Ein Rauschen wie in Schaffhausen , ein Knacken und Raspeln, eine Stimme aus ferner, ferner Zeit. Eine Stimme? Die Ahnung einer Stimme. Die Stimme Otto von Bismarcks soll es sein. Ulrich Lappenküper, der Geschäftsführer der Otto-von-Bismarck-Stiftung in Friedrichsruh bei Hamburg, ist recht aus dem Häuschen resp. Schlösschen vor Begeisterung. Lange schon hatte er danach geforscht und gefahndet. Er wusste, dass ein Mitarbeiter des amerikanischen Erfinders Thomas Alva Edison den Reichskanzler besucht hat. Sogar das Datum ist genau bekannt: Am 7. Oktober 1889 war der deutschstämmige Adalbert Theodor Edward Wangemann in die Seniorenresidenz am Sachsenwald gekommen und hatte die Wachswalze vor Bismarck und dessen Gemahlin in Aufstellung gebracht. Bismarck soll begeistert gewesen sein und ließ sich auch nicht lange bitten, selbst etwas in den Trichter zu raunen und von der nimmermüden Nadel fixieren zu lassen.

Tonexperimente waren damals höchst beliebt, die Aufzeichnung der Stimme, ihre Übertragung über weite Distanzen hinweg beschäftigte Erfinder überall in Europa und Amerika . Die Technik, lange Zeit mehr ein Jahrmarktvergnügen, ein apartes Gesellschaftsspiel und von den wissenschaftlichen Akademien eher misstrauisch beobachtet, stand in jener Zeit, wie man heute so schön sagt, "vor dem Durchbruch". Nachdem Pioniere wie der Franzose Léon Scott versucht hatten, Töne aufzuzeichnen, war es Edison erstmals gelungen, das Aufgezeichnete wieder hörbar zu machen. Zwölf Jahre vor Wangemanns Besuch in Friedrichsruh hatte er es geschafft, hatte in seinem Atelier in New Jersey die erste Zeile eines Kinderlieds (Mary had a little lamb) in den Trichter seines Phonoapparats geschrien, und höre da: Minuten später hatte die Maschine die Zeile zurückgeflüstert. Über einen feinen Sporn drückte sich die Stimme in eine dünne Metallfolie auf einer Walze, und als die Spitze dann wieder durch die von ihr gezogene Furche fuhr, kam der eingefangene Ton zurück. Die Fachwelt war begeistert: "Speech, as it were, became immortal" – das gesprochene Wort sei nun unsterblich geworden. Seither hatte die Tonträgertechnik eine rasante Entwicklung genommen. Zur selben Zeit, nach den Vorarbeiten des hessischen Erfinders Philipp Reis, wurde auch das Telefon geschäftsfähig.

Bismarck einmal ans Telefon zu bekommen ist seither der Traum jedes Biografen gewesen. Seine äußere Erscheinung kennen wir zur Genüge. Während von manch anderer großen Gestalt des 19. Jahrhunderts, wie Robert Blum zum Beispiel, von dem ein Foto existiert haben muss, nur grafische Porträts erhalten blieben, so gibt es von Bismarck ungezählte Fotos. Wie aber mag seine Stimme geklungen haben, wie hat er gesprochen?

Nun immerhin könnte man eine Ahnung davon bekommen. Eine Fistelstimme, wie oft gesagt, ist es nicht, so viel ist dem extrem schütteren, 75 Sekunden kurzen Dokument zu entlauschen. Vielleicht werden es Filtertechniken eines Tages erlauben, sie etwas klarer zu vernehmen. Es war schon schwer genug für die Experten vom Edison Museum in West Orange, New Jersey , und den Ingenieur Stephan Puille von der Hochschule für Technik und Wirtschaft in Berlin , die arg mitgenommenen Wachszylinder überhaupt wieder zum Sprechen zu bringen.

Zwei Jahre lang, 1889 und 1890, war Wangemann durch Europa gereist. Auf der Weltausstellung in Paris hatte er Edisons Phonographen präsentiert und in Berlin, wo er bei Werner von Siemens persönlich Logis bezog. Der Gast hatte aus den USA etliche leere Wachszylinder mitgebracht, auf der Jagd nach Stimmen und Musik. Der junge Kaiser Wilhelm II . war avisiert, doch Wangemann bekam nur die Stimmen der Prinzen, auch aus der Aufnahme mit Zar Alexander III. wurde nichts. So findet sich auf dem Wachsschatz neben einem Lied aus Franz Schuberts Schöner Müllerin – "Ich hört ein Bächlein rauschen..." –, aufgenommen in Köln, und einem Satz aus Chopins zweitem Klavierkonzert die Stimme des fast neunzigjährigen Generalfeldmarschalls Helmuth von Moltke, der auf dem Gut der Familie im schlesischen Kreisau Tonporträt gesessen hatte. Ob Wangemann es ihm suggeriert hat? Jedenfalls zeigt der große Schweiger einen feinen Witz, als er nach einem braven Toast auf Edison – "Die neueste Erfindung des Herrn Edison ist in der Tat staunenswert. Der Phonograph ermöglicht, dass ein Mann, der schon lange im Grabe ruht, noch einmal seine Stimme erhebt und die Gegenwart begrüßt" – ausgerechnet Shakespeares Hamlet zitiert: "Dein Ohr leih jedem, deine Stimme wen’gen."

Bismarck fiel nichts dergleichen ein. Etwas wirklich Bedeutendes, wie von Wangemann zu PR-Zwecken ohne Zweifel erhofft, hat der 74-jährige Reichskanzler in seinem letzten Amtsjahr der Welt resp. Nachwelt nicht mitzuteilen. Er, der ewige Student, zitiert ein paar Zeilen des Saufklassikers Gaudeamus igitur, ein paar Zeilen der Uhland-Ballade vom Kaiser Rotbart lobesam, dazu einleitend einige englische Verse, die Wangemann ihm wohl aufgeschrieben hat. Nicht ohne Komik ist der "Rat eines Vaters an seinen Sohn", mit dem der Kanzler die Aufnahme beendet: "Treibe alles in Maßen und Sittlichkeit, namentlich das Arbeiten, dann aber auch das Essen und im Übrigen gerade auch das Trinken." Ob er mit dem "Vater" wirklich sich selber meinte? Ausgerechnet er, der geradezu verheerende Esser und Trinker? 

Das besondere Bijou dieser Walze aber ist der fünfte Text des Dokuments. Es ist – ausgerechnet – der Anfang der Marseillaise: Allons enfants de la Patrie, / Le jour de gloire est arrivé ... Wie mag ihm nur die Welthymne der Revolution in den mächtigen Schädel gekommen sein? Ein süßer Spott in Richtung des Erbfeindes? Des eigenen Feindes im Inneren: der verhassten Demokraten-Brut? Wer weiß.

Die Bismarck-Biografien müssen nach diesem kuriosen Fund nicht umgeschrieben werden. Es bleibt der morbide Zauber, "dass ein Mann, der schon lange im Grabe ruht, noch einmal seine Stimme erhebt und die Gegenwart begrüßt". Viel zu sagen hat er nicht. Dass er aber just die Marseillaise zitiert, ist heute, in diesem historischen Moment, da Frankreich ganz offensichtlich erwägt, der Bundesrepublik beizutreten, gewiss nicht ganz ohne tiefere Bedeutung!