in die Bütt steigen würde, um die parlamentarische Demokratie zu verteidigen, was würde er dann sagen?

Er hätte vor allem das Schlagwort von der Politikverdrossenheit aufgespießt. Er hätte erklärt, dass es eine wohlfeile Rückzugsposition ist, sich voll Überdruss vom politischen Geschäft abzuwenden, weil es den eigenen ästhetisch-moralischen Reinheitsvorstellungen nicht entspricht. Natürlich hat Politik häufig etwas von Geschachere – wie sollte das auch anders sein, wo Menschen um ihre Interessen ringen. Doch verglichen mit den Üblichkeiten eines Erbschaftsstreits, wie er in jeder Familie ausbricht, die nur ein bisschen was zu verteilen hat, geht es in der Politik gesittet zu.

Uncharismatisch sei die Politik, heißt es heute, wenig dazu angetan, den Bürger für seine Polis zu begeistern. Aber was ist das für eine Perspektive? Da werden Politiker behandelt wie Tänzerinnen in einem Nachtklub, die das Publikum langweilen, weil sie zu wenig Bein zeigen. Noch die letzte graue Maus ist sich heutzutage sicher, dass sie Packenderes verdient habe als die gemäßigte Prosa des Deutschen Bundestages. Seit Weizsäcker in den späten achtziger Jahren mit aristokratischer Geste die Parteien gedemütigt hat, gehört das Naserümpfen zum guten Ton. Seither gab es die Währungsunion , die deutsche Einheit, die Einführung des Euro , mit der Agenda 2010 die größte Sozialreform in der Geschichte der Bundesrepublik und die erfolgreiche Eindämmung der Bankenkrise . Wie spektakulär muss Politik denn noch aussehen, damit der Bürger nicht in Ennui versinkt?

Wenn heute davon die Rede ist, dass sich die Menschen von der Politik abwendeten, dann wird gerne präzisiert: In Wahrheit wendeten sich die Menschen nur von den Parteien ab. Das bürgerschaftliche Engagement sei beliebt, nur die parteimäßige Organisation verpönt. Das stimmt wohl. Müsste Max Weber seinen Aufsatz also an die heutigen Verhältnisse anpassen, er würde einen Absatz über falsch verstandene Vornehmtuerei einfügen: Denn es gelte dann auch einmal das Jämmerliche jenes Individualismus zu brandmarken, der sich für zu fein und subtil hält, als dass er bereit wäre, sich unter der notwendig generalisierenden Fahne einer Partei zu versammeln. Parteien sind per definitionem Verallgemeinerungen. Eine Partei, die mit meinen persönlichen Überzeugungen identisch wäre, wäre keine Partei, sondern mein Abbild. Es gehört Schneid dazu, sein Gesicht einer Partei zu leihen, auch wenn man sich nicht hundertprozentig mit ihr identifizieren kann.

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Kommentare

20 Kommentare Seite 1 von 4 Kommentieren

Die Frustationsgrenze...

... einiger Leser haben sie sicherlich überschritten. Auch lassen einige Passagen auf immense Kompetenz schließen, leider vergessen sie das zu erläutern, nicht jeder ist damit gesegnet.
Ansonsten, großen Dank. Man sollte nie vergessen, dass wir über Menschen urteilen müssen. Sie zeichnen dabei ein sehr verworrenes ambivalentes Bild des Beruf-Politikers.
Sie "übersehen" aber den gesellschaftlichen Wandel, der sich vollzogen hat. Viele Menschen interessieren sich nicht für Politik soland sie genügend Geld für Vergnügen besitzen. Um dann die Genugtuung zu rationalisieren, spricht man von Politikverdrossenheit.

Max Webers Arbeit

hat sicherlich in weiten Teilen einen hohen Erkenntniswert, ihm Stellungnahmen zur Situation des Parlamentarismus 2012 in den Mund zu legen kann man allerdings bestens als Stilmittel verstehen- mit Hilfe des 'großen Weber' den eigenen Aussagen Allgemeingültigkeit zu verleihen, sie gar seinem Werk an zu dichten entbehrt aus wissenschaftlicher Sicht jeder Grundlage. Ihre Stellungnahme lässt sich letztlich mehr oder weniger auf die letzten beiden Absätze beschränken, die in ihrer Aussage durchaus vertretenswert sein mögen- hier spricht aber nicht Weber, sondern der Autor.

zeimlich kreuz und quer gelesen

Weber ist schon recht vielschichtig, da hat Herr Mangold zeimlich kreuz und quer gelesen. Aber es ist gut immer mal wieder an daran erinnert zu werden, dass es oft mehr Sinn macht, die Dinge von ihren Ursachen und Intentionen her zu betrachten als von ihrer Funktion. Dafür vielen Dank!