Ehegattensplitting : Der Staat in meinem Bett

Nach ihrer Hochzeit wunderte sich unsere Autorin über ihre neuen Steuervorteile. Inzwischen ärgert sie sich darüber, wie sehr die Politik in ihr Liebesleben hineinregiert

Ich bin mit viel Respekt vor der Ehe groß geworden. Mein Vater war Pfarrer, als Kind habe ich viele Trauungen miterlebt, und oft habe ich dabei sogar geholfen. Es gibt bezaubernde Fotos von meiner jüngeren Schwester und mir, auf denen wir in weißen Kleidern, mit langem offenem Haar und Blumenkörben in der Hand durch die Kirche meines Vaters schreiten und mit großem Ernst Blüten verteilen. Auch bei Brautpaaren, die wir gar nicht kannten, sind wir eingesprungen. Beim ersten Mal, daran erinnere ich mich noch, wollte meine Schwester auf dem Rückweg vom Altar die Blüten wieder einsammeln. Ich, die Große, habe sie damals gestoppt.

Bis heute lassen mich Hochzeiten nicht kalt. Ich bin kein Typ für Kutschen und Zuckertorten, aber ich glaube an die Macht von Bildern, die sich festsetzen in unseren Köpfen und uns so später leiten können, in guten wie in schlechten Zeiten. Wahrscheinlich würde ich noch viel sentimentaler über Hochzeiten schreiben, wäre meine eigene Trauung nicht so eine Zäsur gewesen, in mehrfacher Hinsicht.

Am 28. Dezember 2003, meinem Hochzeitstag, begann ein ökonomischer Selbstversuch: Ich lernte fortan viel darüber, wie der Staat mit seinem Steuerrecht in das Liebesleben erwachsener Menschen eingreift. Schuld daran ist ein uraltes Gesetz, das schon Ende des 19. Jahrhunderts eingeführt, dann abgeschafft, von den Nazis wiederbelebt und in der Nachkriegszeit noch einmal von Konrad Adenauer erneuert wurde. Danach werden Eheleute vom Finanzamt anders behandelt als unverheiratete Paare: Ihre Einkommen können, wenn sie das wollen, addiert, halbiert und dann besteuert werden. Je ungleicher die Einkommen sind, desto größer ist der Steuervorteil durch das sogenannte Ehegattensplitting . All das war mir, als Diplom-Volkswirtin, auch vor der Ehe klar. Trotzdem hat mich überrascht, welche Wirkung der 5. Absatz von Paragraf 32 des deutschen Einkommensteuergesetzes entfalten kann.

Ich erlebte beispielsweise, dass dem Staat meine Ehe sehr viel mehr finanzielle Unterstützung wert war als meine Mutterschaft. Ich erfuhr, dass das Ehegattensplitting sogar nach dem Tod des Partners noch gezahlt werden kann, dann allerdings "Gnadensplitting" heißt. Ich lernte, dass es zum Ausgleich für den Splittingvorteil für Eheleute auch Steuererleichterungen für Alleinerziehende gibt, dass diese jedoch automatisch wegfallen, wenn ein Au-pair im Haushalt lebt.

Zunächst hatte die Ehe für mein Bankkonto fast so eine große Bedeutung wie für mein Herz. Fast 8.000 Euro mehr hatte ich plötzlich an zusätzlichem Einkommen, und zwar rückwirkend für das Jahr 2003, in dem ich gerade mal vier Tage lang verheiratet war. 2004 wurde ich dank einer neuen Steuerklasse jeden Monat anders besteuert, erst hatte ich knapp 600 Euro pro Monat mehr auf dem Konto, später, als einige Steuergesetze verändert worden waren, sogar noch mehr.

Das Ehegattensplitting ist die größte Subvention, die ich je vom Staat bekommen habe. Möglich war das, weil ich damals einen Mann liebte, der viel weniger verdiente als ich. Er war jünger, Freiberufler, ein Journalist, der viel Zeit mit anspruchsvollen, aber schlecht bezahlten Projekten verbrachte. Das Ganze endete nicht gut, aber das ist eine andere Geschichte. Am Splitting lag es jedenfalls nicht.

Meinem Mann kam dieses Steuergeschenk damals übrigens noch absurder vor als mir. Es gab Monate, da entsprach der neue Steuerrabatt in etwa seinem Nettoeinkommen. In Berlin kam man damals, vor acht Jahren, ganz gut mit wenig Geld über die Runden.

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Kommentare

27 Kommentare Seite 1 von 5 Kommentieren

@2 25 % und Keine Steuerprogression - Staat pleite

Ihr Vorschlag ist Populismus pur
Grundfreibetrag beträgt z.Zt 8000 für Kinder 7000 € der Eingangssteuersatz beträgt 14% dann kommt die Progrssion bei 15000 sind ihre 25% Steuersatz erreicht.
soweit ist diese Berechnung für den Normalbürger nicht weg von dem was Sie vorschlagen.
Der einziege Haken: die 10% der Bürger die 50% der Steuerlast tragen würden nur noch die Hälfte bezahlen der Staat hätte also 25 % weniger Einkommensteuer mit Ihrem Vorschlag.
Es müssten also ca 40% Steuersatz sein dann ginge es und schon würde es für den Normalbürger Teuer und wir wären ein Steuerparadies für Reiche.
Ach ja der Mehrwertstuervcorschlag wird auch gern genommen.
Die Reichen besteuern dann ihren persönlichen Verbrauch und der liegt selten um den Faktor 10 höher als der eiones ALG2 Empfängers!
3500 € ausgeben? wenn Auto von Firma bezahlt Keine Miete weil Grundgeigentum geerbt, Heizkosten gegen Null weil technisch auf dem Stand Haushälterin als Haushaltsnahe Dienstleistung abgesetzt, da muss man schon bald jeden Tag Schmuck und Kleidung kaufen.
Der Reichtum liegt in Aktien, Finanzgeschäften, Beteiligungen und die sind komplett Mehrwertsteuerfrei.
Also ein Multimillionär zahlt dann etwa so viel Steuern wie eine Unterschicht-Grossfamilie mit Mama Papa Oma Opa Tante Onkel und 4 Kindern - das wäre wiedermal das Steuerparadies für Reiche.
Aber es geht noch Besser: Wie wäre es mit einem Steuerfestbetrag (Nasensteuer?) Ist sogar schon geplant: Krankenversicherungs Festbeträge!

Mal Beispiel von unten: Geheiratet, Frau zu Hause, Kind erzogen, Mutter und Schwiegermutter bis zum Ende gepflegt, danach wieder arbeiten.

Nein, nicht mehr tauglich für den Arbeitsmarkt. Obwohl vorher 25 Jahre drin. Putzen, Mann Geringverdiener, weil auch zu alt, Firma insolvent - ohne Ehegattensplitting gäbe es Steuerpflicht, also ab zu Hartz IV. Auch deswegen, weil der Staat sich woanders drei mal so breit macht wie früher. bei Strom, Wasser, Oel und Krankenasse.

Übrigen wäre das genauso, wenn man als Mann zu Hause geblieben wäre.

Man hätte alles anders machen sollen.

Kind in die Kita, die Eltern ins Pflegeheim und gut is. Dazu Scheidung. Für beide Höchstsatz. Euro 400 Job vielleicht denn untauglich melden kann man sich immer ab einem bestimmten Alter und auch gut is.

Auf solche absurden Rechenspiele habe ich nie gesetzt. Bin ich vermutlich zu durchsschnittlich konservativ und nicht staatshörig und neidvoll pingelig genug. Und wenns kein Splitting gegeben hätte, wäre ich trotzdem verheiratet. Momentan hilft es dabei zu leben, ohne Betteln zu müssen.