Film zum Thomanerchor "Will man das für seinen Sohn?"
Die Filmemacher Paul Smaczny und Günter Atteln über ihr Jahr im Thomanerchor, wo wenig Zeit für Kindheit bleibt
DIE ZEIT: Herr Smaczny, Herr Atteln, Sie haben den Thomaner-Chor ein Jahr lang mit der Kamera begleitet. Brave, begabte Jungen, die im Chor singen – gibt es denn noch langweiligeren Stoff?
Paul Smaczny: Wieso langweilig? Es gibt nichts Spannenderes, als Jugendliche zwischen neun und 19 Jahren so nah mit der Kamera zu beobachten – in einem Internat mit 800-jähriger Tradition, mit seinen Erziehungsregeln aus alten Zeiten. Dieses Leben steht im völligen Kontrast zur Individualität, die viele Jugendliche heute leben. Da gibt es Reibungen zwischen Tradition und Moderne! Und dennoch sind die Thomaner normale Jungen. Die sind gar nicht nur brav, die streiten sich auch richtig.
ZEIT: Sie kennen nun den Chor in- und auswendig. Würden Sie Ihre eigenen Kinder hinschicken?
Smaczny: Wenn meine Kinder das unbedingt wollten: Ja. Aber ich habe meinen bald elfjährigen Sohn gefragt, ob das was für ihn wäre. Und er hat sich heftig gewehrt. Die strengen Regeln fände er doof. Außerdem ist er mit Schwestern groß geworden. Der kann sich gar nicht vorstellen, nur mit Jungen zusammenzuleben. Während der Dreharbeiten haben wir keinen Thomaner kennengelernt, der auf Drängen der Eltern Mitglied im Chor geworden wäre. Im Gegenteil! Manche Eltern hadern sogar, ob sie ihre Jungen so früh schon alleine lassen sollten. Auch mir würde das schwerfallen. Also: Wer in den Chor geht, der macht das aus eigenem Antrieb.
Günter Atteln: Auf meine Söhne wirkte das erst mal uncool – im Chor zu singen, die Kieler Blusen, also diese Matrosenanzüge zu tragen, Gottesdienste zu gestalten. Wobei sich das im Laufe der Dreharbeiten gewandelt hat. Sie wurden immer neugieriger.
ZEIT: Welche Unterschiede haben Sie ausgemacht zwischen Ihren eigenen Kindern, die daheim bei den Eltern aufwachsen, und den Chorknaben?
Atteln: Am auffälligsten ist für mich der beeindruckende Umgang mit Zeit. Die Jungen gehen morgens zur Schule, haben eine Viertelstunde, um Mittag zu essen – dann geht es mit Instrumentalunterricht, Proben und Hausaufgaben weiter. Bis zum Abend. Kaum Zeit für Rückzug, zur Erholung.
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Smaczny: Die haben ein Zeitmanagement, wie es andere erst zum Abitur, im Studium trainieren müssen. Dieses Angewiesensein auf sich selbst! Dazu im ersten Jahr der ständige Kampf, damit man nicht von Heimweh zerfressen wird. Das macht sich auch in der emotionalen Entwicklung bemerkbar. Die Jungen sind sozial sehr kompetent und respektieren einander, wirken auf mich aber auch dickfelliger. Deswegen vielleicht nicht unsensibler – aber doch härter im Nehmen. Und Thomaner können sich besser artikulieren als Altersgenossen.
ZEIT: Woran machen Sie das fest?
Smaczny: Sie argumentieren schlüssiger. Und sie lernen, in kurzer Zeit zum Ergebnis zu kommen. Lange um etwas herumlavieren? Das Verfassen der Gedanken beim Sprechen? Dazu kommen sie gar nicht. Die steuern gleich auf ein Ergebnis zu. Ob das positiv oder negativ ist, sei dahingestellt. Jedenfalls wirken sie viel zielorientierter.
ZEIT: In Gemeinschaften entwickelt sich häufig ein eigener Sprachduktus. So auch hier?
Atteln: Einige Begriffe, die die Thomaner verwenden, erscheinen einem altertümlich. Aber im Internat sind sie ganz normal. Zum Beispiel haben Funktionsträger bestimmte Namen – der Domestikus ist ein älterer Thomaner, der etwa die korrekte Kleidung der Neun- bis Dreizehnjährigen prüft. Der Präfekt unterstützt den Kantor bei der Probenarbeit. Lustigerweise verwenden die Jungen in bestimmten Situationen eine reduzierte, verkürzte Sprache. Immer dann, wenn wenig Zeit ist. Beim Essen redet man nicht lange um den heißen Brei herum. Da heißt es dann nicht: »Könntest du mir mal bitte das Brot reichen?« – sondern: »Brot, bitte!«.
ZEIT: Alle Welt spricht davon, dass wir zu hohe Ansprüche an unsere Kinder stellten. Die Thomaner stehen seit 800 Jahren für Höchstleistung. Hat der Chor die Beschleunigung der Kindheit erfunden?
Smaczny: Fakt ist, die Jungen müssen täglich Leistung bringen. Selten ist mehr als fünf Tage Zeit, eine Kantate oder Motette einzustudieren. Und am Wochenende finden Auftritte statt. Bedenken Sie, dass andere Chöre monatelang proben! Uns wurde schnell klar, was für ein gewaltiger Leistungsdruck herrscht. Der wird aber von den Jungs klaglos in Kauf genommen. Und das Pensum ist immer noch dasselbe wie zu Bachs Zeiten vor 260 Jahren.
ZEIT: Sie haben den Film gedreht, als eine Reihe von Missbrauchsfällen an kirchlichen Einrichtungen publik wurde. Hatte diese Debatte Auswirkungen auf das Leben bei den Thomanern?
Smaczny: Wenn ich mich mit Außenstehenden unterhalte, führt die Verbindung von Internat und kirchlichem Background häufig dazu, dass gleich über Missbrauch spekuliert wird. Um ehrlich zu sein: Allmählich reagieren wir genervt auf solche Fragen. Sie sind zum Reflex geworden. Während der Dreharbeiten ist uns nichts untergekommen, das auch nur entfernt Anlass zu irgendeiner Spekulation geben könnte. Und wir haben ein sehr gutes Vertrauensverhältnis zu den Kindern aufgebaut.
ZEIT: Mitunter wird kritisiert, dass es für die Thomaner kaum Rückzugsmöglichkeiten gebe.
Smaczny: Es ist schwierig, sich mal zu separieren – wer nicht im Instrumentalunterricht oder bei der Probe ist, sitzt mit den anderen auf der Stube und macht Hausaufgaben.
Atteln: Das Stubenkonzept sieht vor, dass die 16- bis 19-Jährigen die Jüngeren miterziehen; dass sie mit ihnen zusammenleben. Das kann man kritisch sehen. Das Internat reagiert aber auf diese Kritik, indem immer mehr Erzieher eingestellt werden.
ZEIT: Sind die Stubentüren vor der Kamera verschlossen geblieben?
Atteln: Nein, uns wurde kein Einblick verwehrt. Unser Ansatz war ja, in die Welt der Thomaner einzutauchen. Wir selbst haben nur wenige Szenen rausgelassen: beispielsweise Konflikte zwischen den Jungen. Wir hätten zu viel Filmzeit verbraucht, um diese erklären zu können. Und wir wollten niemanden bloßstellen.
ZEIT: Im Film tauchen keine gescheiterten Thomaner auf. Warum?
Smaczny: Es verlassen erstaunlich wenige Jungen den Chor, pro Jahr allenfalls zwei bis vier von den 94 Thomanern. Während der Dreharbeiten musste ein Jugendlicher gehen, weil seine schulischen Leistungen stark abgefallen waren. Er verließ den Chor unter Tränen. Aber das mussten wir nicht unbedingt zeigen, der Druck ist auch so deutlich spürbar. Und was Ihre Kritik angeht: Wir denken schon, dass der Film kritisch ist, zum Nachdenken anregt: Will man das als Vater, als Mutter? Sein neunjähriges Kind einem solchen Leben aussetzen? Mit all den Entbehrungen, gerade den emotionalen – dadurch, dass sich alles auf die Musik konzentriert. Als Werbefilm für Eltern, die überlegen, ihre Kinder in den Thomanerchor zu geben, haben wir den Film jedenfalls nicht gedreht. Und so wird er hoffentlich auch nicht gesehen werden.
ZEIT: Thomaskantor Georg Christoph Biller gilt als fordernd. Wie haben Sie ihn erlebt, eher als Drillmeister oder als Freund der Kinder?
Atteln: Herr Biller hält schon eine gewisse Distanz zu den Kindern und tritt als Autoritätsperson auf. Aber ein Drillmeister – nein, das ist er nicht! Anfangs wunderten wir uns, wie er ungerührt weitermachen kann, wenn ein Junge bei der Motette umkippt. Dann erfuhren wir: Weil während des Wachstums immer mal wieder einer der Knaben vom langen Stehen umfällt, ist stets eine Krankenschwester dabei. Und sofort zur Stelle. Nach einer halben Stunde steigen die Kinder dann wieder ein.
Smaczny: Als wir Biller den Film gezeigt haben, dachten wir, dass er uns bei zwei, drei Szenen bitten würde, sie zu entschärfen – bei den Probenszenen etwa, wo er tough auftritt. Wo zu spüren ist, wie viel Druck er ausübt. Doch damit hatte er überhaupt kein Problem. Das war eine große Überraschung für uns: Bei vielen Künstlerporträts haben wir das anders erlebt; da mussten wir eher aufpassen, dass man sich nicht in Abhängigkeiten begibt und am Ende ein Imagefilm über den Künstler entsteht.
ZEIT: Sie haben schon viele Musikfilme produziert, etwa mit und über Daniel Barenboim und Anne-Sophie Mutter. Nun ein Film über einen Schülerchor. Hat Sie die Professionalität der Kinder beunruhigt?
Atteln: Nein. Beunruhigender hätte ich es gefunden, ein Wunderkind zu begleiten. Zu zeigen, wie das gedrillt wird. Aber die Thomaner sind immer noch ein Chor. Da kann sich der eine mal hinter dem anderen verstecken, wenn er nicht so fit ist.
ZEIT: Und wann treffen Sie die Knaben wieder?
Smaczny: Toll wäre, in zehn Jahren einen Film über die heutigen Thomaner zu machen – was dann wohl aus denen geworden ist!
- Datum 14.02.2012 - 16:51 Uhr
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- Quelle Zeit Sachsen
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Warum muss sich dieser Ausnahme-Chor für sein Konzept und seine außerordentlichen Leistungen eigentlich immer wieder rechtfertigen im Sinne von Kinder und Jugendliche würden in ihrer Entwicklung geschädigt?! Warum wird nicht einmal gefragt: Wie machen die das bloß und das schon seit 800 Jahren?
Zugegebenermaßen steht viele der Erfolgsfaktoren im krassen Gegensatz zur gerade modernen Erleichtungs- und Befindlichkeitenpädagogik. (Diese ist letztlich den Nachweis ihres langfristigen Erfolgs - also alles > mittelmäßig - noch schuldig.)
Das Interview (und vermutlich auch der Film) zeigt, dass aus Thomanern wohl regelmäßig ziemlich tolle Typen werden, trotz oder aber gerade wegen (!) Fleiß, Disziplin, Entbehrungen, der beschriebenen Erziehung und Verantwortungsübernahme im Alumnat, und natürlich wegen des exzellenten geistig-kulturellen Umfelds und der Mitwirkung an Musik auf dem Niveau "Grandios". Gerade das dürfte sich auf sehr persönliche Weise dauerhaft und in jeder Lebenslage (!) als sinnstiftend und bereichernd erweisen.
Vielleicht tröstet es Eltern ein bisschen, wenn man sich klar macht, dass man loslassen muss, damit der Sohn von den Einflüssen dieser Ausnahmewelt, die zuhause beim bestem Willen so nicht geboten werden kann, profitieren kann.
Wenn ich im Interview oben lese "Es ist schwierig, sich mal zu separieren – wer nicht im Instrumentalunterricht oder bei der Probe ist, sitzt mit den anderen auf der Stube und macht Hausaufgaben." und "Nein, uns wurde kein Einblick verwehrt."
dann kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass diese Kinder kaum lernen, was es heist, eine Privatspäre zu haben und das eigene Privatleben zu organisieren.
...weil....?!?
...weil....?!?
Also ich kenne Thomaner, die von ihren Eltern dort hinverfrachtet wurden. Und ich kenne wenige Grundschulkinder, die solche Entschlüsse tatsächlich ohne Anschub von außen fällen. Auf welcher Basis auch?
Wir hätten keine Sportler, Tänzer oder auch diese Sänger, wenn sie nicht ab frühester Jugend diszipliniert trainieren würden.
Mit Kindern, die ein wenig singen, wenn sie gerade dazu Lust haben, kommt oft nicht mehr als eine sympathische Kinderkantate zustande. Das ist schön für alle Beteiligten, die Eltern sind ergriffen und alle hatten einen großen Spass...
Ein Konzert, wie es dieser Chor gibt, wir es aber nur geben, wenn trainiert wird wie bei einer jungen Turnerin oder anderen, die einen ähnlichen Weg gehen.
Sie schreiben "Mit Kindern, die ein wenig singen, wenn sie gerade dazu Lust haben, kommt oft nicht mehr als eine sympathische Kinderkantate zustande. Das ist schön für alle Beteiligten, die Eltern sind ergriffen und alle hatten einen großen Spass..."
Was möchte Sie damit sagen? Wenn Kinder keine Lust zum Singen haben, dann hat die Gesellschaft eben auf den Gesang zu verzichten oder sich mit einer "sympathischen Kinderkantate" (wie sie schreiben) zufriedenzugeben. Sie schreiben ja ganz zu Recht (wenn auch eine gewisse Ironie durchschimmert), dass das durchaus Spaß machen kann.
Sie schreiben "Mit Kindern, die ein wenig singen, wenn sie gerade dazu Lust haben, kommt oft nicht mehr als eine sympathische Kinderkantate zustande. Das ist schön für alle Beteiligten, die Eltern sind ergriffen und alle hatten einen großen Spass..."
Was möchte Sie damit sagen? Wenn Kinder keine Lust zum Singen haben, dann hat die Gesellschaft eben auf den Gesang zu verzichten oder sich mit einer "sympathischen Kinderkantate" (wie sie schreiben) zufriedenzugeben. Sie schreiben ja ganz zu Recht (wenn auch eine gewisse Ironie durchschimmert), dass das durchaus Spaß machen kann.
.... zu akzeptieren, dass es die "richtige" Kindheit nicht gibt? Wer sollte dieses "richtig" festlegen? Und in wessen Namen und Interesse? Es gibt tausend Wege zum Lebensglück, nicht jeder muss für jeden gangbar sein.
Die Eltern legen es fest. Stimmt auffallend. Die Kinder haben dann keine Wahl mehr.
erinnern, wo ich vor vielen Jahren einmal zu Besuch war. Dieser helle Klang war erfüllt von Heiligkeit und himmlischer Ruhe. Soetwas vergisst man nicht!
Eliten müssen elitär behandelt werden, Disziplin, Ordnung und ununterbrochener Fleiß sind Gaben, welche die meisten Menschen heutzutage nicht mehr besitzen. Wer hätte dieses Durchhaltevermögen ohne harte Übung ? Ausdauer kann besonders durch Übung und Anstrengung erworben werden. Dass es diesen Chor mit so einer grandiosen Historie immer noch gibt, hat einen Grund: Mut und Eifer!
Viele Kinder, vor allem Gymnasiasten, haben einen sehr straffen Tagesplan, bis zu acht Stunden Unterricht täglich, dazu die Hausaufgaben, vielleicht noch Musikunterricht, Sportverein, Hilfe im Haushalt sollte auch kein Fremdwort sein... . Es ist bezeichnend für das Land der Pisaverlierer, daß zielstrebige, disziplinierte Arbeit automatisch mit Qual gleichgesetzt wird. Gerade in der heutigen Zeit tut es Kindern auch gut sich auch mit etwas anderem als Facebook und Playstation zu beschäftigen.
Diese Kinder sind vielleicht nicht alle genial, aber ohne musikalische Begabung würden sie gar nicht erst bei den Thomanern aufgenommen werden, allein mit Zwang lassen sich musikalische Höchstleistungen (und Bach zu singen ist eine musikalische Höchstleistung) nicht erzielen. Ich habe auch noch nicht gehört, daß die Thomaner später zu seelischen Krüppeln werden, ganz im Gegenteil, viele sind noch nachträglich stolz darauf Teil dieses Chores gewesen zu sein und bewerten die Erfahrungen die sie als Thomaner machen durften positiv. Und wer später eine musikalische Karriere anstrebt (egal ob Pop oder Klassik) profitiert von dieser Ausbildung.
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