Syriens Präsident Baschar al-Assad und der russische Außenminister Sergej Lawrow in Damaskus © STR/AFP/Getty Images

Was erhofft sich Russland davon, den Mörder von Syrien in Schutz zu nehmen? Wie sieht einer den Arabischen Frühling, der sagt, man habe "doch schon genug Probleme" in Nordafrika? Der erklärt, man müsse nicht auch noch in Syrien für Chaos sorgen, indem man den Machthaber Baschar al-Assad mit UN-Resolutionen bedränge? So sprach der russische Außenminister Sergej Lawrow vergangenes Wochenende auf der Münchner Sicherheitskonferenz. Um zwei Tage später ebendiesem Assad in Damaskus einen Freundschaftsbesuch abzustatten.

Versuchen wir, aus Kreml-Sicht auf den Umsturz im Nahen Osten zu schauen. Zu sehen ist da kein Freiheitskampf, kein bombardierender Tyrann, keine brennende moralische Pflicht. Nein, das Bild ist kalt. Hundert Tote in wer weiß wo? Homs? Oder auch tausend? Egal. Es schert die russische Bevölkerung nicht, also: Was schert’s uns? Sicher, dieser Assad mag ein Schurke sein. Aber er ist unser Schurke, ein Bruder Moskaus. Ohne ihn keinen Hafen am Mittelmeer, keine Waffenexporte, keine milliardenschweren Energiegeschäfte. Außerdem: Bröckelt Syrien , schwächt das als Nächstes den Iran , den wertvollsten Kunden für die Nuklearexporte des Kremls. In Libyen hat der Westen bereits den Geschäftsfreund Gaddafi weggebombt, obwohl die UN-Resolution das gar nicht erlaubte. Und jetzt soll Moskau Ja sagen zu einer "Verurteilung" Syriens?

Russland stützt ein Verbrecherregime, weil Moral für Moskaus Außenpolitik keine Größe ist. Was zählt, ist die Exportbilanz, und die wird verhagelt durch Wandel und Revolution.

Russland spielt sich als Großmacht des Neins auf. Das hat keine Zukunft

Für wie zynisch sie diese Weltsicht hält , machte die amerikanische Außenministerin Hillary Clinton nach einer Reihe von vergeblichen Gesprächen mit Lawrow in München klar. Wie angeekelt warf sie Russland vor, ab sofort mitverantwortlich zu sein für die Massaker in Syrien. Der Vizeaußenminister von Katar nannte Russlands Rückendeckung für Assad eine "Lizenz zum Töten". Das ist eine neue, bis vor Kurzem undenkbare Sprache im Umgang mit Russland.

Moskaus Sicht auf die arabischen Umbrüche ist aber nicht bloß zynisch, sie ist auch fehlkalkuliert, sprich: selbst im russischen Interesse falsch. Hinter den Münchner Kulissen versuchte der deutsche Außenminister dies Lawrow klarzumachen. Bei dem Argument, Russland setze auf sterbende Regime, auf die falsche Seite der Geschichte, legte Lawrow angeblich die Stirn in Falten. Lässt sich da also doch etwas bewegen?

Vielleicht ist ein Ruck erforderlich, ein entscheidendes Wort. Es gibt eines, das schon einmal gewirkt hat. Damals, 1989, hat ein Russe es an die Betonköpfe in der DDR gerichtet. Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben.