Stimmt's / Stimmt's? : Muss ein Kapitän als Letzter das sinkende Schiff verlassen?

Eine Kolumne von
...fragt Johannes Meißner aus Berlin.

Es gibt diese Cartoons, in denen der treue Kapitän salutierend mit seinem Schiff untergeht. So weit gehen seine Pflichten in der Realität allerdings nicht. Wenn das Schiff wirklich sinkt, darf er sich irgendwann auch retten. Aber als einer der Ersten das Schiff zu verlassen, wie es dem Kapitän der Costa Concordia vorgeworfen wird – das geht nun überhaupt nicht, und es ist nicht nur "eine Frage der Ehre" oder eine "uralte Regel der Seefahrt", wie man nach der Havarie vor Giglio in vielen Berichten lesen konnte. Die Pflicht, an Bord zu bleiben, bis alle anderen das Schiff verlassen haben, ist in vielen Ländern auch gesetzlich verankert.

Im deutschen Seerecht gibt es keinen ausdrücklichen Paragrafen dazu, aber der Kommentar von Georg Schaps und Hans-Jürgen Abraham aus dem Jahr 1978 kommt zu dem Ergebnis, dass sich diese Vorschrift zumindest indirekt erschließen lässt, etwa aus dem Seemannsgesetz .

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Ganz eindeutig ist allerdings der italienische Codice della navigazione , der im Fall der Costa Concordia Anwendung findet, weil das Schiff unter italienischer Flagge fuhr und in italienischen Gewässern unterging. Dessen Paragraf 303 sagt: "Der Kapitän muss das Schiff als Letzter verlassen und dabei nach Möglichkeit die Karten und Logbücher retten sowie die Wertgegenstände, die ihm anvertraut wurden." Macht er das nicht, drohen ihm nicht nur zivilrechtliche Ansprüche der Reederei, der Paragraf ist auch mit saftigen Strafen bewehrt: Hasenfüßige Schiffschefs kommen bis zu zwölf Jahre hinter Gitter.

Die Adressen für "Stimmt’s"-Fragen: DIE ZEIT, Stimmt’s?, 20079 Hamburg, oder stimmts@zeit.de. Das "Stimmt’s?"-Archiv: www.zeit.de/stimmts

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Kommentare

24 Kommentare Seite 1 von 5 Kommentieren

Was stimmt?

Lieber Leser,

das ist in der Tat widersprüchlich. Ich habe Christoph Drösser, den Autor der Stimmt's-Folge, gebeten, den juristischen Kommentar von Hans-Jürgen Abraham noch einmal rauszusuchen, damit wir Ihnen die genau Stelle als Link oder Zitat angeben können.

Ich vermute, dass die Agenturmeldung, auf die Sie sich beziehen, fehlerhaft ist. Wir werden das aber noch genauer prüfen, ehe wir in der Meldung etwas ändern.

Herzliche Grüße, der Sonntagsdienst.

Selbst wenn der Autor recht hat, was ich nicht bezweifle,

verbleibt rein rechtlich die Frage, ob irgendein Gesetz einen Menschen verpflichten kann, mitten im Frieden für andere zu sterben. Ich vermute nein - ein solches Gesetz würde in Europa spätestens vom Europäischen Gericht für Menschenrechte kassiert werden.
Dass der Kapitän ein ausgemachter Feigling ist, ist keine rechtliche, sondern eine moralische Bewertung.

Vielleicht sollte es allgemeiner ...

"Aufgabe der Crew bei Notfällen" lauten. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es rechtlich nicht verwerflich ist, wenn sich der Kapitän ohne Not als einer der ersten "rettet", während die ihm Anvertrauen (das sind Crew und Passagiere) die Rettung an sich organisieren und durchführen (müssen).

Die Bezahlung eines für das Fahrzeug Verantwortlichen (sei es See- oder Luft-) richtet sich ebenfalls nach dieser Verantwortlichkeit, denn zur See fahren können andere an Bord sicher auch gut genug (oder hier: besser?).

Vielleicht greift da auch schon "Unterlassene Hilfeleistung"

Also eine Argumentation mit "Unterlassener Hilfeleistung" sollte schon möglich sein. Noch dazu weil das Schiffspersonal auch für solche Fälle ausgebildet wurde.
Keine Ahnung ob es in der Luftfahrt eine entsprechende Regelung gibt? Man stelle sich vor: Ein Pilot macht sich im Problemfall mit seinem Fallschirm vom Acker und überlässt seine Passagiere ihrem Schicksal.
Keine Frage - Eine ausdrückliche Vorschrift nach dem Motto "Der Kapitän verlässt als letztes das Schiff" wäre hilfreich; ob sie sich aber durchsetzen lässt ist eine andere Frage.