Agenten-ThrillerKaputte Krieger

Der grandiose Spionagethriller "Dame, König, As, Spion" zeigt die Wahrheit eines schmutzigen Geschäfts. von 

Machen Sie bei diesem Film nichts anderes, schauen Sie nur in das Gesicht von Gary Oldman . Dieses Antlitz spielt in Dame, König, As, Spion ein eigenes minimalistisches Theaterstück, in dem sich die ganze Handlung entfaltet. Der erste Blick auf diese Bühne: eine zerfurchte Stirn, Wahnsinnsfalten, ausdrucksloser Blick. Gary Oldman alias George Smiley wird entlassen, nach Jahrzehnten treuer Arbeit für den britischen Geheimdienst. Die ganze Führungsriege sitzt zusammen, weil eine Katastrophe geschehen ist: Einer ihrer besten Männer wurde in Budapest beim Versuch, einen Spion anzuwerben, angeschossen. Nun ist er in den Händen der sowjetischen Feinde. Der Chef des MI6 , den alle nur "Control" nennen, hatte die Mission in Auftrag gegeben. Jetzt zieht er die Konsequenzen. Und nimmt seinen treuen Helfer George Smiley mit in den Ruhestand.

Smiley sagt nichts. Er guckt nur. Die beiden Männer stehen auf und schreiten durch die Gänge der Abteilungen. Die Kamera hält ehrfürchtig Abstand, genauso wie die Belegschaft. Niemand spricht, alle schauen sich entsetzt an. Smiley schweigt die ersten 18 Minuten des Films. Seine Gefühle sind unter Kontrolle, nur manchmal zucken die Augen. Er ist ein Mann der alten Schule. Als er zum ersten Mal spricht, sagt er, jedes Wort ein verbitterter Schlag: "Ich bin im Ruhestand, Oliver. Sie haben mich rausgeschmissen." Von da an redet er, präzise, effizient. Kein Wort zu viel.

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So wie George Smiley ist dieser Film. Dame, König, As, Spion nach dem gleichnamigen Roman von John le Carré redet nicht, er zeigt. Er projiziert das Exterieur, die Geschichte, ins Interieur, in die Gesichter der famosen Schauspieler. Und er lässt die Welt der Blümchentapeten, der blassgrünen Vorhänge und der ockerfarbenen Sofas wieder aufleben. Diese perfekt fotografierten Interieurs, in denen die Helden ensetzlich einsam wirken, machen Dame, König, As, Spion zu einem Ereignis. Nicht die manchmal allzu komplex verästelte Handlung.


Control (John Hurt), der Chef des MI6, ahnt, dass sich ein Spion, der für die Sowjets arbeitet, in die oberste Leitungsebene eingeschlichen hat. Doch bevor er diesen Verdacht erhärten kann, muss er wegen des Desasters in Budapest den Hut nehmen. Control stirbt bald darauf, George Smiley findet nach Wochen der Einöde wieder zurück, mit einer geheimen Mission. Ohne Wissen des Secret Service soll er nach dem "Maulwurf" suchen. Zwei junge Helfer bekommt Smiley an die Hand. Dann geht die Jagd los: mit fünf verdächtigen Geheimdienstlern (unter anderem einem grandios vielschichtigen Colin Firth als Bill Haydon), mit jeder Menge Intrigen, mit brutalen Morden, die den Begriff des "Kalten" Krieges in seine bellizistische Etymologie zurückführen, mit Zwischenstopps in Istanbul und Paris und mit einem Showdown, der subtiler und unspektakulärer nicht sein könnte.

Eigentlich lebt ein Spionagethriller von seinen rasanten Szenen, von seinem Spannungsaufbau und von seinen überraschenden Wendungen. Dame, König, As, Spion funktioniert auf andere Weise herausragend. Etwa in den beiden Rückblenden zu einer ausgelassenen Weihnachtsfeier in den Büros des britischen Geheimdienstes MI6. Alle tanzen, lachen, trinken. Nur Smiley, der Einzelgänger mit einer Frau, die ihm auf der Nase herumtanzt, bleibt gefangen in seinem Kontrollleben. Beim ersten Mal blickt er zu ihr, die am Tischrand schemenhaft zu erahnen ist und deren Gesicht den ganzen Film über nie zu sehen ist. Nahaufnahme seines Gesichts: dreimal zuckt sein linker Mundwinkel. Hilflos, flehend. Beim zweiten Mal springt ein Weihnachtsmann mit Lenin-Maske auf die Bühne, alle grölen die sowjetische Nationalhymne. Auch Smileys Lippen formen schüchtern ein paar Wörter, dann schaut er aus dem Fenster, die Augen stürzen aus seinem Gesicht, er taumelt gegen die Scheibe. Seine Frau umarmt einen anderen Mann im Garten.

Der schwedische Regisseur Tomas Alfredson zeigt uns in seiner John-le-Carré-Adaption: Dieser Geheimdienst ist keine Ansammlung von coolen Egomanen mit kaltem Herz und schneller Hand am Revolver, sondern ein Haufen spießiger und undurchsichtiger Gestalten, die mit ihren privaten Scharmützeln die Weltpolitik mitbestimmen. Dieser Geheimdienst hat nichts von James Bond. Im Gegenteil: Er beschäftigt mit George Smiley einen von dessen Antipoden – keinen glamour boy, der an jeder Hand eine Frau hat, sondern einen introvertierten Mann, der jeden Morgen im See schwimmt, der die meisten Wege gemächlichen Schrittes zu Fuß geht und der sich völlig verschreckt wegduckt vor den Eskapaden seiner Frau.

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So ein Langeweiler ist es, der mit großer Brillanz die Intriganten entlarven und den Geheimdienst retten will. John le Carré hat diesen Charakter entworfen. Alec Guinness hat ihn in der ersten Fernsehverfilmung Anfang der Achtziger meisterhaft interpretiert. Gary Oldman führt ihn nun zu ganz anderer Perfektion. Mit kaum mehr als seinem Mienenspiel. Ein ganz großes Schauspiel.

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Leserkommentare
    • Anay
    • 02. Februar 2012 16:35 Uhr
    1. Oh je

    Oh je, was für ein Langweiler-Film. Ich hatte hohe Erwartungen, aber bin bei diesem Altherrenkram fast eingepennt, trotz der Schauspieler, die bis in die Nebenrollen herausragend sind (Stichwort: Benedict Cumberbatch). Vielleicht ist der Film was für alte Herren, oder jene, die das Buch oder die Original-Serie kennen, aber ich gehöre definitiv nicht zum Zielpublikum.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • Anay
    • 02. Februar 2012 16:38 Uhr

    Als Gegenbeispiel für eine ruhig erzählte Paranoia-Spionage-Geschichte, die mir anders als dieser Film sehr gefallen hat, verweise ich auf die leider abgesetzte TV-Serie Rubicon.

    • Anay
    • 02. Februar 2012 16:38 Uhr
    2. Zusatz

    Als Gegenbeispiel für eine ruhig erzählte Paranoia-Spionage-Geschichte, die mir anders als dieser Film sehr gefallen hat, verweise ich auf die leider abgesetzte TV-Serie Rubicon.

    Antwort auf "Oh je"
  1. Noch nie ist mir die Inszenierung einer Brille so ins Auge gestochen, wie in diesem Film. Ganz großartig und kein bisschen langweilig.

    • Panic
    • 03. Februar 2012 11:14 Uhr

    Unglaubliche Kameraarbeit. Ein fantastischer Soundtrack. Perfekte Ausstattung. Und in all dem eingebettet ein grandios spielendes Ensemble. Meiner Meinung nach ein Meilenstein.

    Danke dafür!

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  • Schlagworte Film | Alec Guinness | Ass | James Bond | MI6 | Ruhestand
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