SteuerfluchtDeal mit der Schweiz

Das deutsch-eidgenössische Steuerabkommen hat große Schlupflöcher.

Das Abkommen zwischen Deutschland und der Schweiz über die steuerliche Behandlung deutscher Vermögen ist nicht das, was sich die helvetische Regierung und die Banken von vornherein gewünscht hätten. Irgendwann konnte die Schweiz nicht mehr anders. Zudem wussten in der Schweiz alle: Mit seinen Forderungen nach Eindämmung der Steuerflucht war Deutschland moralisch im Recht.

Ein Bestandteil des Abkommens ist eine Abgeltungsteuer für deutsche Vermögen auf Schweizer Banken. Schweizer Privatbankiers hatten die Idee. Mit diesem Entgegenkommen wollten sie den Kern des heimischen Bankgeheimnisses retten. Kenner der Einzelheiten waren bloß erstaunt, dass die deutsche Bundesregierung das Abkommen in dieser Form mit den eingebauten Schlupflöchern im vergangenen Sommer unterzeichnete. Schließlich hatte ich selbst über alte Kontakte zu schweizerischen Unterhändlern wie auch öffentlich darauf hingewiesen, dass dort Ausweichmöglichkeiten eingebaut waren.

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Jahrelang hatten Schweizer Banken deutschen Kunden systematisch zur Steuerflucht verholfen, und die Regierung hatte das Schweizer Bankgeheimnis hartnäckig als »unverhandelbar« deklariert. Von den 330 Schweizer Banken hatten sich indes nur etwa 30 bis 40 aktiv und systematisch an der Steuerfluchthilfe beteiligt, namentlich die beiden Großbanken UBS und Credit Suisse, 13 Privatbanken und ein Dutzend weiterer ausländischer Bankniederlassungen in der Schweiz. Zu den beteiligten Privatbanken gehörte auch die jüngst unter amerikanischer Sanktionsdrohung aufgespaltete St. Galler Bank Wegelin, deren oberster Chef und Teilhaber, Konrad Hummler, einer der politisch einflussreichen Hardliner bei der Verteidigung der Steuerflucht aus dem Ausland war. Zitat: »Wer Steuern zahlt, ist dumm.« Die Großzahl der Inlandsbanken war und ist jedoch kaum an der systematischen Annahme ausländischer Vermögen beteiligt. Laut einer Schätzung der Finanzmarktanalyse-Firma Helvea waren im Jahr 2010 rund 280 Milliarden Franken Vermögen aus Deutschland auf Schweizer Banken, davon 193 Milliarden Schwarzgeld und 87 Milliarden deklarierte Vermögen. Das sind Schätzungen.

Rudolf Strahm

Der 68-jährige Schweizer Ökonom und Chemiker war 13 Jahre im Nationalrat und leitete vier Jahre als nationaler »Preisüberwacher« eine Regulierungsbehörde

Das Abkommen ist während fast zwei Jahren ausgehandelt worden. Der 44-seitige Text liegt den Parlamenten in Deutschland und der Schweiz vor. Es lässt sich grob in zwei Teile aufteilen: erstens eine Regelung für die bisherigen Fluchtvermögen und »Altlasten«. Zweitens eine Zukunftsregelung über Besteuerung und über die Amtshilfe zwischen den Steuerbehörden. Der rückblickende Teil des Abkommens sieht eine Art Amnestie-Abgabe vor: Die Banken müssen für jeden deutschen Kunden die Vermögensbestände für die vergangenen zehn Jahre aufrechnen und darauf je nach Aufenthaltsdauer eine pauschale Abgabe von 19 bis 34 Prozent des Kapitalstocks abliefern, die an den deutschen Staat als Entgelt für die bisherigen Steuerverluste überwiesen wird. Im Durchschnitt rechnet man mit einer Amnestieabgabe von 20 bis 25 Prozent des Kapitalstocks. Dies könnte dem deutschen Bund und den deutschen Ländern potenziell 20 bis 30 Milliarden Franken Nachsteuern einbringen. Der deutsche Finanzminister stellte mindestens 10 Milliarden Euro in Aussicht.

Nun aber kommt das Schlupfloch im Abkommen: Diese Amnestieabgabe soll nur dann erhoben werden, wenn das deutsche Vermögen beim Inkrafttreten des Abkommens (vorgesehen war der 1. Januar 2013 oder einige Monate später) noch auf den Schweizer Banken liegt. Wer vorher abhaut und das Vermögen nach Singapur oder in die Karibik verschiebt oder wer es von der Bank zu einem privaten schweizerischen Vermögensverwalter verschiebt, zahlt nichts! Der deutsche Steuerflüchtling kann also durch Vermögensabzug eine Abgabe von 20 bis 25 Prozent aufs Kapital sparen. Er hat seit der Unterzeichnung im vergangenen Jahr insgesamt 16 Monate oder mehr Zeit, ungestraft abzuhauen.

Zwar haben die deutschen Unterhändler das Problem gesehen und zunächst auch die Meldung jedes einzelnen Kunden verlangt, der sein Vermögen aus Europa abzieht. Doch die Schweizer Unterhändler und ihre Beaufsichtiger in der Privatbankierszene kämpften mehr als sechs Monate lang verbissen für die Steuerflüchtlinge. Der Kompromiss: Es soll über alle Banken eine Kautionssumme von zwei Milliarden Franken geben – und bloß eine summarische Mitteilung an Deutschland über die Kapitalabflüsse.

Jeder Bankier kann also dem deutschen Kunden die Schließung seines Kontos in der Schweiz und die Verschiebung des Vermögens auf ein Konto derselben Bank in Asien empfehlen, legal und bestenfalls summarisch nachprüfbar. Gewisse Schweizer Banken bauten ihre Niederlassungen in Singapur und anderen asiatischen Finanzplätzen auch aus. Ein Transfer in Bankfilialen außerhalb der Reichweite deutscher Abkommen ist auch keine abwegige Strategie. Einige werden sie unglücklicherweise wohl anwenden.

Leserkommentare
  1. Die Vermögensverwaltung wird sicherlich in nächster Zeit nachhaltig verändert, das gilt nicht nur, aber besonders für den Schweizer Bankenplatz. Die Wahl des Vermögensverwalters aufgrund von reinen Steuervorteilen werden hoffentlich nicht mehr im Vordergrund stehen - sondern die Dienstleistungsqualität. Aufgrund des steigenden weltweiten Konkurrenzdrucks dürfen Anleger wohl mit einer besseren Qualität bei sinkenden Kosten rechnen. Dann sollen sich die Anleger ganz transparent für die besten internationalen Anbieter entscheiden. Internetplattformen wie www.assetinum.com gehen schon in diese Richtung...

  2. hat uns betrogen und die Steuerhinterzieher für insgesamt 2 Milliarden € (die Kaution) vom Haken gehen lassen. Es ist nicht zu erkennen, wie, außer durch ein Versehen, auch nur einer aus der feinen Gesellschaft auch nur einen Cent mehr herausrücken muß, als seinen Anteil an der lächerlichen Kaution (Steuerquote von etwa 1%).
    Schäuble sollte seinen Hut nehmen.
    Sein Handeln ist mE als Beihilfe zur Steuerhinterziehung zu werten.

    2 Leserempfehlungen
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    • Otto2
    • 05.02.2012 um 11:37 Uhr

    in Richtung schweizer Banken verhindern. Die deutsche Regierung könnte auch, sie traut sich aber vermutlich nicht so recht. Warum nicht?
    Meine These: Die schweizer Banken haben über geheime CDU-Konten aus der Vergangenheit Wissen, dass noch nicht der Öffentlichkeit bekannt ist. Frau Merkel "will Deutschland dienen", aber natürlich nicht, wenn es zum Nachteil der CDU werden könnte. Da ist in diesem Fall besonders Herr Schäuble (!) vor.

    • Otto2
    • 05.02.2012 um 11:37 Uhr

    in Richtung schweizer Banken verhindern. Die deutsche Regierung könnte auch, sie traut sich aber vermutlich nicht so recht. Warum nicht?
    Meine These: Die schweizer Banken haben über geheime CDU-Konten aus der Vergangenheit Wissen, dass noch nicht der Öffentlichkeit bekannt ist. Frau Merkel "will Deutschland dienen", aber natürlich nicht, wenn es zum Nachteil der CDU werden könnte. Da ist in diesem Fall besonders Herr Schäuble (!) vor.

    • Beebo
    • 03.02.2012 um 19:40 Uhr

    Die RotGrün Mehrheit wird dieses Gesetz im Bundesrat ablehnen. Änderungen des Vertrages lehnt wiederum die Schweiz ab. Jetzt hängt das Gesetz in der Luft, und keiner zeigt Interesse, dies zu ändern. Ich rechne nicht mehr damit, das dieses Gesetz in Kraft tritt. Scheinbar können alle mit den Status Quo prima leben.

    • Otto2
    • 05.02.2012 um 11:37 Uhr

    in Richtung schweizer Banken verhindern. Die deutsche Regierung könnte auch, sie traut sich aber vermutlich nicht so recht. Warum nicht?
    Meine These: Die schweizer Banken haben über geheime CDU-Konten aus der Vergangenheit Wissen, dass noch nicht der Öffentlichkeit bekannt ist. Frau Merkel "will Deutschland dienen", aber natürlich nicht, wenn es zum Nachteil der CDU werden könnte. Da ist in diesem Fall besonders Herr Schäuble (!) vor.

    2 Leserempfehlungen
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    so naiv kann man ja wohl nicht sein, das zu glauben...eine Verschwoerungstheorie! Hoeren Sie doch mit diesem Parteiengeplaenkel auf, das ist schlicht laecherlich.

    Anstelle die Leute, die ihr Geld in Sicherheit bringen, anzuprangern, sollte man sich vielleicht mal um die Frage kuemmern, warum das so ist. Das wuerde meiner Meinung nach der Diskussion beitragen...und durchaus realistischer sein.

    so naiv kann man ja wohl nicht sein, das zu glauben...eine Verschwoerungstheorie! Hoeren Sie doch mit diesem Parteiengeplaenkel auf, das ist schlicht laecherlich.

    Anstelle die Leute, die ihr Geld in Sicherheit bringen, anzuprangern, sollte man sich vielleicht mal um die Frage kuemmern, warum das so ist. Das wuerde meiner Meinung nach der Diskussion beitragen...und durchaus realistischer sein.

  3. so naiv kann man ja wohl nicht sein, das zu glauben...eine Verschwoerungstheorie! Hoeren Sie doch mit diesem Parteiengeplaenkel auf, das ist schlicht laecherlich.

    Anstelle die Leute, die ihr Geld in Sicherheit bringen, anzuprangern, sollte man sich vielleicht mal um die Frage kuemmern, warum das so ist. Das wuerde meiner Meinung nach der Diskussion beitragen...und durchaus realistischer sein.

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  4. Rudolf Strahm ist ein Exponent der SP Schweiz, und er vertritt in diesem Artikel klar die ideologische Linie seiner Partei. Eines der Hauptziele der SP Schweiz ist immer noch die Überwindung des Kapitalismus. Strahm redet indirekt einem Schweizer EU Beitritt das Wort und gibt damit seine Parteimeinung wieder. Die Schweizer lehnen einen Beitritt mit grosser Mehrheit (über 80% dagegen) weiterhin ab. Anstatt die Position der Schweiz zu stärken, unterstützt Strahm in populistischer Weise die Aushöhlung internationalen Rechts. Es geht im heutigen Europa nicht mehr an, dass eine wirtschaftlich und militärisch stärkere Macht wie Deutschland ihre hegemonistischen Ziele mit klaren Rechtsbrüchen verfolgt: Deutschland kaufte gestohlene Bankdaten, und Deutschland verlangt die Anwendung deutschen Rechts in der Schweiz. Dabei beruft sich Deutschland und Herr Strahm auch auf vorgeschobene moralische Gründe. Bei einem wirtschaftlich interessanten und militärisch mächtigeren Gegenüber wie z.B. China oder den USA wird schon gar nicht versucht, deutsches Recht extraterritorial anwenden zu wollen. Dies ist ein Akt eklatanter Feigheit, auch wenn sich Strahm und der deutsche Finanzminister einer oberflächlichen schönrednerischen und moralisierender Sprache bedienen. Die tatsächlich grossen Vermögen sind global so abgesichert, dass weder der deutsche noch der amerikanische Fiskus etwas ausrichten kann: Die Gelder sind in Singapur, Hongkong, Labuan und den vielen britischen und US Steuerdomizilen.

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  5. Wann werden endlich Haftbefehle ausgestellt gegen diejenigen, die aktiv oder durch unterlassen Steuerkriminelle unterstützen? Unabhängig von der Staatszugehörigkeit der Mitglieder der kriminellen Vereinigungen.

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