Ich habe schließlich kapituliert und ein iPad 2 gekauft – noch ein Stück Elektromüll neben all den Netzteilen, Alt-Handys und PCs seit DOS-Zeiten. Ich schätze auch Apple nicht, diese Digi-Diktatur, die uns mit ihrer perfekten Ästhetik auf ihre Plattform lockt und nie wieder loslässt. Probieren Sie mal, Ihre eigenen CDs, die Sie bei iTunes gespeichert haben, dort wieder loszueisen.

Trotzdem: Jetzt lese ich ein Dutzend Zeitungen und Zeitschriften auf dem Pad – in Hamburg oder Delhi , in der Wanne oder am Küchentisch. Nicht die Blätter, die gestern um 17.30 Uhr zugemacht wurden, sondern die über Nacht aufgefrischten. Bill Gates von Microsoft (erinnern Sie sich noch an diesen Riesenkraken?) weissagte 1990, dass es 2000 keine gedruckten Zeitungen mehr geben werde. Es gibt sie. Jedenfalls meldete der Weltzeitungsverband vor Jahresfrist, dass 2,3 Milliarden Menschen Gedrucktes läsen, während Netznutzer insgesamt bloß 1,9 Milliarden ausmachten. Auch steige die Zahl der Zeitungstitel. Dennoch: Die Auflage sinkt – um etwa zwei Prozent pro Jahr.

Als Gates technotrunken in die Glaskugel blickte, waren iPad und Epigonen nicht einmal Science-Fiction. Stellen wir uns aber das Pad 7 vor: leichter, billiger, schneller, klapp- oder einrollbar wie ein Magazin, dazu gen null sinkende Übertragungskosten. Und rechnen dagegen, dass bei Tageszeitungen etwa die Hälfte aller Produktionskosten für Papier, Druck und Verteilung draufgehen. Dann denken wir an eine neue Generation von Journalisten, die auch Töne und bewegte Bilder beherrscht, die Print nicht hat. Folglich: Nicht die Zeitung wird verschwinden, niemals, sondern ihre Plattform, das Papier – so wie einst Tontafel und Pergament.

Das Buch ist eine andere Geschichte. Wohl lese ich auch Bücher auf Kindle und Pad, was sehr praktisch ist, weil man sie nicht mit sich herumschleppen muss. Amazon hat auch gemeldet, dass es 2011 zum ersten Mal mehr E-Bücher als gedruckte verkauft habe . Klar, sind doch E-Books in Amerika deutlich billiger als gedruckte. Aber wir wollen den Kulturpessimismus nicht zu weit treiben, weil da immer noch der alte Adam ist, und der hat ein Pad-Problem. Meine E-Bücher sehe ich nur, wenn ich sie aufrufe. Die ungelesenen D-Bücher stehen dagegen vor meiner Nase, jedes zugleich mahnender Finger und süße Verlockung.

Der amerikanische Autor William Gass schreibt über die Ungelesenen: "Man wird andauernd von entzückenden Werken angemacht, die einem zuflüstern, doch die gegenwärtige Liebe zu verlassen und sich neuen Freuden zuzuwenden." Das können Kindle und Pad nicht. Die liegen bloß rum, der Schirm dunkel und stumm. Was man nicht sieht, kann weder inspirieren noch verführen. Schon gar nicht kann man es berühren. Ich habe längst vergessen, welche Dornröschen in meinem Pad schlummern und auf die Befreiung warten.

Deshalb, und weil sie im Regal meterweise ausbreiten, wer wir sind oder sein wollen, werden Bücher nie aussterben. Sie sind die Liebe, die wir schon kennen oder noch erobern wollen. Die uns andauernd zuwinkt. Jammerschade, dass ich gerade keine Zeit für sie habe, weil ich mir eine neue App auf das Pad laden muss.