MethadonvergiftungIrgendjemand ließ Chantal sterben

Wie die Ideologie der Jugendhilfe ein Pflegekind in Hamburg im Stich ließ

Es ist entsetzlich, gewalttätigen oder völlig unfähigen Eltern ausgeliefert zu sein. Es ist gut, dass der Staat in solchen Fällen einschreitet und Kinder aus ihren Familien nimmt – wahrscheinlich tut er das sogar zu selten. Aber es greift Existenzielles an, wenn Kinder sich plötzlich nicht mehr in der Obhut von Mutter und Vater befinden – so unzulänglich die sein mögen –, sondern in der Obhut der staatlichen Jugendhilfe. In der Obhut von Menschen, die hoffentlich mitfühlend sind und Gutes wollen. Die aber vor allem eines tun: ihren Job.

Im Fall der elfjährigen Chantal aus Hamburg machten mehrere Menschen ihren Job so schlecht, dass es das Mädchen das Leben kostete: Vor zweieinhalb Wochen starb es an einer Methadonvergiftung. Irgendjemand hatte nicht erkannt, dass er zwei Drogenabhängige zu Pflegeeltern erklärt hatte. Irgendjemand hielt deren verwahrloste Wohnung für eine dem Kindeswohl angemessene Umgebung. Irgendjemandem entging dabei, dass Chantal nicht einmal ein eigenes Bett zum Schlafen hatte. Irgendjemand hat offenkundig komplett übersehen, wie verzweifelt das Mädchen war: Ihrem leiblichen Vater schrieb sie flehentlich, man möge sie aus dieser schrecklichen Familie retten; das Protokoll des letzten sozialpädagogischen Hausbesuchs notiert nur, dass Chantal ein Weihnachtsgedicht vorgetragen habe.

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Bisher sind die Einzelheiten des Falles zu verworren, um eindeutig sagen zu können, wer Schuld an all diesen Fehleinschätzungen hat. Mit der Verantwortung ist es einfacher: Die liegt bei der Leitung des zuständigen Jugendamtes und beim Leiter des Bezirksamtes. Die Unterbringung eines Kindes ist und bleibt eine hoheitliche Aufgabe.

Chantal ist aber nicht nur das Opfer eines einzelnen überforderten Sozialarbeiters geworden. Sie hat bezahlt für zwei Ideologien, die die eigenartige, den öffentlichen Blicken weitgehend entzogene Welt der Jugendhilfe prägen. Ideologie eins gibt sich modern: Der unbewegliche Staat ist demnach nicht in der Lage, gut und vor allem zu vernünftigen Preisen für bedürftige Kinder zu sorgen. Private Träger können das viel besser! Auf dieser Grundlage wird seit 15 Jahren in der Jugendhilfe »outgesourct« – auch in Hamburg-Wilhelmsburg, auch im Fall Chantal.

So entstand ein beispielloses Verantwortungswirrwarr zwischen dem örtlichen Jugendamt und dem Verband Sozialtherapeutischer Einrichtungen (VSE), der die unfähige Pflegefamilie – ja was eigentlich? Ausgesucht hat? Ein bisschen ausgesucht hat? Nur vorgeschlagen hat? Mit ihr gearbeitet hat? Und wie eigentlich »gearbeitet«, bei dem Ergebnis? Verband und Bezirksamt schieben einander die Schuld zu und haben vielleicht nicht einmal unrecht: Geteilte Zuständigkeit macht jeden etwas weniger zuständig. Wahnwitzigerweise sparen die Verschlankungsideologie und der Wettbewerb zwischen privaten »Leistungsbringern« den Behörden nicht einmal Geld. Zwischen 2001 und 2011 stiegen die Kosten für »Hilfen zur Erziehung« in Hamburg von 130 auf 240 Millionen jährlich, im Bund von fünf auf sieben Milliarden. Das 1990 reformierte Kinder- und Jugendhilfegesetz hatte den Trägerpluralismus durchaus gewollt, denn der Staat sollte nicht alles selbst machen. Allerdings ging es dabei um weltanschauliche Vielfalt in der Erziehung, nicht ums Geldverdienen.

Die zweite Ideologie hat ihre Wurzeln im antiautoritären Denken der 68er und wabert bis heute durch Erzieherfachschulen und Seminare für Soziale Arbeit: Sie könnte mit dem Stichwort der »milieunahen Unterbringung« zusammengefasst werden. Diese Weltsicht geht davon aus, dass die »HilfeadressatInnen«, die »Kunden« oder »Klienten« letztlich am besten wissen, was gut für sie ist – und so leben wollen, wie sie leben. Deshalb darf man sie nicht mit Mittelschichtswerten wie aufgeräumten Zimmern, ordentlichen Vorgärten und nahrhaften Mahlzeiten bedrängen.

Nach dieser Ideologie ist es folgerichtig, ein schwer benachteiligtes Kind wie Chantal (auch in ihrer leiblichen Familie gab es Suchtprobleme) in einem Umfeld unterzubringen, das fürsorglicher, aber dem bisherigen Zuhause nicht allzu unähnlich ist. Hätte Chantal nicht Chantal geheißen, sondern Louise, und wäre sie nicht im sozialen Brennpunkt Hamburg-Wilhelmsburg, sondern im unauffälligen Hamburg-Schnelsen aufgewachsen – sie wäre womöglich in eine Pflegefamilie gekommen, in der sie überlebt hätte.

 
Leserkommentare
  1. haben Kinder in solchen Situationen nicht einmal die Chance auf eine Art Neuverteilung der Chancen beim Zusammenbruch der Familie zu hoffen. Sie bleiben in diesem Fall sogar über Jahre, dort wo sie herkommen, bleiben im gleichen Sumpf stecken, wenn es denn einer ist, aus dem sie kommen und können auf nichts hoffen.

    Wenn das die Idee der Verteilung von Pflegekindern ist, ist da irgendetwas falsch.

    16 Leserempfehlungen
    • kinnas
    • 02.02.2012 um 8:59 Uhr

    "Mit der Verantwortung ist es einfacher: Die liegt bei der Leitung des zuständigen Jugendamtes und beim Leiter des Bezirksamtes. Die Unterbringung eines Kindes ist und bleibt eine hoheitliche Aufgabe."

    Und dann aber:

    "Verband und Bezirksamt schieben einander die Schuld zu und haben vielleicht nicht einmal unrecht: Geteilte Zuständigkeit macht jeden etwas weniger zuständig."

    Was nun? Verantwortung ist geklärt oder nicht? Wenigstens da könnte der Autor doch Stellung beziehen.
    Wenn outgesourced wird, die Verantwortung aber trotzdem beim Staat bleibt (was ich sinnvoll finde) dann ist auch die Schuldfrage klar: Wenn outgesourced wird, MUSSSSSS dafür gesorgt werden, daß das nicht zum Nachteil der Kinder geschieht. Schuld also ganz klar beim Verantwortlichen zu suchen. Dann soll man lieber das outsourcen lassen (siehe auch es wurde sogar teurer) und der Staat muss sich seiner Verantwortung wieder bewusster werden!

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    "Verband und Bezirksamt schieben einander die Schuld zu und haben vielleicht nicht einmal unrecht: Geteilte Zuständigkeit macht jeden etwas weniger zuständig."

    Das ist, mit Verlaub, nicht richtig. Es gilt der Grundsatz, das Verantwortung nicht delegierbar ist!

    Aufgaben können delegiert werden, aber nicht die Verantwortung. Es ist die Pflicht des Verantwortlichen, die Ausführung der Aufgaben zu überwachen und zu kontrollieren.

    Dazu muss nicht zwingend noch mehr Überwachungsbürokratie aufgebaut werden. Man gewinnt immer mehr den Eintrag, das wuchernde Aufzeichnungspflichten in der Praxis dazu dienen, Verantwortung in den bürokratischen Limbo abzuwimmeln.

    "Verband und Bezirksamt schieben einander die Schuld zu und haben vielleicht nicht einmal unrecht: Geteilte Zuständigkeit macht jeden etwas weniger zuständig."

    Das ist, mit Verlaub, nicht richtig. Es gilt der Grundsatz, das Verantwortung nicht delegierbar ist!

    Aufgaben können delegiert werden, aber nicht die Verantwortung. Es ist die Pflicht des Verantwortlichen, die Ausführung der Aufgaben zu überwachen und zu kontrollieren.

    Dazu muss nicht zwingend noch mehr Überwachungsbürokratie aufgebaut werden. Man gewinnt immer mehr den Eintrag, das wuchernde Aufzeichnungspflichten in der Praxis dazu dienen, Verantwortung in den bürokratischen Limbo abzuwimmeln.

  2. überhaupt noch an bei den Kindern? Da wird abgezockt, Gewalt ausgeübt, gemoppt, gehänselt, missbraucht. Schneller, besser, weiter, höher. Für das Wertesystem in der Familie bleibt keine Zeit mehr. Die Kinder sind sich selbst überlassen. Die Eltern sind überfordert und der Kindergarten/Schule soll es dann richten mit der Ideologie des antiautoritären Denkens der 68er.
    Ausnahmen bestätigen die Regal.
    Vielen Dank für diesen Artikel. Leider ist es kein Einzelfall!

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    • snilax
    • 02.02.2012 um 10:54 Uhr

    mir bitte mal sagen, was dass mit der "Ideologie" der '68 zu tun hat. Das kommt ja bei den " '68 Hassern" ja immer ganz stereotyp raus wenn Probleme in den Schulen oder wir im Falle von Chantal völlig unüberlegt und reflexhaft heraus, dass die '68 daran Schuld haben. Jetzt seine Häme über die '68 heraus zulassen zeugt von moralischer und ideologischer Unfähigkeit. Ich finde Frau Gaschke sollte sich erstmal über die tatsächliche Bedeutung der '68 informieren. Oder besser gleich die Schreiberei an den nagel hängen anstatt solche Stammtischweisheiten zu veröffentlichen.

    Wenn sie ein Wertesystem Familie verlangen, dann ist das schön und gut, hat aber mit den 68ern nur indirekt zu tun. Das "Wertesystem Familie" fußt in der Aufklärung - wenn ich denn ihr "Wertesystem Familie" richtig verstehe. Bis tief ins 3. Reich hinein wuchsen Kinder trotzdem mehr oder weniger alleine auf. Da hatte keiner Zeit sich um die Kinder zu kümmern.Die NAzis versuchten mit Mutterkreuz und HJ die Frauen und Kinder in ihr "Wertesystem Familie" einzugliedern. Wirklich erfolgreich waren sie nicht: Die Frauen mßten in die Rüstungsfabrik, die Kinder an die Front. Das "Wertesystem Familie" erlebte seine Blüte kurz nach dem Krieg und legte in seinem Desinteresse an allen Menschen, die nicht dem familiären Umfeld angehörten, auch gleich die Wurzel für seinen Untergang -und im übrigen auch die Wurzeln für so manche gesellschaftliche Problematik die wir heute haben. Chantal ist ein Opfer dieses "Wertesystems Familie", der Gleichgültigkeit gegenüber anderen Menschen.

    Und ja, Schulen und Kindergärten müssen die Probleme lösen, die Kapitalismus, das 3. Reich und das "Wertesystem Familie" geschaffen haben: Nämlich die Zerstörung eines sozialen Umfeldes in dem eine gesellschaftliche Verantwortung wahrgenommen wird, die über die 3, 4 Personen am Tisch hinaus wahrgenommen wird.

    Und die 68er? Die, die sie so sehr verteufeln, haben wesentlich mehr soziales Verantwortungsgefühl gezeigt, als die Generationen zuvor.

    • snilax
    • 02.02.2012 um 10:54 Uhr

    mir bitte mal sagen, was dass mit der "Ideologie" der '68 zu tun hat. Das kommt ja bei den " '68 Hassern" ja immer ganz stereotyp raus wenn Probleme in den Schulen oder wir im Falle von Chantal völlig unüberlegt und reflexhaft heraus, dass die '68 daran Schuld haben. Jetzt seine Häme über die '68 heraus zulassen zeugt von moralischer und ideologischer Unfähigkeit. Ich finde Frau Gaschke sollte sich erstmal über die tatsächliche Bedeutung der '68 informieren. Oder besser gleich die Schreiberei an den nagel hängen anstatt solche Stammtischweisheiten zu veröffentlichen.

    Wenn sie ein Wertesystem Familie verlangen, dann ist das schön und gut, hat aber mit den 68ern nur indirekt zu tun. Das "Wertesystem Familie" fußt in der Aufklärung - wenn ich denn ihr "Wertesystem Familie" richtig verstehe. Bis tief ins 3. Reich hinein wuchsen Kinder trotzdem mehr oder weniger alleine auf. Da hatte keiner Zeit sich um die Kinder zu kümmern.Die NAzis versuchten mit Mutterkreuz und HJ die Frauen und Kinder in ihr "Wertesystem Familie" einzugliedern. Wirklich erfolgreich waren sie nicht: Die Frauen mßten in die Rüstungsfabrik, die Kinder an die Front. Das "Wertesystem Familie" erlebte seine Blüte kurz nach dem Krieg und legte in seinem Desinteresse an allen Menschen, die nicht dem familiären Umfeld angehörten, auch gleich die Wurzel für seinen Untergang -und im übrigen auch die Wurzeln für so manche gesellschaftliche Problematik die wir heute haben. Chantal ist ein Opfer dieses "Wertesystems Familie", der Gleichgültigkeit gegenüber anderen Menschen.

    Und ja, Schulen und Kindergärten müssen die Probleme lösen, die Kapitalismus, das 3. Reich und das "Wertesystem Familie" geschaffen haben: Nämlich die Zerstörung eines sozialen Umfeldes in dem eine gesellschaftliche Verantwortung wahrgenommen wird, die über die 3, 4 Personen am Tisch hinaus wahrgenommen wird.

    Und die 68er? Die, die sie so sehr verteufeln, haben wesentlich mehr soziales Verantwortungsgefühl gezeigt, als die Generationen zuvor.

  3. Vielleicht wollte Chantal einfach nur noch schlafen und dies alles nicht mehr aushalten.

    Eine Leserempfehlung
    • SusaS
    • 02.02.2012 um 9:15 Uhr

    völlig angemessenerweise sarkstisch den Finger in die Wunder legt.

    Es ist einfach nicht zu fassen!

    4 Leserempfehlungen
    • aadam
    • 02.02.2012 um 9:16 Uhr

    Es gibt deutlich mehr Kinder, für die Pflegefamilien gesucht werden, als pflegebereite Pflegefamilien. Manche Pflegefamilien mögen nicht geeignet sein, aber es wird halt genommen, was auf dem Markt ist.
    Verantwortung: sorry, bin selbst Sozialarbeiter und in meinen Augen ist der werte Kollege verantwortich, sonst erstmal niemand. wer in dem Beruf nur seinen "Job" macht sollte sich was anderes suchen (wo er sicher auch besser verdient).

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    Soweit ich das verstanden habe, sind diverse Menschen (Ihre Kollegen) daran beteiligt gewesen, dass das Kind in diese Familie kam und dort über Jahre verblieb.

    Welchen nehmen wir nun, der die Verantwortung für den Tod des Mädchens bekommt? Haben wir die freie Auswahl oder gibt es einen, der besonders schuldig ist?

    Für mich ist das System, das dort dafür sorgt, dass über Jahre eine solche Unterbringung funktionieren kann und aufrecht erhalten wird, ein Problem, das vielleicht irgendwann mal überdacht wird. Einen einzigen, der als Schuldiger heraus ragen könnte, sehe ich im Rahmen der Berichterstattung (mehr kenne ich nicht) nicht.

    Soweit ich das verstanden habe, sind diverse Menschen (Ihre Kollegen) daran beteiligt gewesen, dass das Kind in diese Familie kam und dort über Jahre verblieb.

    Welchen nehmen wir nun, der die Verantwortung für den Tod des Mädchens bekommt? Haben wir die freie Auswahl oder gibt es einen, der besonders schuldig ist?

    Für mich ist das System, das dort dafür sorgt, dass über Jahre eine solche Unterbringung funktionieren kann und aufrecht erhalten wird, ein Problem, das vielleicht irgendwann mal überdacht wird. Einen einzigen, der als Schuldiger heraus ragen könnte, sehe ich im Rahmen der Berichterstattung (mehr kenne ich nicht) nicht.

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