Der Konflikt um das Bahnprojekt Stuttgart 21 eskaliert. Wieder. Neben dem laufenden Abriss des Südflügels steht das Fällen von 108 Bäumen im Mittleren Schlossgarten bevor, die Erlaubnis hierfür erging am vergangenen Donnerstag. Weil heftiger Protest droht, wird nun ein großes Polizeiaufgebot zusammengezogen.

Im Zentrum des verbissenen Streits stehen streng geschützte Juchtenkäfer . Diese urigen Bewohner wilder Urwälder haben sich quasi Zweitwohnungen in Baumhöhlen des gepflegten Schlossgartens zugelegt. Zwar sollen all jene Platanen stehen bleiben, in denen die seltenen Krabbeltiere hausen. Dennoch versucht der BUND Baden-Württemberg mit einem Eilverfahren die Fällungen noch zu stoppen. Begründung: Das verbleibende Restbiotop sei zu klein und isoliert, um das Überleben der knapp 500 Käfer zu sichern. Dafür reiche ihr Genpool nicht aus. Obendrein hätten die Tiere wegen ihres geringen Flugradius keine Chance mehr, sich mit Nachbarpopulationen zu paaren. Drum würden sie »über kurz oder lang aussterben«. So stellt sich nun die alles entscheidende Frage: Sollte man diesem indigenen Restvölkchen in einem naturfernen Bahnhofsbiotop aufwendig Asyl gewähren?

Das Drama der Juchtenkäfer, wissenschaftlich Osmoderma eremita und kurz auch Eremiten genannt, begann bereits im Oktober 2010. Damals wurde die Platane Nr. 552 im Schlossgarten gefällt , obwohl sich in ihren Hohlräumen viele Eremiten befanden – ein Fanal für Naturschützer, die einen Baustopp erzwangen. Inzwischen ist ein skurriler Grundsatzstreit zwischen Bahn und BUND entbrannt: Beide wollen angeblich nur das Beste für die Natur, vernachlässigen aber die Verhältnismäßigkeit der Mittel.

Denn der drohende, extrem teure Schaukampf um eine aussterbende Restpopulation im naturfernen Umfeld ergibt keinen Sinn. Juchtenkäfer gehören nämlich nicht in gepflegte Gärten, sondern – fern von menschlichen Eingriffen – in Urwälder. Nur dort gibt es viele alte, hohle Bäume, in denen Spechte zimmern, Vögel nisten und Pilze wachsen. Dann sammelt sich am Grund der Baumhöhlen feuchter Müll aus Vogelkot, Federn und viel moderndem Holz. Dieser »Mulm« genannte Urwaldkompost ist das Lebenselixier der Eremiten. Dort paaren sie sich, legen ihre Eier. Da wachsen drei bis vier Jahre lang ihre Larven, bis sie sich verpuppen, um dann für wenige Wochen als Käfer in tropisch warmen Nächten auf Partnersuche zu gehen.

Rodungen und Waldwirtschaft haben nicht nur den Eremiten, sondern 1.400 anderen xylobionten (im Holz lebenden) Käferarten ihre Nahrungsgrundlage weitgehend entzogen. Deshalb gelten diese Krabbeltiere zu Recht als bedroht. Der Juchtenkäfer ist ihr Symboltier und genießt als »Flaggschiffart« besondere Aufmerksamkeit. Wie prekär seine Lage ist, zeigt exemplarisch sein Stuttgarter Exil: Er muss im totholzarmen Schlossgarten überdauern, ausgerechnet in Platanen, einer nicht heimischen Baumart, die erst vor rund 270 Jahren importiert wurde. Gegen hohle Park- und Gartenbäume voller Mulm spricht die gesetzliche Pflicht zur Wegesicherung. Denn kein Besucher soll bei Sturm Schaden nehmen durch Bruchholz.