Snowkiten im Engadin: Kein Wind von Traurigkeit
Wer sich von Drachen über gefrorene Seen ziehen lässt, lernt sogar zu fliegen – durch die Luft und auf die Nase. Ein Selbstversuch im Snowkiten
Ich sitze auf dem gefrorenen Lago Bianco, eisige Böen schlagen mir in den Nacken, und 25 Meter über mir rauscht ein Drachen im Wind, der beunruhigenderweise an meiner Hüfte befestigt ist. Oder besser gesagt: meine Hüfte an ihm. Meine Füße sind auf ein Snowboard geschnallt, meine steifen Finger umklammern die Lenkstange des Drachens, und mein Lehrer ruft: »Du musst den Kite jetzt in die Powerzone fliegen!« Ich sehe die Sonne auf dem vereisten Boden vor mir reflektieren, atme tief ein und ziehe kräftig an der linken Seite der Stange.
Es ist der erste Tag meines dreitägigen Snowkite-Anfängerkurses, und ich kann nicht behaupten, man hätte mich nicht gewarnt. Jeder, der sich auskennt, hat mir gesagt: Mit Skiern ist es einfacher! Da sei man beweglicher und könne im Stehen starten. Doch die einzige Skiabfahrt meines Lebens begann am Gipfel des Elbdeichs in Wedel bei Hamburg und endete in großem Geheul. Da war ich vier. Auf dem Snowboard habe ich zumindest etwas mehr Erfahrung: zwei Tage im vergangenen Jahr, beim ersten Wintersporturlaub meines Lebens. Da war ich 31. Die anderen fanden, ich sei mutig, dabei wusste ich einfach nicht, wie man bremst. Aber mit Wind kenne ich mich aus! Wie viele Herbsttage stand ich als Junge auf dem Deich und manövrierte meinen Lenkdrachen durch den Sturm, ließ ihn Loopings drehen, doppelt und dreifach, in Sturzflügen abwärtsschießen und nur Zentimeter über dem Boden die Kurve kriegen.
Doch das hier ist nicht der Deich. Der Lago Bianco liegt in den Schweizer Alpen, 2.234 Meter über dem Meeresspiegel. Ringsum türmen sich silberne Gipfel, sieben Windstärken treiben einen fliegenden Schneeteppich über das Eis. Der Drachen heißt hier Kite, hat Luftkammern und ist dreieinhalb Meter breit. Die Lenkstange heißt Bar, ist links rot und rechts blau, und kurz nachdem ich also an der roten Seite gezogen habe, rast der Drachen los, von oben rechts nach unten links, oder wie man hier sagt: von ein Uhr auf acht Uhr. Auf halbem Weg lenke ich ein, er biegt scharf ab und fliegt in Richtung elf Uhr. Er ist nun in der Powerzone, das bedeutet: in der Mitte des Ziffernblatts. Eigentlich sollte ich jetzt sanft emporgehoben und über den Schnee getragen werden. Stattdessen reißt es mich wie einen Fisch an der Angel nach vorn; ich segle flach über den See, Kopf und Arme voraus, mache in der Luft eine halbe Schraube und lande mit dem Rücken im Schnee. Gerade will ich durchatmen, da zerrt mich der Drachen mit dem nächsten Ruck weiter, ich schliddere über die Piste und ziehe schließlich die Notbremse, ein rotes Hütchen am mittleren der drei Seile. Der Schirm fällt in sich zusammen und flattert zu Boden.
- Lago Bianco: Anreise
Mit der Bahn nach Chur, dann im Bernina Express (www.rhb.ch) bis Sankt Moritz. Panoramawagen buchen – Teile der Strecke gehören zum Unesco-Welterbe. Weiter per Bus nach Silvaplana oder Surlej
- Unterkunft
-
Das in Surlej gelegene Dreisterne- hotel Bellavista bietet Ausblicke auf den Silvaplanasee, hat einen großen Wellnessbereich und eine eigene Fleischtrocknerei. Die Küche ist bekannt für Gerichte mit Wild aus eigener Jagd. DZ/HP ab 350 Euro. Tel. 0041-81/8386050, www.bellavista.ch
Das Ferienhotel Julier Palace in Silvaplana ist Treffpunkt der Snowkite-Szene. DZ/F ab 89 Euro. Zusammen mit der Kite-Sailing-Schule bietet das Haus auch Snowkite-Pakete an, Dreitageskurs inkl. DZ/HP ab 545 Euro. Tel. 0041-81/8289644, www.julierpalace.com
- Informationen
Die Kite-Sailing-School Silvaplana veranstaltet Kurse für Anfänger und Fortgeschrittene. Gruppenunterricht immer in dreistündigen Blöcken à 99 Euro. Einzelkurse ein bis vier Stunden, 83 bis 290 Euro. Auch Wochenend- und Mehrtagespakete, Angebote unter www.kitesailing.ch
Es ist das Ende eines Tages, der so schön begann: Aus dem Hotelbett sah ich das Morgenrot die Hänge hinabsteigen, im Tal ruhten Wiesen, Bäume und Häuser unter einer meterhohen Schneedecke. In den vergangenen Nächten hatte es so heftig gestürmt und geschneit, dass zwischenzeitlich alle Pässe geschlossen waren und das Oberengadin von der Außenwelt abgeschnitten dalag. Nach dem Frühstück fuhr ein schwerer Allradschlitten vor, mit fingerdicken Eiszapfen am Kühlergrill. Hinaus stieg Simon Sprecher, 35, den ich Simon nennen sollte, gebräunt, blauäugig und vom schwerelosen Gemüt eines Skilehrers. »Grüezi!«, sagte er und streckte mir die Handfläche auf Kopfhöhe entgegen. »Moin!«, sagte ich und schlug ein.
»Die Böen haben 60 Stundenkilometer. Das ist hart, aber nicht am Limit«
Am Dorfausgang passierten wir einen See, an seinen Ufern klirrten dünne Eisschollen. »Das ist der Silvaplana«, sagte Simon, »normalerweise finden die Kurse hier statt. Aber dieser Winter ist so warm, dass das Wasser einfach nicht zufriert.« Also machten wir uns auf den Weg in die Berge, vorbei an den Hotelpalästen von Sankt Moritz, die Serpentinen hinauf, bis in den letzten Zipfel der Schweiz, wo das Radio zu rauschen beginnt und nur noch italienische Sender empfängt; wo die Landschaft so märchenhaft ist, dass die Bergbahn Panoramafenster bis zur Decke hat und die Strecke einen Eintrag in der Liste des Unesco-Welterbes.
Auf dem Parkplatz am See riss mir der Wind die Beifahrertür aus der Hand, sofort biss mir die Kälte ins Gesicht. Simon zündete sich im Wagen seine Zigarette an, dann stieg er aus und reckte seinen Taschen-Windmesser in die Luft: 48 Stundenkilometer. »Die Böen haben 60«, sagte er, »das ist hart, aber nicht am Limit.« Wir schulterten die Rucksäcke, einen hinten, einen vorne, klemmten uns die Snowboards unter die Arme und stapften in den weißen Nebel; Simon trug Schneeschuhe, ich versackte bis zu den Knien. In der Mitte des Sees ließ er seine Sachen fallen, drehte zwei große Schrauben ins Eis, spannte ein rotes Sicherungsseil und hängte die Drachen ein, damit sie nicht alleine davonflögen. Dann stellte er sich mit dem Rücken zum Wind, breitete die Arme aus und führte sie über dem Kopf zusammen: »Das ist der Rand des Windfensters. Der Kite zieht umso stärker, je mehr du ihn in die Mitte des Fensters steuerst. Deshalb nennen wir sie die Powerzone.« Nachdem Simon mir noch das Lenksystem und die Notbremse erklärt und ich einige Testflüge gemeistert hatte, war ich bereit für den Start aus dem Sitzen.






Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren