Geschichte der WindenergieDie Kraft aus der Luft
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Das größte Windrad der Welt

Als Reserve gegen Kohlekrisen und Energiehunger wird die Technik aber weiter erforscht. Selbst die Nazis zeigen Interesse. In ihrer Vorliebe für alles Gigantomanische faszinieren sie vor allem die Pläne des in Berlin lebenden badischen Erfinders Hermann Honnef . Der Völkische Beobachter berichtet im Februar 1932 über Honnefs Vision eines "riesenhaften Projekts, dessen Verwirklichung eine völlige Umwälzung unserer wirtschaftlichen Verhältnisse herbeiführen wird". Honnef warnt vor der "Erschöpfung der Kohlelager", er will mit Windstrom Felder beheizen, um den Bauern zusätzliche Ernten zu ermöglichen.

Von Windrädchen hat sich Honnef längst verabschiedet, er strebt die segensreichen hohen Luftschichten an. Seine gewaltigen Kraftwerke sollen im Herzen der Großstädte stehen und mehrere Windräder mit je 60 Metern Durchmesser auf einem 250 Meter hohen Turm "inklusive Restaurationsbetrieb" vereinigen. In missionarischem Eifer wirbt Honnef für eine "nationale Großversorgung" mit Strom durch Windenergie. Obwohl sich Hitler für Honnefs Pläne interessiert haben soll, bleiben die Reichskrafttürme in Hamburg und Berlin Papier.

Mit dem Wiederaufbau nach dem Krieg wächst in ganz Europa der Energiebedarf. England, Frankreich, Dänemark und die Niederlande forcieren noch einmal die Erforschung der Windenergie, bevor in den fünfziger Jahren die Atombegeisterung alles überrollt. Auch über deutsche Windkraftwerke legt sich nun eine lange Flaute. Immer mehr Forschungsgeld fließt in die Atomkraft, die bis 1979 ihren Anteil am Forschungsetat auf 60 Prozent steigert. Für Sonne, Wind und Co. bleiben nur die Krümel: vier Prozent.

Immerhin wird im Sommer 1974 – der Ölpreisschock zeigt Wirkung – der in Stuttgart lehrende, österreichische Flugzeugbauer und Windanlagen-Konstrukteur Ulrich Hütter von Forschungsminister Hans Matthöfer ( SPD ) beauftragt, die Potenziale der Windkraft zu erkunden. Hütter ist ein ehrgeiziger Pionier, der die Leichtbauweise und neue Verbundstoffe für Windturbinen entwickelt hat. Schon als junger Mann, noch vor dem Zweiten Weltkrieg, erforschte er die Abmessungen der Energiewindmühlen und ermittelte die optimale Größe von Turm und Rotoren. Dem Ministerium in Bonn liefert Hütter nun verwegene Zahlen: In der Bundesrepublik könne Windkraft 73 Prozent des Strombedarfs decken – eine Schätzung, die heute längst nicht mehr so utopisch klingt wie damals.

Auch Hütter liebt den Zug ins Große. Er empfiehlt seinem Auftraggeber den Bau einer riesigen Anlage mit 80 Metern Durchmesser. "Die nächste Entwicklungsstufe könnte dann eine Großanlage von 113 Metern Durchmesser sein." Solche Monster werden heute tatsächlich gebaut, 1974 aber waren sie noch reine Science-Fiction.

Die Verheißung von Großanlagen soll den Energieversorgern die Windkraft schmackhaft machen. Auch in den USA heißt es: Think big! 1979 nimmt die Nasa in Nord-Carolina die größte Windturbine der Welt in Betrieb – zwei Megawatt, 61 Meter Durchmesser. Die Deutschen wollen mitziehen. In der Kernforschungsanlage Jülich bei Aachen beschließt im Juni 1976 eine 30-köpfige Männerrunde unter Führung des Forschungsministeriums den Bau einer Großwindanlage. Unter dem Kürzel "Growian" wird sie zum Inbegriff für ein 90 Millionen Mark teures Forschungsfiasko, zum Signum "schieren unrationellen Gigantomanismus", wie die FAZ 1983 bilanziert.

Schon der Start wird verstolpert. Die Energieversorger wollen das größte Windrad der Welt partout nicht fördern. Nur widerwillig treten die Stromkonzerne RWE und Schleswag der Growian GmbH bei und sichern sich gegen alle Finanzrisiken ab. RWE-Vorstandsmitglied Günther Klätte gesteht im Februar 1982 freimütig der Welt, dass Growian "ein pädagogisches Modell" sei, um Atomgegner zu bekehren. Und Ex-Forschungsminister Matthöfer verplappert sich kurz darauf: "Wir wissen, dass es nichts bringt. Aber wir machen es, um zu beweisen, dass es nicht geht."

Nach vielen Verzögerungen wird das Meisterwerk deutscher Ingenieurskunst im Februar 1983 fertig montiert. Zwischen Kohlfeldern, Schafherden und schnatternden Gänsen steht der Koloss im Dithmarscher Kaiser-Wilhelm-Koog. Der Turm ist 100 Meter hoch, jeder der beiden Flügel 50,2 Meter lang, das Maschinenhaus 420 Tonnen schwer. Mit drei Megawatt ist die Anlage 50-mal größer als das größte Serienmodell der führenden Windnation Dänemark , der Durchmesser übertrifft den Nasa-Riesen um 40 Meter. Der Münchner Technikkonzern MAN hat Growian gebaut. "Wir hatten keine Ahnung von Windenergie", gesteht der für Aerodynamik zuständige Ingenieur Erich Hau Jahre später dem Journalisten Jan Oelker. Aber MAN soll ja nur Hütters Konzept umsetzen. Weil die meisten Ingenieure "noch nie ein Windrad gesehen haben" (Hau), kauft sich das Unternehmen als Anschauungsmaterial für umgerechnet 10.000 Euro eine uralte Windmühle.

Die Betriebsphase von Growian ist kurz und schmerzhaft. Risse in der Nabe, geplatzte Flügel, heiß gelaufene Rotorbremsen, dann wieder Schüttelfrost und rätselhafte Turbulenzen. Der Wind pfeift übern Deich, und Growian wackelt bedenklich. Der Gigant entpuppt sich als wahres Windei, nach ständigen Reparaturen und lediglich 331 Stunden Normalbetrieb wird er im Sommer 1988 abgerissen.

Ganz vergebens war die Anstrengung nicht gewesen. Denn zum Üben hatte MAN im Frühjahr 1979 eine Art Mini-Growian gebaut: den "Aeroman" mit elf Metern Rotorbreite. Die ersten Modelle waren zwar schnell schrottreif, doch die Konstrukteure lernten dazu und entwickelten ein richtig gutes Windrad. Die kleine Mühle setzte mit ihrem schwingungsfähigen Turm technische Maßstäbe und wurde 470-mal in alle Welt verkauft. Zu wenig natürlich für einen Global Player wie MAN!

Just in jener Zeit – die Atombegeisterung hat merklich nachgelassen – setzt die wahre, bis heute anhaltende Windkraftrenaissance ein, zunächst im neuen grün-alternativen Milieu. Überall schießen kleine Windräder aus dem Boden, Symbol einer dezentralen und vor allem risikofreien Energieversorgung. Aus verrosteten Öltanks und Geschirrspülautomaten, aus Lkw-Achsen und Oberleitungsmasten werden Mühlen zusammengeschraubt. Der Sylter Tüftler Günter Wagner will 1982 "gegen Kern und Kohle" Zeichen setzen und montiert Rotoren auf einem 70 Jahre alten Kutter. Sein schwimmendes Kraftwerk wird zur ersten deutschen Offshore-Anlage.

Leserkommentare
    • Peugeot
    • 08. Februar 2012 17:14 Uhr

    Ja... es ging um Windparks. Nun muss ich gestehen, ich habe nichts gegen Windenergie. Im Gegenteil. Nahe meinem Wohnort (2km) stehen mehrere solche Dinger, jetzt mit 1,5 MW Maschinen auf dem Turm. Der Flächenverbrauch ist gering im Verhältnis zu einem Solarpark (auch die gibt es etwas weiter weg (35km, Solarworld), unter den Turbinen ist nach wie vor Acker. Einzig einige Zufahrten und seit dem Repowering Kranstellflächen könnten so bewertet werden, die mittlerweile bewachsenen Fundamente sind eher kleine Biotope. Dem Verbrauch der Gemeinde gegengerechnet liefern die *Windmühlen* das 6,3 fache... Liefern! nicht installierte Leistung.

    Sie stehen auf einem nördlich gelegenem Höhenzug, Schlagschatten ist also kein Problem, Schallwahrnehmung ist allerdings, je nach Witterung deutlich (bes. bei Eisansatz, aber seit dem Repowering geringer, die Rotoren sind größer und drehen langsamer). Es stört mich aber nicht, ist wie Meeresrauschen. Die Topographie unserer Gebirgsgegend bringt es mit sich, dass man nicht ständig NUR auf diese Maschinen blickt, auch wenn im 10 km- Radius so an die 50 Stück stehen; die Riesenwindparks entlang z. B. der A14 zw. Halle und Magdeburg auf ebenem Land sehe ich da wesentlich kritischer...

    Mir ist die Windenergie nach der Wasserkraft die *liebste* Form der erneuerbaren Energien. Die Biogasgeschichte ist seit dem NAWARO- Bonus völlig aus dem Ruder gelaufen ebenso wie die Pholtaik. Über kurz oder lang kommen wir an alt. Energien nicht vorbei.
    Leider?

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    • Peugeot
    • 08. Februar 2012 17:40 Uhr

    Wir kommen nicht daran vorbei, ich wüsste nicht wie. In der Sache schlagen zwei Seelen in meiner Brust: Auf der einen Seite bin ich mit einem kleinem, aber energieintensivem Betrieb kein kleiner Verbraucher, ca. 5 mal soviel im Monat wie ein 4-Pers. Haushalt im Jahr und brauche auch Versorgungsicherheit; 0,2sec Spannungsabfall um 20% und mein ganzes Variete steht still, evtl. Schäden an werkzeugen und maschinen nicht ausgeschlossen. Allein an EEG- Umlage fällt z. Z. so etwa 7500€ im Jahr an. Die wären in ein paar hundert Euro mehr an die MA besser angelegt als in Solaranlagen, deren Ertrag großteils als Zins an die Banken fließt.-

    Auf der anderen Seite kann ich nicht ignorieren, das allen Peak- sonstwas Verschiebungen zum Trotz unsere fossilen Ressourcen endlich sind.

    Was nicht heissen soll, dass ich die Machart der Gesetze betreffs der *Erneuerbaren* generell gutheisse, oder die Begründungen für die Energiewende, die sich so in dem Duktus lesen "Gut für Euch alle, gut für das Klima". Im wesentlichen wurden Lobbyinteressen beachtet, die zu allerlei Fehllokationen der Ressourcen, Abschöpfen von Fördermitteln durch *Investoren* und zu einer tatsächlichen Umverteilung von Kapital von *unten nach oben* führten.

    Und es sind mächtige Lobbyisten am Werk. Bei der Biogasanlage Penkun baute man 40 Anlagen zu 500kW, nur um in den Genuss der höheren Fördersätze für *Kleinanlagen* zu kommen. Staat wollte die Förderung der 20MW Anlage kürzen, doch man änderte nachtr. das Gesetz...

    • Peugeot
    • 08. Februar 2012 17:40 Uhr

    Wir kommen nicht daran vorbei, ich wüsste nicht wie. In der Sache schlagen zwei Seelen in meiner Brust: Auf der einen Seite bin ich mit einem kleinem, aber energieintensivem Betrieb kein kleiner Verbraucher, ca. 5 mal soviel im Monat wie ein 4-Pers. Haushalt im Jahr und brauche auch Versorgungsicherheit; 0,2sec Spannungsabfall um 20% und mein ganzes Variete steht still, evtl. Schäden an werkzeugen und maschinen nicht ausgeschlossen. Allein an EEG- Umlage fällt z. Z. so etwa 7500€ im Jahr an. Die wären in ein paar hundert Euro mehr an die MA besser angelegt als in Solaranlagen, deren Ertrag großteils als Zins an die Banken fließt.-

    Auf der anderen Seite kann ich nicht ignorieren, das allen Peak- sonstwas Verschiebungen zum Trotz unsere fossilen Ressourcen endlich sind.

    Was nicht heissen soll, dass ich die Machart der Gesetze betreffs der *Erneuerbaren* generell gutheisse, oder die Begründungen für die Energiewende, die sich so in dem Duktus lesen "Gut für Euch alle, gut für das Klima". Im wesentlichen wurden Lobbyinteressen beachtet, die zu allerlei Fehllokationen der Ressourcen, Abschöpfen von Fördermitteln durch *Investoren* und zu einer tatsächlichen Umverteilung von Kapital von *unten nach oben* führten.

    Und es sind mächtige Lobbyisten am Werk. Bei der Biogasanlage Penkun baute man 40 Anlagen zu 500kW, nur um in den Genuss der höheren Fördersätze für *Kleinanlagen* zu kommen. Staat wollte die Förderung der 20MW Anlage kürzen, doch man änderte nachtr. das Gesetz...

    Antwort auf "Windparks"
  1. weil den Windparks die Puste ausgegangen ist.

    So is Leben ...

  2. Elektrizität aus Windenergie macht nur dann Sinn, wenn sie gleich am Ort der Umwandlung auch genutzt wird und nicht in das völlig unsinnige, mehr als 1,6 Millionen (!!!) Kilometer lange Hochspannungsnetz in Deutschland eingespeist wird.
    Mehr hier:
    http://www.hydrogenambass...
    Damit werden NUR unsinnige und unnötige Verluste produziert un es verdienen daran nur die Stromerzeuger und Netzbetreiber.

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    "Wer Erneuerbar sagt muss auch Dezentral sagen"

    Dezentrale Energieversorgung bedeutet eine eher föderative Gesellschaft mit autonomen Gemeinden.

    • HH7
    • 12. Februar 2012 10:50 Uhr

    Dieser Eindruck kommt mir bei der Verspargelung der Landschaft. Einfach furchtbar.

    Windkraft gehört in Windparks weit draußen auf dem Meer. Alles andere ist ein Eigentor.

  3. "Wer Erneuerbar sagt muss auch Dezentral sagen"

    Dezentrale Energieversorgung bedeutet eine eher föderative Gesellschaft mit autonomen Gemeinden.

  4. Auch Deutschland denkt unmittelbar nach dem Krieg über die Windenergie nach. Hier (s.h. Funktechnik Nummer 13, Berlin 1947) rechnete man seinerzeit mit etwa 2000 möglichen Jahresstunden der Windnutzung an Land. Das sind etwa 23% der 8760 Jahresstunden. Da würde mich schon noch interessieren, wie der Herr Hütter 1974 darauf kam, 73% des Strombedarfs mit Windenergie decken zu können. Die für eine Überdeckung von mehr als 23% nötigen und bezahlbaren Stromspeicher gibt es bis heute nicht. 1947 errechnete man aus den 2000 möglichen Jahresstunden einen Stromgestehungspreis zum Doppelten des Strompreises aus Steinkohle. Das war gut gerechnet: Die Bonner Rundschau vom 18.JANUAR 2012 zitiert eine Studie des Instituts für Energiewirtschaft der Universität Stuttgart (IER) wonach es etwa 2,8 Cent kostet, eine Kilowattstunde Strom aus Braunkohle herzustellen. Bei Steinkohle sind es 3,3, bei der Atomkraft 3,5 und bei der Windenergie mindestens 7,6 Cent pro Kilowattstunden. Offshore kann Windkraft an etwa 3500h/a genutzt werden, das verbilligt die Gestehungskosten des Windstromes prinzipiell. Notwendige Stromspeicher, zu denen auch konventionell betriebene Regelkraftwerke gezählt werden müssen, erhöhen dagegen den Stromgestehungspreis. Zu den weiteren Kosten der Windenergie s.h. FAZ, 12.Mai 2012 S.33, „Ich trete aus“ von Enoch zu Guttenberg.
    Da bin ich doch eher gespannt, wann das Experiment „Energiewende“ abgebrochen wird.

  5. Bei den ganzen Diskussionen um unser optisches Wohlbehagen und Zehntelcent beim Strompreis sollten wir nicht aus den Augen verlieren, worum es eigentlich geht. Wir leben zur Zeit recht komfortabel auf Kosten künftiger Generationen. Als zivilisierte Nation sollten wir alle Anstrengungen unternehmen den größtmöglichen Teil unser Energie regenerativ zu erzeugen und vor allem auch vernünftig damit umzugehen. Der Anteil regenerativer Energien lässt sich nämlich auch durch eine Senkung des Gesamtverbrauchs bei gleicher Installierter Leistung senken. Leider gibt es immer noch zu viele wirtschaftliche Anreize zur Stromverschwendung, z.B. die Befreiung von der Netznutzungsgebühr für die größten Verbraucher.

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