Die trinkende FrauWenn die Suche nach wilder Romantik in einer Kaschemme endet

von Elisabeth Raether

Neulich fand ich mich rauchend und Averna – zuckersüßen Italolikör – trinkend in einer Kaschemme außerhalb der Stadt wieder. Was war geschehen? Die Taxifahrt dorthin führte durch dunkle Industriegebiete und kostete 25 Euro. Ich dachte, der Taxifahrer will mich entführen. Das klingt witzig, aber es ist mir wirklich mal passiert, dass ein Fahrer mir lüstern das Knie getätschelt hat, als ich gerade am Bezahlen war. Es war ein Vertrauensbruch, über den ich lange nicht hinwegkam, denn Taxifahrer sind a girl’s best friend. Sie sind immer auf deiner Seite, sehen diskret weg, wenn du aus unterschiedlichen Gründen schluchzend auf der Rückbank sitzt. Das Taxi ist eine Art fahrendes Frauenhaus, der Ort, an den man sich rettet, wenn man zum Beispiel mit Stöckelsandalen in eine Packung Ayran getreten ist, die auf dem Bürgersteig herumlag, oder wenn man aus Versehen ein bisschen zu viel getrunken hat und schnell nach Hause sollte, bevor man noch weiter fremden Menschen in der Bar vom wirklich sehr süßen Hund erzählt, mit dem man seine Kindheit verbracht hat und der dann starb, sanft entschlief mit 14 Jahren (ungefähr 80 Menschenjahre).

An dem Averna-Abend wollte mich allerdings niemand entführen oder auch nur betätscheln – diese Zeiten sind für mich für immer vorbei, neulich rief ein junger Mann mir auf der Straße »He, Mutter« hinterher, was, glaube ich, nicht als Kompliment gemeint war.

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In die Kaschemme hatten mich Leute eingeladen, die auf der Suche nach wilder Romantik sind. Deshalb geht man an diese Trash-Orte, in neonbeleuchtete Chinarestaurants, Fischimbisse unter S-Bahn-Bögen, indische Teestuben mit Plastikstühlen. Es ist eine verständliche Reaktion auf die Gourmetisierung der Welt. Alles, was man zu sich nimmt, soll heute ja köstlich, hausgemacht, unwiderstehlich, perfekt schmecken. Über Weinkenner musste man sich schon immer lustig machen, aber jetzt gibt es auch Wodka-, Bier- und Tonic-Water-Kenner.

Kürzlich sprach mich in einer Bar ein Mann um die sechzig an, er empfahl mir einen Whisky, dessen hervorragendes Torfaroma er lobte. Ich freute mich schon, dass ich offenbar wenigstens bei Männern dieser Altersgruppe nichts von meinem Charme eingebüßt habe, aber er wollte wirklich nur über Torfaroma sprechen.

Averna, der wie DDR-Hustensaft schmeckt, ist ein gutes Gegenmittel gegen den eigenen Gourmet-Nerdismus. Man verzieht das Gesicht, spürt, wie die zähflüssige Masse die Speiseröhre hinuntersickert, bekommt eine Ahnung vom Sodbrennen, das ganz sicher folgen wird, und besinnt sich: Was ist wirklich wichtig im Leben? Soll auf meinem Grabstein stehen: Was ihre Drinks angeht, traf sie immer eine hervorragende Wahl?

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    • Schlagworte Frauenhaus | Romantik | Euro | Stadt | Wahl
    • Models present creations from the Felder & Felder Autumn/Winter 2013 collection during London Fashion Week, February 15, 2013. REUTERS/Olivia Harris (BRITAIN - Tags: FASHION)

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