Fleischkonsum : Das Schwein bestimmt das Bewusstsein

Ein Berliner Student und ein Brandenburger Bauer wollen die Fleischerzeugung umkrempeln.
Schwein 2 alias "Flecki" auf der Wiese von Bernd Schulz © Dennis Buchmann

Schwein 1 hat braune Augenbrauen und einen Fleck am Ohr. Es grunzt zufrieden. Es weiß nicht, dass der Schlachter gleich die Stromzange ansetzen wird. Dass es Momente später mit einer Kette am Hinterbein hochgezogen und per Stich in die Halsschlagader getötet wird. Dass aus ihm dann 123 Kilogramm Fleisch werden. 250 Gläser Wurst, 50 Schlackwürste, 40 Mettringe, dazu Räucherschinken.

Auf jedem Glas klebt ein Foto von Schwein 1. Wer die Wurst genießen will, sieht das Tier, das zum Zwecke ihrer Herstellung sein Leben lassen musste. Er sieht aber auch: Dieses Schwein hatte ein schönes Leben.

Das Projekt Fleisch ein Gesicht geben ist kurios, provokant und verstörend. Und es trifft den Nerv der Zeit. Aß der Durchschnittsdeutsche 1956 noch 27 Kilogramm Fleisch pro Jahr, sind es heute doppelt so viel. "Ich habe mir überlegt, wie man die Leute zu bewussterem Konsum mit Respekt bringen kann", sagt Dennis Buchmann, der sich die Sache ausgedacht hat.

Leser fragen Jonathan Safran Foer

Buchmann, 34 Jahre alt, steht am Rande eines Feldes, das so groß ist wie der Berliner Zoo , bei Brück in der Mark Brandenburg , eine Stunde von Berlin entfernt. Neben ihm lehnt Bernd Schulz am Gatter, der Bauer. Vor den beiden drängeln sich die Schweine am Trog. Buchmann und Schulz wollen die Kandidaten für Schwein 2 auswählen, für die nächste Runde Fleisch mit Gesicht. Die fünf Nominierten wühlen tief im Schlamm.

"Na, wat meenste, wat se wiegt?", fragt Schulz und zeigt auf seine Lieblingssau. Buchmann tippt auf 130 Kilo. Der Bauer ist zufrieden. "Hat schon viel jelernt, der junge Mann!" Das Schwein grunzt, die Kamera klickt. Buchmann stapft über den Acker und fotografiert die anderen Kandidaten für seine Webseite meinekleinefarm.org . Dort können die Kunden dann abstimmen, welches Schwein geschlachtet werden soll. Fridolin könnte das Rennen machen. Das Fell gescheckt, das linke Auge dunkel eingerahmt. 123 Kilo.

Am 8. Februar wird Bauer Schulz Schwein 2 zum Schlachter ein paar Dörfer weiter fahren. Wenig später wird das Tier als Wurst im Glas stecken, mit einem Foto, auf dem es uns froh entgegenblickt.

Dennis Buchmann will die Welt verbessern. Der Journalist und Biologe hat schon eine Zeitschrift erfunden, Humanglobaler Zufall , und allgemeine Feldforschung auf Tobago betrieben. Derzeit macht er seinen Master an der Berliner Humboldt Viadrina School of Governance. Er will den Menschen nicht den Appetit verderben, aber zu einem anderen Umgang mit Fleisch verhelfen: "Das Schwein bestimmt das Bewusstsein."

Bauer Bernd Schulz zieht seine Schweine nach Öko-Richtlinien auf. © Dennis Buchmann

Welcher Landwirt ist verrückt genug, sich mit solch einem Experiment das Geschäft zu versauen? "Ich bin in der Gegend verschrien als Spinner", sagt Schulz, ein Biobauer unter Massentierhaltern. Als Buchmann ihn anrief, saß er gerade vor der Tagesschau. Buchmann erklärte schnell sein Konzept: Er kaufe dem Bauern das Schwein ab, der Schlachter verdiene an Schlachtung und Verarbeitung, und er selbst am Verkauf der Wurst. Nach drei Minuten habe Schulz gesagt: "Supa, dit machn wa."

Seine Schweine leben neun Monate, nicht drei, sie haben Auslauf. Die Wurst ist doppelt so teuer wie übliche Ware. Schwein 1 war innerhalb weniger Tage ausverkauft, Schwein 2 kann jetzt bestellt werden. Noch vermarktet Buchmann jeweils nur ein Tier zur Zeit.

Der Ostwind bläst scharf über das Feld. Die Ferkel quieken. Eines wälzt sich im Modder und knabbert an den Wurzeln der Gräser – ein Vergnügen, das dem Bauern Arbeit erspart: "Ich muss dann nicht mehr pflügen." Buchmann will noch eine Webcam installieren, dann können seine Kunden ihrer Wurst beim Aufwachsen zusehen.

Kommentare

42 Kommentare Seite 1 von 5 Kommentieren

Achtung vor der Kreatur

Auch dann, oder gerade wenn man diese verspeisen will. Ich finde diese Idee saustark. Alles hat seinen Preis. Auch der verantwortungsvolle Umgang mit Nutztieren. Allerdings haben die meisten Verbraucher eine andere Ansicht. Und bei Bioprodukten wird förmlich zum Manipulieren eingeladen.
Schade!

Dass die meisten Verbraucher anderer Ansicht sind,

glaube ich nicht. Eher haben sie überhaupt keine Ansicht, weil das Bewusstsein fehlt. Innerhalb 1,2 Generationen ist den meisten Menschen das Wissen über den Ursprung unserer Lebensmittel völlig abhanden gekommen. Die Agrar- und Lebensmittelindustrie tut alles dafür, damit das auch so bleibt, denn nur so lassen sich dem Verbraucher alle diese merkwürdigen Kompositionen mit normiertem Geschmack unterjubeln. Die Idee hier finde ich super! Und genauso bin ich auch dafür, dass die Produkte aus der industriellen Massentierhaltung mit Bildern aus diesen Ställen geziert werden und dass man auf dem Etikett genau aufgeklärt wird, wieviel von welchen Antibiotika, Schmerzmitteln und anderen Masthilfsstoffen in 100g Fleisch enthalten sind und mit welchen Futterinhaltsstoffen welcher Herkunft das Tier gefüttert worden ist.
Auf diese Weise lässt sich der Fleischkonsum ganz sicher drastisch senken...

sie schreiben:

"Und genauso bin ich auch dafür, daß Produkte aus der industriellen Massentierhaltung mit Bildern aus diesen Ställen geziert werden und daß man auf dem Etikett genau aufgeklärt wird, wieviel von welchen Antibiotika, Schmerzmitteln und anderen Masthilfsstoffen in 100g Fleisch enthalten sind und mit welchen Futterunhaltsstoffen welcher Herkunft das Tier gefüttert worden ist."
Sie denken nur zur Hälfte, meine ich. Glauben sie ernsthaft daran, daß dies je zu verwirklichbar wäre? Wieso sollten profitorientierte Massentierhalter ihre Produkte je mit realistischen Etiketten versehen lassen?

Schön und gut...

Die Idee ist ja schön und gut. Das Problem ist allerdings nicht das Fleisch, das so wie hier beschrieben produziert wird (und dementsprechend teuer ist). Das Problem ist die Massentierhaltung, aus der der größte Teil der produzierten Waren stammt. Und Fotos von den Zuständen dort will sicher keiner auf den Wurstpackungen sehen.