Mit Josef Rosner fahren wir durch Niederbayern. Er will uns etwas zeigen. Rosner ist Architekt, Biobauer, grüner Lokalpolitiker, Schreiner und Künstler, ein Tausendsassa. 2005 hatte sich der Mittfünfziger aus Osterhofen nahe Straubing im tiefschwarzen Landkreis Deggendorf für die Ökopartei als Landratskandidat aufstellen lassen und 15 Prozent geholt. Jetzt kriegt er die Wut.

Die Solarstadl! Diese Gebäude, die nur aus einem Dach bestehen! Wir sehen sie an Ortsrändern, auch mitten in der Landschaft. Sie sind so groß, dass sie alle dörflichen Dimensionen sprengen. Das wichtigste Merkmal dieser Gebäude sind Pultdächer, die sich bis ganz zum Boden ziehen. Und zwar nur auf einer Seite. »Volahiku«, spottet Rosner. »Vorne lang, hinten kurz.« Manchmal sind sie mit Holzplanken oder Wellblech eingefasst, manchmal schweben die Dächer nur auf dünnen, nackten Stelzen. Die lange Seite ist stets exakt nach Süden ausgerichtet und mit glitzernden Paneelen bedeckt.

Ein Stadl ist eine bayerische Scheune, ein früher meist aus Holz errichtetes Lager für Heu oder Getreide oder landwirtschaftliches Gerät. Der Zweck eines Solarstadls hingegen ist allein das Dach: Es geht darum, möglichst viel Sonnenstrom zu ernten und Fördermittel abzuschöpfen.

Der Wildwuchs der Solarstadl setzte ein, als die Bundesregierung 2010 die Förderung von Photovoltaikparks auf Ackerland aus dem Erneuerbare-Energien-Gesetz strich. Viele solcher Parks waren in den vergangenen Jahren im sonnenreichen Niederbayern entstanden, was nicht nur Landschaftsschützer auf die Barrikaden brachte, sondern auch Gegner einer angeblichen »Überförderung« erneuerbarer Energien . Seit attraktive Fördersätze nur noch den Betreibern von Dachanlagen winken, bauen schlaue Bauern Dächer ohne Häuser. »Absolut obergrauslich« findet das Rosner.

Laut Baurecht darf im Außenbereich, abseits von Dörfern, grundsätzlich nicht gebaut werden. So soll die Zersiedelung des ländlichen Raums gebremst werden. Ausgenommen sind Bauwerke, die der landwirtschaftlichen Produktion dienen. Auf dieses Privileg berufen sich die Bauern, wenn sie ihre Solarstadl in die Landschaft setzen.

»Die brauchen da drin nur eine rostige Heuspinne abzustellen, schon sind sie aus dem Schneider«, sagt Martin Wölzmüller vom Bayerischen Landesverein für Heimatpflege. »Das müssen Sie erst einmal wegprozessieren.« Kontrollen seitens der Landwirtschaftsämter gebe es kaum.

Im bayerischen Landwirtschaftsministerium ist das Phänomen bekannt. Aber die Behörde will der Energiewende – und dem Bauernglück – nicht im Wege stehen und sieht über den Missbrauch des Privilegs hinweg. Nähme man es genau, handelte es sich bei vielen Solarstadln um Schwarzbauten. Dass auch nur ein solches Gebäude auf behördliche Anordnung hin abgerissen worden wäre, ist im Ministerium nicht bekannt.

»Das ist doch alles außer Kontrolle«, sagt Egon Johannes Greipl, Bayerns oberster Denkmalschützer, der sich gerade darum bemüht, bei der Umsetzung der Energiewende ein Wörtchen mitreden zu können. Was heute als grünes Patentrezept gelte, werde man irgendwann noch bitter bereuen: »So wie man heute die autogerechten Städte bitter bereut, die brutale Kanalisierung der Flüsse und die ohne Rücksicht auf ökologische Belange rein technokratisch durchgezogene Flurbereinigung.«

»Hier ist einer meiner Lieblingsstadl«, ätzt Rosner und steuert ein nagelneues, etwa 75 Meter langes und an der kurzen Seite gut zehn Meter hohes Gebäude an. »Das ist der Klassiker«, sagt Rosner. »Solche riesigen Scheunen brauchen die Bauern hier eigentlich nicht.«

Rosner hat immer seine Kamera dabei, um prägnante Beispiele zu dokumentieren. Natürlich kann er als Grüner nicht gegen die Nutzung von Ökoenergien stänkern. Trotzdem schmerzt ihn die Verhunzung seiner Heimat. Auch auf historischen Häusern empfindet er Solarzellen nicht als Zierde. Dazu kommen all die Biogasanlagen mit den eintönigen Maisfeldern, welche die bäuerlich geprägte Kulturlandschaft in ein semi-industrialisiertes Mischgebiet verwandeln. Und jetzt will Bayern auch noch Windkraft !

Manchmal könnte einem da schon der böse Gedanke kommen, dass ein kleines Atomkraftwerk alle 200 Kilometer vielleicht doch gar nicht so schlecht ist. Vom Landschaftsbild her – und wenn es denn nicht explodiert.