TU DresdenHalb gedroht

Dresdens TU-Rektor rebelliert gegen Geldnot – aber nur kurz von Susanne Kailitz

Es war wohl ein Anflug von Mut bei Hans Müller-Steinhagen: In einem Interview beklagte der Rektor vor wenigen Tagen die dramatische Unterfinanzierung seiner TU Dresden – eine Lücke von 50 Millionen Euro. Er sagte, dass man über die Einstellung von Studiengängen und Zugangsbeschränkungen nachdenke und sich kaum noch neue Schreibtische leisten könne. Es war eine Drohung in Richtung Staatsregierung, die immer neue Strategien ersinnt , um Studenten nach Sachsen zu holen, und mit prima Bedingungen wirbt.

Doch kaum waren die markigen Worte in der Welt, beeilte Müller-Steinhagen sich, sie wieder zurückzuholen. Ja, gewiss fehle seiner Uni Geld, hieß es in einer schnell einberufenen Pressekonferenz – trotzdem sei die TU »hervorragend aufgestellt«. Dass die Lehre nur durch die unbezahlte Mehrarbeit von Mitarbeitern aus Drittmittelprojekten aufrechterhalten werden kann, gilt da nicht als Bankrotterklärung, sondern als Zeichen von »Effizienz«.

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In einer Rundmail an alle Uni-Mitarbeiter teilte Müller-Steinhagen zugleich mit, dass »manche Formulierung« im Zeitungsartikel »zu Missverständnissen« führen könne; es gebe »derzeit keine konkreten Umsetzungsplanungen« in seinem Haus, weniger Studierende aufzunehmen oder etwa im Maschinenbau einen Numerus clausus einzuführen. Gleichwohl müsse er Szenarien wie diese erwägen, »nicht mehr und nicht weniger«.

Zwar wird im Senat der Hochschule heftig darüber diskutiert, dass Sachsen bei den Pro-Kopf-Aufwendungen für seine Uni-Studenten mit rund 6.600 Euro weit unter dem bundesdeutschen Schnitt von knapp 8650 Euro liegt. Nur berichtet werden soll darüber besser nicht. Zu groß ist die Angst im Rektorat, missliebige Äußerungen könnten die Regierung verärgern und die Bewerbung der TU Dresden in der nationalen Exzellenz-Initiative stören.

Dabei könnte die Botschaft so einfach sein: Falls Sachsen – wie gerade im Hochschulentwicklungsplan ausdrücklich formuliert – Exzellenz will, muss es dafür die nötigen Mittel bereitstellen. Auch wenn Ministerpräsident Stanislaw Tillich ( CDU ), angesprochen auf die TU-Drohungen, sagte, jeder müsse sich fragen, »ob man Masse statt Klasse haben« wolle, hat sich der Freistaat längst entschieden: Er will massenhaft Klasse. Eigentlich eine gute Verhandlungsposition für die Rektoren.

Doch die TU Dresden macht sich klein; sie setzt darauf, dass der mögliche Titel »Exzellenz-Uni« sie von den Sparvorgaben der Regierung ausnehmen wird und stattdessen andere bluten müssen. Diese Haltung nimmt man auch in Leipzig zur Kenntnis – und handelt. Derzeit werde eine eigene Strategie erarbeitet, um auf die Unterfinanzierung der Unis aufmerksam zu machen, kündigt der dortige Prorektor Thomas Lenk gegenüber der ZEIT an. Möglichen Widerspruch der Regierung sieht er gelassen: »Wir haben ohnehin nichts mehr zu verlieren.«

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Leserkommentare
    • gorgo
    • 02. Februar 2012 12:25 Uhr

    "Dass die Lehre nur durch die unbezahlte Mehrarbeit von Mitarbeitern aus Drittmittelprojekten aufrechterhalten werden kann, gilt da nicht als Bankrotterklärung, sondern als Zeichen von »Effizienz«."
    Dies ist in keine Ausnahme.
    Zu den Unbezahlten gesellen sich die unzähligen grob Arbeitsrechtwidrig unterbezahlten: 200 bis 800 Euro für einen Lehrauftrag, der ein halbes Jahr umfasst, Prüfungen, Korrekturen von -zig leistungsnachweisen, Vorbereitung etc. Zum Vergleich: Eine Professur ist häufig mit acht Stunden Lehre, also dem Äquivalent von vier (!) Lehraufträgen ausgestattet - dafür gibt es ein volles Professorinnengehalt, Pensionen etc.
    Und Achtung: Eigene Forschung, Publikationen sowie die vorbereitende Arbeit an Drittmittelanträgen (nicht selten läuft die Vorbereitung dazu über zwei oder drei Jahre) - dieses und vieles mehr erledigen Lehrbeauftragte ebenfalls völlig unbezahlt.
    Stipendien sind übrigens nicht sozialversichert. Viele haben mit vierzig Jahren nicht mehr als 200 Euro Rentenanspruch.
    Exzellenz-Unis nennen sich Universiäten, an denen solche Verhältnisse gang und gäbe sind - ich spreche von den Geisteswissenschaften. Dass die Lehre entsprechend "nach Vorschrift" läuft, versteht sich. Das deutsche Unisystem funktioniert schon seit Jahrzehnten immer mehr wie das Finanzsystem - Akkumulation aller Ressourcen in einer kleinen Gruppe ganz oben bei schwindenden Gesamtmitteln, Pauperisierung im großen Teil der Mittelschicht.

    Innovationskraft? Null!

  1. Stimme Nr1 völlig zu. Besonders der Aussage, die geisteswissensch. Lehre liefe nach Vorschrift. Vorschrift heißt hier: akzeptieren Sie bitte jeden statistsischen, absolut fragwürdigen Sondermüll, denn wir haben es für viel Kohle von superduper Privatunternehmen gekauft, bei denen man aber leider nicht nachschauen kann, wie sie auf ihre Parameter und Methoden gekommen sind, weil: Betriebsgeheimnis. Machen Sie bitte auch bei der neuen Offensive des Qualitätsmanagments mit, damit die Uni genug Geld kriegt und stellen Sie das nicht in Frage, weder persönlich noch objektiv-wissenschaftlich.

    Auch Bezahlung ist jenseits jeder Kritik: 420€ für 6 Monate Seminar. haha.

    Das grße Rätsel ist für mich, wieso die Füsse des akademischen Pro-Prekariats da noch so still gehalten werden. Muss fast wie Leiharbeit sein.

    Ich für meinen Teil hätte auch gerne promoviert, die Chance hatte ich auch, dachte mir aber, dass ich als junger Mensch auch genug andere Möglichkeiten habe, mich prekär ausbeuten zu lassen, aber mit weniger Speichellecken und Bürokratie als an der Uni. Und ich finde selbst erbärmlich, aufgrund solcher Kriterien (erträgliche vs unerträgliche prekäre Arbeit) wissenschaftliches Fortkommen abzulehnen. Angesichts der Gegenwart an den Unis gehe ich aber lieber Toiletten putzen und Menschen pflegen. Ist genauso schlecht bezahlt, aber ich werde weder verachtet noch gegängelt und es verhöhnt mich auch niemand mit der Aussage, der Pflege in D ginge es besonders gut. Ist ehrlicher.

  2. Stimmt meinen Vorrednern 1 + 2 zu. Welchen Wert hat heute wahre Erkenntnis, die unabhängig von wirtschaftsfinanzierten Lehrstühlen und kurzlebiger, "richtungsweisender" Drittfinanzierung entstanden ist? Scheinbar keine.
    Doch zum Glück kommt es überhaupt nicht dazu, dass solche Erkenntnisprozesse in Gang gesetzt werden, mal abgesehen von denjenigen Dissertationen und Habilitationen, die sich mit einem Thema beschäftigen, das mal nicht zum angesagten Mainstream gehört und auch keine Gewinne i. S. einer wirtschaftlichen Verwertbarkeit verspricht.
    Brauchen wir ja auch nicht, Erkenntnisse, deren Entstehung nicht einer ökonomisierten Logik unterliegt. Stattdessen brauchen wir Exzellenzinitiativen, Effizienz, Rankings und Controlling sowie ausbeuterische Arbeitsverhältnisse in Lehre und Forschung, dem Gesellschaftsbereich, dessen Aufgabe es u. a. sein sollte, reflexive Bezugnahmen auf andere Bereiche der Gesellschaft zu ermöglichen.
    Natürlich kann man jedes Ding für sich vermessen. Am Ende wird man jedoch feststellen müssen, dass die Funktions- und Bedeutungszusammenhänge innerhalb des Wissenschaftsbereiches und mit anderen gesellschaftlichen Bereichen zu komplex und vielschichtig sind, als dass man sie mit einigen quantifizierenden Instrumenten zu steuern vermag.

  3. Die Verhältnisse treffen doch mittlerweile alle, wenn auch unterschiedlich hart.
    Die Professorin braucht Projekte, damit sie ihre Leistungszulage erhält. Also schreibt sie welche, und wenn eines abgelehnt wird, zwei neue. Und angenommen werden sie (vielleicht!), nur wenn sie verwertbar sind. Und schiefgehen dürfen sie nicht - im Antrag muß der Erfolg zu sehen sein und gut für Reputation und Leistungszulage sind sie nur als erfolgreiche. Also gibt es keine Projekte mit unklarem Ausgang ... wer kümmert sich eigentlich um die wirklich riskanten Fragen? Die Auswertung - wie gut lief es eigentlich - wird im Vergleich zum Antrag übrigens _gar_nicht_ geprüft. Natürlich muß man was schreiben.
    Die Mitarbeiterin sitzt mit Hungerlohn vollbeschäftigt auf einer halben Stelle - mit Glück. Aber sie schreibt Projekte, das könnte sie über ein weiteres Jahr bringen und verbessert den Lebenslauf. Dazu muß das Projekt aber erfolgreich sein, siehe oben. Und wenn man ein Projekt hat, schreibt man die nächsten beiden, weil: Vorlauf muß sein.
    Die Schicht der anständig Beschäftigten an den Universitäten ist in Deutschland sehr dünn, auch vergleichsweise zu anderen Ländern. Und Sachsen spart ... und die Universitäten graben sich die Studenten und Studiengänge ab. Wenn die Lehrerstudenten dann alle in Leipzig sitzen - wie in Leipzig geplant und von der Ministerin gutgeheißen - wie viele Studierende sitzen dann in den Seminaren? Spätestens da verliert auch die Studentin.
    Th.R.

  4. eins bis vier: Die Verhältnisse sind bekannt.

    Deshalb frage ich mich, was mit unseren Wissenschaftlern los ist, wenn sie nicht mal mehr auszusprechen wagen, was eh jeder weiß - und sich auch noch entschuldiogen, wenn es ihnen doch herausrutscht.

    Dies sagt TRAURIGES über unsere Wissenschftler ud über die LEITUNG unserer Unservitäten aus. Es sagt Traurigs aber auch darüber aus, wie diese Wissenschaftler unsere Gesellschaft sehen.

    Sorry, vielleicht wirkt das jetzt zu ser nach Kurzschluss, aber ich haltre es fü+r sehr aussagekräftig: M@nfred beschenkt Politiker mit Geschenken mit Augenblicksvergnügungen, die mehr kosten als diejenigen verdienen, die den Laden in Deutschland zusammenhalten.

    Und dem Herrn Rektor tut es leid, eine Andeutung in Richtung der Situation dieser vielen Menschen gemacht zu haben.

    Wo leben wir denn? Moskau 1937? Oder Deutschland 2012?

    Bitte Herr Rektor: Ist Wissenschaft nicht der Wahrheit verpflichtet?

    • okmijn
    • 02. Februar 2012 19:39 Uhr

    Blöd ist halt, dass sich (Grundlagen)Forschung nicht innerhalb der Wahlperiode rechnet und wenn es sich später rechnet dann so weit entfernt von den Ausgabepositionen, dass es die meisten Politiker niemals in Zusammenhang bringen werden.

    Und an den Universitäten selbst gehen die Interessen zu weit auseinander. Zwischen Doktoranten, Lehrbeauftragte und ordentliche Proffesoren passt halt nicht nur ein Blatt Papier, sondern ganze Universitätsbibliotheken.

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  • Schlagworte Dresden | CDU | Hochschule | Bewerbung | Botschaft | Drohung
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