Bildungsfinanzen: "Uns fehlen Milliarden"
Baden-Württembergs Wissenschaftsministerin Theresia Bauer über die Folgen falscher Studentenzahlen
DIE ZEIT: Regelmäßig versuchen sich die Kultusminister daran, die Studentenzahlen für die nächsten paar Jahre vorherzusagen, und regelmäßig ist die Prognose, die dabei herauskommt, eine Katastrophe. Jetzt ist es wieder so weit, die Schätzung bis 2020 soll beschlossen werden. Wird es wieder peinlich für die Kultusministerkonferenz (KMK)?
Theresia Bauer: Richtig ist, dass die KMK die tatsächliche Entwicklung der Studentenzahl in den vergangenen Jahren weit unterschätzt hat, andere Forschungsinstitute haben das aber auch.
ZEIT: Allerdings längst nicht so krass. Die KMK lag für das Jahr 2011 um rund 100.000 Studenten zu niedrig. Statt der 414.000 prognostizierten Erstsemester kamen 516.000.
Bauer: Darum müssen wir es diesmal besser machen.
ZEIT: Wie erklären Sie sich dieses Debakel?
Bauer: Eine gute Prognose muss zweierlei berücksichtigen: erstens die Gesamtzahl derer, die studieren dürfen. Zweitens den Anteil derjenigen, die es am Ende auch tun. Genau hier lag der Fehler der Kultusminister. Sie konnten sich nicht vorstellen, dass so viele Abiturienten tatsächlich Lust auf ein Studium haben. Es ist schon ironisch: Da trommelt die Politik jahrelang dafür, dass endlich mehr junge Leute den Weg an die Hochschulen finden, anstatt zum Beispiel eine Ausbildung zu machen, und wenn sie es tatsächlich tun, sind alle überrascht.
ZEIT: Ein teurer Irrtum. Der Hochschulpakt 2020, mit dem der Bund den Ländern beim Schaffen neuer Studienplätze finanziell unter die Arme greift, fußt auf der falschen KMK-Prognose.
Bauer: In der Tat. Und darum fehlen uns jetzt Milliarden. An sich sollte das zugesagte Geld des Bundes bis 2015 reichen, doch schon jetzt ist klar: Mitte 2014 ist es aufgebraucht, und wenn sich die Anfängerzahlen weiter so rasant entwickeln, noch weitaus früher. Wir müssen jetzt handeln, sonst bekommen wir sehr bald ein sehr großes Problem.
ZEIT: Wieso? Bislang hieß es doch meist, nach 2015 ist das Schlimmste vorbei, der Studentenberg baut sich ab, und der Hochschulpakt kann allmählich auslaufen.
Bauer: Wer das sagt, sitzt wieder dem alten Irrtum auf. Die Anfängerzahlen bleiben dauerhaft hoch, und das ist angesichts des drohenden Fachkräftemangels eine hervorragende Nachricht.
ZEIT: Werden sich diese Erkenntnisse in der neuen KMK-Prognose widerspiegeln?
Bauer: Davon bin ich überzeugt, ja. Sie dürfte über allen Schätzungen liegen, die wir bislang von Forschungsinstituten gesehen haben.
ZEIT: Dann ist doch alles gut. Die Kultusminister haben endlich dazugelernt, und die Fortsetzung des Hochschulpakts baut auf vernünftigen Zahlen auf.
Bauer: Schön wär’s. Die hohen Erstsemesterzahlen haben nämlich eine weitere Folge, die nicht von der Politik berücksichtigt worden ist. Wir haben ganz konservativ gerechnet, was passiert, wenn nur 50 Prozent der Bachelorabsolventen einen Master anschließen wollen. Das Ergebnis: Ab 2013 fehlen allein in Baden-Württemberg 7.000 ausfinanzierte Masterplätze. Pro Jahr. Sie können sich vorstellen, von welchen Dimensionen wir bundesweit sprechen. Und für Masterstudienplätze hat der Bund im Hochschulpakt bislang keinen einzigen Cent zur Verfügung gestellt.
ZEIT: Mehr Studienanfänger, mehr Masterstudenten: Von wie viel zusätzlichem Geld reden wir insgesamt?
Bauer: Je nachdem, wie die KMK-Prognose genau ausfällt, dürften die Kosten für die zusätzlich nötigen Studienplätze allein fürs Bachelorstudium bis 2020 bei bis zu 9,5 Milliarden Euro liegen. Die erforderlichen Masterplätze sind da noch gar nicht eingerechnet.
ZEIT: Und das soll der Bund zahlen?
Bauer: Die Länder werden auch das Ihre tun müssen. Aber ich erwarte, dass der Bund sich nicht aus der Verantwortung stiehlt.







Jedes Land kocht sein eigenes Süppchen, aber bezahlen soll es doch bitte der Bund.
Zugegeben, eine sehr zugespitzte Aussage, aber ich halte den Bildungsföderalismus einfach für ein Unding. Wenn es innerhalb des gleichen Staates die Schulform, die mein Kind besucht, 5km weiter im anderen Land gar nicht gibt, dann liegt doch einiges im Argen.
Das Problem der Hochschulen ist nicht nur eine Unterfinanzierung, sondern verstaubte Strukturen in der Organisation.
Ich meine damit nicht die "privatisierte" Hochschule sondern unendlich Bürokratische Vorgänge in den einzelnen Studiengängen. Ich meine auch die fehlende Umsetzung von Kooperation zwischen Hochschulorten oder die Errichtung von deutschlandweiten Onlinestudiengängen.
Bildung war in der Vergangenheit immer durch physische Kanppheiten beschränkt - vor allem ein Mangel an Räumen, Ausstattung und Lehrern. Doch gerade der PC und das Internet ermöglichen hier 100000 neue Möglichkeiten Bildung zu jeder Zeit an jedem Ort zugänglich werden zu lassen.
Wir haben die Chance Bildung und Forschung neu zu definieren, wenn wir wollen. Es gibt keinerlei ökonomische Rechtfertigung mehr für dauerhaft entliehene Bücher in Bibliotheken mit 1000 Reservierungen.
Wir müssen Bildung neu denken - und dann brauchen wir (vielleicht) dafür mehr Geld. Sind wir ehrlich, viel Geld versandet an den falschen Stellen im bestehenden System. Außerdem werden neue Kollegen nicht nur wegen Geldmangel schlecht bezahlt, sondern weil die Professorenkollegen das Geld lieber anderweitig verschwenden, z.B. in unsinnigen Neubauten, schlechter Dämmung der Gebäude oder Millionen für schlechte Fachjournale etc. pp.
Wenn es nicht genügend Studienplätze gibt, dann müssen eben mehr Anträge auf Zulassung abgelehnt werden. Egal ob über strengere NC oder andere Verfahren. Wenn ich in einem Kino 400 Plätze habe, dann kann ich auch keine 700 Karten verkaufen. Auch wenn nachher vielleicht nur 600 kommen.
Das mag im Einzelfall hart sein, im Jahr mit Wegfall Wehrpflicht und G8/ G9 Doppeljahrgang auch extrem hart, aber so ist das Leben.
Mehr Studenten zuzulassen als die Ressource an den Hochschulen, Fachhochschulen und Berufsakademien zulassen ist schlicht Betrug. Betrug an den Studenten und Betrug an den zukünftigen Arbeitgebern. Denn eine sinnvolle akademische Bildung an den Universitäten und eine sinnvolle berufsbezogene Ausbildung an den Fachhochschulen und Berufsakademien ist damit nicht mehr möglich. Es werden nur Absolventen produziert, die die Statistik schönen.
Wie viele Personen in einem NC-Fach zugelassen werden, wird jedes Jahr vor den Verwaltungsgerichten entschieden. Da hat man als Uni leider nur begrenzt Einfluss drauf.
Tja, wenn Sie bemängeln, dass soviele Studenten aufgenommen werden, dann sollte man vielleicht vorher ansetzen, warum gibt es so viele Abiturienten? Diese Frage lässt sich leicht beantworten, zum Einen ist es nicht sehr schwer Abi zu machen und zum Anderen ist eine Mittlere Reife "nichts" mehr wert, bzw vergleichbar, wie früher Hauptschulabschluss, denn wer denkt, dass durch Zusammenlegung von Haupt- und Realschule, die Schüler besser werden, der irrt. Dank der Zusammenführung von Haupt- und Realschule gibt es einen Run aufs Abitur. Dies führt dazu, dass bald eine gute Mittlere Reife nicht mehr für eine Ausbildung zum Bankkaufmann/-frau reichen wird...
Wenn man durch ordentliche Schulpolitik das Abitur, wieder zu dem machen würde was es sein sollte, dann hätten wir genügend Studienplätze für alle angehenden Studenten
Wie viele Personen in einem NC-Fach zugelassen werden, wird jedes Jahr vor den Verwaltungsgerichten entschieden. Da hat man als Uni leider nur begrenzt Einfluss drauf.
Tja, wenn Sie bemängeln, dass soviele Studenten aufgenommen werden, dann sollte man vielleicht vorher ansetzen, warum gibt es so viele Abiturienten? Diese Frage lässt sich leicht beantworten, zum Einen ist es nicht sehr schwer Abi zu machen und zum Anderen ist eine Mittlere Reife "nichts" mehr wert, bzw vergleichbar, wie früher Hauptschulabschluss, denn wer denkt, dass durch Zusammenlegung von Haupt- und Realschule, die Schüler besser werden, der irrt. Dank der Zusammenführung von Haupt- und Realschule gibt es einen Run aufs Abitur. Dies führt dazu, dass bald eine gute Mittlere Reife nicht mehr für eine Ausbildung zum Bankkaufmann/-frau reichen wird...
Wenn man durch ordentliche Schulpolitik das Abitur, wieder zu dem machen würde was es sein sollte, dann hätten wir genügend Studienplätze für alle angehenden Studenten
Ich teile die Einschätzung, dass es sich nicht um einen temporärern Studierendenberg handelt und angesichts des Fachkräftemangels auch nicht handeln darf! Was den Hochschulen fehlt und was in dem Interview leider auch nicht ausgesprochen wird, ist eine strukturelle Anpassung der Finanzierung von Studienplätzen. Diese Hochschulpakte sind ein schöner Marketinggag und bescheren tolle Bilder. Sie sind auf kurze Dauer angelegt, passen damit nicht zum Beamtenrecht, was von Ämtern auf Lebenszeit ausgeht, sie schaffen keine Verlässlichkeit und Planungssicherheit für die Hochschulen und helfen im Übrigen nicht, die Betreuungsrelation annähernd zu verbessern.
Wie viele Personen in einem NC-Fach zugelassen werden, wird jedes Jahr vor den Verwaltungsgerichten entschieden. Da hat man als Uni leider nur begrenzt Einfluss drauf.
... in diesem Sinne vor Gericht ziehen, um den Schwachsinn aktenkundig zu machen ...
Ob ein Studiengang zulassungsfrei ist oder einer Beschränkung unterliegt, entscheidet (im Falle BaWü) das Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst (MWK). Hochschulen haben darauf keinen Einfluss.
Wie viele Studienplätze pro Studiengang angeboten werden können, richtet sich nach der sog. Kapazitätsverordnung (KapVO) - auch hier hat das MWK das letzte Wort.
... in diesem Sinne vor Gericht ziehen, um den Schwachsinn aktenkundig zu machen ...
Ob ein Studiengang zulassungsfrei ist oder einer Beschränkung unterliegt, entscheidet (im Falle BaWü) das Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst (MWK). Hochschulen haben darauf keinen Einfluss.
Wie viele Studienplätze pro Studiengang angeboten werden können, richtet sich nach der sog. Kapazitätsverordnung (KapVO) - auch hier hat das MWK das letzte Wort.
....das war doch schon in den 80ern so, daran hat sich nichts geändert ! Wenn man die bereinigten Zahlen aufzeigen würde (Stichwort Studienabbrecher), dann wäre das alles halb so schlimm !
Tatsache ist, dass die Unis immer was zu krakeelen haben, damit man ihnen nicht die Mittel kürzt!
Aber ... klappern gehört zum Handwerk !
Der NC ist ein Eingriff in die Grundrechte der Menschen. Jeder hat das Recht auf eine freie Berufswahl.
Das Noten nicht objektiv sind wurde in den Bildungswissenschaften schon lange nachgewiesen. Noten variieren von Lehrer zu Lehrer, Fach zu Fach, Schule zu Schule und Bundesland zu Bundesland.
Es ist einfach nur bequem für die Universitäten und das zugehörige Establishment ein NC zu verhängen, anstatt sinnvolle Auswahlkriterien einzuführen. Man belässt es bei einer oberflächlichen Problemlösung, weil es der Universität und den jeweil. Fakultäten meist sch*** egal ist. Grundsätzlich sollte intensiv über eine Reform der Lehre und der Forschung diskutiert werden, u.a. die Publikationspflicht in Papern, die dann wiederum teuer von den Bibliotheken von "Wissenschaftsverlagen" eingekauft werden.
Das es auch anders funktioniert zeigt z.B. die TU Darmstadt, die für Maschinenbauer umfangreiche Auswahlprozesse durchführt - was zwar viele Arbeitsstunden seitens der Professoren bedarf, aber am Ende die Abbrecherquoten deutlich senkt.
Am Ende, so auch der Titel, muss eine Ablehnung Kapazitativ begründet sein. Und hier fehlt ein Univ. Controlling bzw. ein Innovationsmanagement!
Das Wort "Vorlesung" stammt aus einer Zeit, als Bücher so wertvoll waren, dass aus Ihnen vorgelesen wurde. Heute kann ein Buch mit STRG-C problemlos beliebig kopiert werden.
Ob 1, 10 oder 100 Studeten, was genau sind die limitierenden Faktoren? Was kostet wieviel? Grenzkosten vs. Durchschnittskosten?
"Das Noten nicht objektiv sind wurde in den Bildungswissenschaften schon lange nachgewiesen. Noten variieren von Lehrer zu Lehrer, Fach zu Fach, Schule zu Schule und Bundesland zu Bundesland."
Sehr geehrte(r) Logik-Ratio. Das stimmt so leider nicht: Im Gegenteil zeigen empirische Studien, dass die Abiturnote ein stärkerer Prädiktor für die späteren Studienleistungen ist, als personalisierte sind. Das lässt sich im übrigen leicht googeln.
Im übrigen ist Ihr Verweis auf das "Recht auf freie Berufswahl" substanzlos: Wer einen bestimmten Beruf ausüben will, muss eine bestimmte Qualifikation mitbringen, und die ist bei manchen Berufen eben ans Universitätsstudium gebunden. Genauso verhält es sich auch mit dem Studium selbst: Wer im Wettbewerb gegen die Noten anderer Abiturient(inn)en nicht besteht, qualifiziert sich nicht für einen Studienplatz. Die Anzahl von Studienplätzen sollte einig und allein danach bestimmt werden, wie viele Absolventen benötigt werden - nicht danach, wie viel Geld da ist, aber eben auch nicht danach, wie viele 18jährige mit 3,3-Abitur gerne Jurist und Mediziner werden wollen.
"Das Noten nicht objektiv sind wurde in den Bildungswissenschaften schon lange nachgewiesen. Noten variieren von Lehrer zu Lehrer, Fach zu Fach, Schule zu Schule und Bundesland zu Bundesland."
Sehr geehrte(r) Logik-Ratio. Das stimmt so leider nicht: Im Gegenteil zeigen empirische Studien, dass die Abiturnote ein stärkerer Prädiktor für die späteren Studienleistungen ist, als personalisierte sind. Das lässt sich im übrigen leicht googeln.
Im übrigen ist Ihr Verweis auf das "Recht auf freie Berufswahl" substanzlos: Wer einen bestimmten Beruf ausüben will, muss eine bestimmte Qualifikation mitbringen, und die ist bei manchen Berufen eben ans Universitätsstudium gebunden. Genauso verhält es sich auch mit dem Studium selbst: Wer im Wettbewerb gegen die Noten anderer Abiturient(inn)en nicht besteht, qualifiziert sich nicht für einen Studienplatz. Die Anzahl von Studienplätzen sollte einig und allein danach bestimmt werden, wie viele Absolventen benötigt werden - nicht danach, wie viel Geld da ist, aber eben auch nicht danach, wie viele 18jährige mit 3,3-Abitur gerne Jurist und Mediziner werden wollen.
Die meisten Unis und Studiengänge wissen doch gar nicht was ein Studienplatz zusätzlich kostet.
Die meisten Kosten werden krude als Durchschnittskosten berechnet, da zählt die Forschungsreise des Profs dann genauso dazu wie der Dienstwagen des Kanzlers.....
Das ist Controlling Steinzeit.
Das in der Medizin oder im Maschinenbau hohe Kosten entstehen können, ist nachvollziehbar. Aber in BWL, VWL, Mathematik, Infromatik und Co.? Bzw. zwingend in den Einführungsveranstaltngen in denen das Grundwissen erworben wird?
In der ganzen Bildungsdiskussion fehlt der wirkliche Wille zur Veränderung und Verbesserung. Es ist heute technisch nicht mehr notwendig, dass Bücher in Bibliotheken vergriffen sind, oder das Vorlesungen verpasst werden, weil Räume überfüllt sind. Dafür gibt es günstige, technische Lösungen.
Bleiben alle Veranstaltungen in der größe bis max. 30 Leute - genannt Seminare: Diese können, aufgrund von persönlichen Feedbackprozessen, kaum als Webcast und mit Lerntools betreut werden - ABER -
wieso müssen sich 30 Leute per se in der Uni von Mo-Fr treffen? Da gibt es doch im Zweifel x Lösungen - vor allem wenn man dies als Blockseminar organisiert. Selbst ein Onlinemeeting mit Onlinepräsentationen wäre denkbar, bevor Studenten abgelehnt werden müssen!
Mich ärgert immer wieder wie wenig über Innovationen diskutiert wird - es wird immer mehr Geld verlangt, immer - aber über Kooperation zwischen Unis + Innovationen wird nur leise geflüstert - es könnte sich ja was ändern
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren