»Enteignet die Banken, nicht das Volk«, fordert ein Schild an der schmalen Fassade des einstöckigen Hauses in East New York . »Besetzte Immobilie« verkündet ein Banner im betonierten Vorgarten, und schwarz-gelbes Absperrband erklärt das Grundstück in der Vermont Street gewissermaßen zum Tatort – vor drei Jahren vertrieb hier die Bank of America die insolventen Eigentümer und ließ das gepfändete Eigentum fortan verrotten. Vor der Eingangstür friert eine zerknickte Topfpalme, dahinter beobachtet Alfredo Carrasquillo die menschenleere Straße.

Der Polizeiwagen, der seit der Übernahme des verlassenen Einfamilienhauses durch Occupy Wall Street am 6. Dezember fast immer gegenüber parkt, ist gerade mal verschwunden, aber die in Großbuchstaben auf die Tür geschriebenen Sicherheitsbestimmungen verlangen nach ständiger Besetzung des Wachpostens.

Während Alfredo durch sein neues Heim führt, hält sein Mitbewohner Kirk, ein 19-jähriger Student aus Texas , die Stellung. Auf den Wänden des Wohnzimmers stehen weitere Hausregeln – keine Drogen, keine Presse, kein Dreck –, und wegen einer großen Ratte bittet jemand um die Anschaffung einer großen Katze. Stühle sind rar, und so sitzt die Schauspielerin und Aktivistin Jodi mit ihrem Laptop auf dem fleckigen Teppichboden, eingewickelt in mehrere Decken.

Das besetzte Haus ist ungeheizt, die Elektrizität stiften solidarische Nachbarn durch ein Verlängerungskabel, und das Wasser wird von einem Rohr im Keller abgezapft. Für Alfredo, seine Freundin Natasha Glasgow und ihre beiden Kinder ist diese unwirtliche Unterkunft das erste Zuhause seit zehn Jahren – so lange schon ist die Familie aus der South Bronx obdachlos.

Auch nach zwei Monaten scheint sich der 28-Jährige noch immer als Gast zu fühlen, er kennt sich kaum aus in den kleinen Räumen. Dabei hat ihn das verarmte Viertel ausdrücklich willkommen geheißen. »Wir haben East New York als das von der Hypothekenkrise am schlimmsten betroffene Viertel und diese Straße als die mit den meisten leer stehenden Häusern identifiziert – sechs allein an dieser Ecke«, erklärt Alfredo.

Als er am 6. Dezember in einem Occupy-Wall-Street-Pulk durch den desolaten Stadtteil zog und seine Bleibe requirierte, hatte er nach geduldiger Öffentlichkeitsarbeit in den Kirchen die Nachbarn längst auf seiner Seite: »Wie so häufig bei verlassenen Häusern hatte es viele Klagen über Drogenhandel und Prostitution gegeben. Jedes gepfändete Haus zieht das ganze Viertel weiter runter. Eine friedliche Familie ist gern gesehen.«

Es war der Tag der »6D-Aktion«, an dem die Occupy-Bewegung im Namen einer neuen Strategie in mehr als zwanzig Städten der Nation zwangsvollstreckte Häuser besetzte. Alfredo folgte ein achtköpfiges, mit Werkzeug bestens ausgestattetes Team und begann mit den Aufräumarbeiten. Lauren di Gioia, die bereits seit September zur Putzkolonne gehört und im Zuccotti-Park für Ordnung sorgte, schuftete drei Tage lang in dem verkommenen Haus. »Wir steckten in Schutzanzügen und haben sämtliche Rigipswände rausgeschlagen, alles war von Schimmel befallen. Die vollen Müllsäcke und was es an Möbeln gab, haben wir zu Barrikaden aufgetürmt, aber die Polizei hat uns nicht belästigt«, erzählt die hübsche Musikerin mit den blauen Haaren, deren kurzes Studium der Werbung ihre Skepsis gegenüber der Konsumkultur vertiefte.