Erleichterung, große Erleichterung. Alle Redakteure und Administratoren waren wohlauf, das Team war komplett, und so lief Manuel Ramírez* an seinen Computer und tippte die gute Nachricht: "Nein, der Ermordete stammt nicht aus unserem Team."

An jenem Tag im November 2011 hatte eine Polizeimeldung die Redaktion von Nuevo Laredo en vivo erschüttert. Neben dem Columbus-Denkmal im Zentrum Nuevo Laredos, einer Stadt an der US-Grenze, fanden Polizisten die gedunsene Leiche eines Mannes. Sie wies Foltermale auf, und neben ihr lag ein Zettel mit dem Wort "rascatripas", dem Pseudonym eines Administrators von Ramírez’ Blog. Mexiko hatte eine schwarze Woche hinter sich: Der Innenminister war beim Absturz eines Hubschraubers gestorben, Männer und Frauen waren gefoltert und erschossen worden, in der Stadt Ecatepec fand die Polizei Körperteile in Plastiktüten. Und nun ließ diese Meldung Ramírez versteinern: Hatte die Mafia einen Kollegen getötet?

Wäre die Antwort Ja gewesen, gäbe es den populärsten Chatroom der Region mit 500.000 Visits und 3.500 Followern vielleicht nicht mehr. Bereits im vorigen September hatten Auftragskiller zwei Leichen an eine Fußgängerbrücke gehängt. Wer weiter "merkwürdiges Zeug" im Netz veröffentliche, so die Henker, müsse mit demselben Schicksal rechnen. Sie behaupteten, die Opfer seien Nutzer von Nuevo Laredo en vivo gewesen. Kurz darauf töteten sie die Blog-Administratorin María Macías. Ihr abgetrenntes Haupt legten sie neben die nackte Leiche in einen Pflanzenkübel, mit Kopfhörern auf den Ohren, daneben eine Tastatur und eine Computermaus. Die Nachricht diesmal: "Hier liege ich wegen meiner Geschichten."

In Mexiko ist einer der heftigsten Cyberkriege der Welt entbrannt. Internetaktivisten outen jetzt die mutmaßlichen Unterstützer der Drogenkartelle, die Schwachen haben den Kampf gegen die Mächtigen eröffnet – denn sie glauben, dass sie wie David gegen Goliath gewinnen können, weil das moralische Recht auf ihrer Seite ist. Anders als David in der Bibel aber wollen sie Goliath nicht direkt töten, sondern ihren Staat zwingen, endlich den Landfrieden zu sichern. Deshalb prangern sie den Filz aus korrupter Politik und Mafia an. Sie führen die Wahrheit ins Feld gegen Lüge, Gier, Gewalt und die sittliche Verrohung einer Gesellschaft, die einst gut katholisch war, aber heute von gnadenlosem Machiavellismus regiert wird. Fernab der theoretischen WikiLeaks-Debatten in Europa und Nordamerika, ob auch das "Leaken" von Verbrechen kriminell sei, kämpfen Mexikos neue Netzpartisanen gegen einen bisher unbesiegbaren Feind.

Doch der wehrt sich mit alten Mitteln. Zu Jahresbeginn meldete die Generalstaatsanwaltschaft 50.000 Tote in dem seit fünf Jahren währenden Drogenkrieg. Teilweise handelt es sich um Machtkämpfe zwischen den narcos, den Drogenkartellen, doch entgegen offiziellen Meldungen zählen immer mehr Reporter, Aktivisten und Blogger zu den Opfern. Am vergangenen Freitag wurde Norma Andrade, eine Anklägerin der weltweit bekannten Frauenmorde von Ciudad Juárez, Opfer einer Messerattacke; Wochen zuvor hatte man sie angeschossen. Noch schlimmer erging es Nepomuceno Moreno, dem Vater eines verschollenen Jungen aus dem Bundesstaat Sonora, der zusammen mit dem Dichter Javier Sicilia friedliche Proteste gegen die Kartelle organisierte. Er selbst hatte seinen Tod vorausgesagt: "Sie werden mich umbringen, aber ich gebe den Kampf für meinen Sohn nicht auf." Kurz vor Neujahr wurde er tatsächlich erschossen.

Außer ihrer Anonymität haben sie nichts, was sie schützt

Doch damit haben die Herren des Terrors die Gesellschaft nicht zum Schweigen gebracht. In Städten wie Nuevo Laredo verwandeln sich Chatrooms, Blogs und der Kurznachrichtendienst Twitter jetzt in eine Plattform für Bürgerinitiative und Selbstkontrolle. Wo niemand mehr den Schutz des Staates genießt, wird das Internet zum letzten Zufluchtsort. Dort empören sich vor allem junge Mexikaner. Mit elf Millionen Twitter-Usern steht Mexiko weltweit auf Platz sieben. Webseiten wie Nuevo Laredo en vivo, El Blog del Narco und das Portal Animal político schließen die Lücke, die die Maschinengewehre in die Medienlandschaft gerissen haben. Frisch gestartet wurde vor zwei Wochen das Projekt Todos Los Ojos ("Alle Augen"), das die Redaktion von Animal político mit Usern im ganzen Land vernetzt, um den Informationsaustausch zu sichern. Es ist die erste groß angelegte Crowdsourcing-Initiative Mexikos.

Chefredakteur Daniel Moreno, einer der erfahrensten Medienmacher des Landes, hat das Projekt mit Blick auf die Parlamentswahlen vom 1. Juli 2012 ins Leben gerufen. "Wir wollen aus Bürgern Reporter machen", sagt er. Dieses Jahr muss Kriegspräsident Felipe Calderón die Macht abgeben, und ein neuer Präsident, 128 Senatoren, 500 Abgeordnete und mehr als 1.000 lokale Beamte kommen ins Amt. Eine Cyberarmee junger Mexikaner will die Wahl überwachen. Auch Männer und Frauen in Guy-Fawkes-Masken werden dabei sein. Anonymous Iberoamérica, die regionale Filiale des globalen Hackernetzwerks, hat bereits ihre Unterstützer auf Recherche in den Wahlkampf geschickt. Denn vieles deutet darauf hin, dass die ehemals allein herrschende Partei PRI die Wahlen gewinnen könnte – trotz schwerer Korruptionsvorwürfe und des Verdachts auf Geschäftemacherei mit den Kartellen. Im Internet lesen die Mexikaner jetzt über die PRI und andere Parteien, was viele Zeitungen aus Angst nicht mehr drucken. Kleine, weltweit kaum beachtete WikiLeaks-Nachahmer kämpfen hier für freie Presse und Demokratie.

Sie wollen, dass sich die Geschichte von Nuevo Laredo nicht wiederholt. Schon 2006 hatte die Mafia dort einen Journalisten von El Mañana, einer Lokalzeitung, angeschossen; kurz darauf wurde eine Radioreporterin auf einem Parkplatz umgebracht. Beide Verbrechen sind bis heute nicht aufgeklärt. Verzweifelt suche die Polizei die Unterstützung der Bürger, berichten örtliche Reporter dem New Yorker Committee to Protect Journalists (CPJ). Die Polizei arbeitete auch mit der Redaktion von Nuevo Laredo en vivo zusammen, auf deren Webseite immer mehr Hinweise auf Verbrechen eingingen. Das brachte Bewegung in die gelähmte Öffentlichkeit der Stadt. Doch dann starben Blogger. María Macías hatte wie zahlreiche Journalisten ein Doppelleben geführt. Offiziell arbeitete sie für die Zeitung Primera Hora, in ihrer Freizeit aber verbreitete die 39-Jährige in Chats exklusive News und ermutigte unter dem Pseudonym "La NenaDLaredo" ("die Göre aus Laredo") alle User, die Mafiosi zu outen. Kurz vor ihrem Tod twitterte sie noch: "Rattenjagd! Wenn ihr seht, wohin sie laufen, bitte VERRATET sie!!"

Gemeint waren Los Zetas. Denn alle Botschaften, die neben den Leichen von Nuevo Laredo lagen, waren mit einem Z signiert, dem Kürzel der brutalsten Killerbande in diesem Konflikt. Los Zetas haben die Stadt in einen Umschlagplatz für Schmuggelwaren verwandelt: Über die Brücken des Río Grande transportieren sie Drogen nach Texas, im Gegenzug werden Geld und Waffen geliefert. "Sie stehlen, erpressen und entführen in aller Offenheit", sagt ein CPJ-Berichterstatter. "Während die Zetas ihren Reichtum exponentiell vermehren, versinkt die Gesellschaft im Elend."

Und Nuevo Laredo ist kein Einzelfall. Die Stadt liegt im Bundesstaat Tamaulipas, wo der Zeitung Excelsior zufolge in zwölf von 42 Landkreisen keine Polizisten mehr ihren Dienst versehen. Jeder vierte Polizist wurde bereits unter dem Verdacht, den Schmuggelbanden zu dienen, gefeuert. Gepanzerte Wagen des Militärs patrouillieren nun durch Städte und Dörfer, doch an vielen Ecken lauert der Tod. "Wir haben gelernt, im Krieg zu leben, aber jetzt steht niemand mehr auf unserer Seite", sagte ein Einheimischer, der aus Angst vor unsichtbaren Killern eigentlich nicht mehr mit Reportern sprechen will.

Die Netzaktivisten sind die Letzten, denen viele Bürger noch zutrauen, sich gegen den Terror zu wehren. Im vergangenen November hatte Anonymous Iberoamérica die Aktion "OpCartel" gestartet, um ein entführtes Anonymous-Mitglied freizupressen. Sie kündigten das Outing von Mafia-Unterstützern an und begannen mit einem ehemaligen Staatsanwalt, auf dessen gehackte Webseite sie in großen Lettern schrieben, er sei Zeta-Mitglied. Zwei Tage später ließ die Drogenbande die Hacker-Geisel frei. – Wer wollte die Befreier für die Wahl ihrer Mittel kritisieren? Wer wollte nachfragen, ob die Beweise gegen den Staatsanwalt stichhaltig waren und wie man im Zweifel die Denunziation Unschuldiger verhindert?

Mittlerweile gibt es aber auch in Mexiko Kritik an Anonymous. "Die Organisation hat kein klares Ziel", sagt der Animal político-Chef Daniel Moreno, "und radikale Einzelne sprechen im Namen einer angeblich globalen Organisation. Ich vermisse eine Agenda. Wer sich zum Hüter der Gerechtigkeit aufschwingt, muss sagen, wie er für Gerechtigkeit sorgen will." Auch Anabel Hernández, Mexikos berühmteste investigative Reporterin, die in ihrem Bestseller Los señores del narco die Verwicklungen zwischen Staat und Kartellen beschrieb, ist skeptisch: "Es fehlen ethische Standards für das Netz. Ein Kampf ist nur authentisch, wenn man das Gesicht des Kämpfers sehen kann."

Die etablierte Presse schweigt

Mit offenem Visier gegen die unsichtbaren Kartelle kämpfen? Die Forderung ist naiv. Doch auch die Macht der Hacker wächst. Wer die Internetseiten von US-Justizministerium und FBI zusammenbrechen lässt, ist kein harmloser Garagenprogrammierer. Trotzdem kann man von den mexikanischen Netzaktivisten kaum fordern, Gesicht zu zeigen. Denn außer ihrer Anonymität haben sie nichts, was sie schützt.

Human Rights Watch berichtet, dass das mexikanische Militär permanent gegen Menschenrechte verstoße; das CPJ ergänzt, dass die Gewaltopfer meist Journalisten, Bürgerrechtler und Migranten seien. Weil die etablierte Presse auch darüber schweigt, emigrieren immer mehr Journalisten ins Netz. Dort schöpfen Mexikos eingeschüchterte Bürger jetzt Mut. Seit letztem Jahr demonstrieren sie in größeren Städten für einen politischen Wandel und sympathisieren offen mit den Internetpartisanen. Auch deshalb bleibt Anonymous Iberoamérica aktiv. Unlängst kündigten die Hacker den Kandidaten der Parlamentswahl 2012 die Operation "OpCorrupción" an. Sie würden gegen alle Betrüger vorgehen – egal, von welcher Partei. "Denn ihr seid alle gleich. Ihr habt uns enttäuscht."

Anonymous hat nämlich durchaus seine Mission: ein gewaltfreies und gerechtes Miteinander, das man früher auch gottgefällig genannt hätte. An einer ethisch einwandfreien Selbstgesetzgebung müssen die Hacker zwar noch arbeiten. Doch irgendwann kommt sicher eine Genfer Konvention für den Cyberkrieg. Dass Anonymous sich in Mexiko unterdessen nicht mit Statuten aufhält, sondern wie David gegen Goliath kämpft, ist aller Ehren wert.

* Name von der Redaktion geändert