Es kann passieren, dass man hier an einem normalen Samstagabend am Tisch sitzt und sich plötzlich sehr wichtig fühlt. Ein Blick auf die Warteschlange an der Bar genügt. Man selbst hat schon das Schnitzel vor sich, Peter Sloterdijk muss noch warten. Es wäre dumm, daraus zu schließen, dass hier jeder gleich behandelt wird, aber zumindest für den Moment kann man es sich einbilden.

Ums Essen geht es in diesem Restaurant nicht, schon eher ums Trinken. Es ist schwer zu erklären, warum diese Halle mit den hohen Säulen so ein magischer Ort ist. Seit 20 Jahren ist das Borchardt die Kantine der Republik, Promi-Treff, Lobbyisten-Wohnzimmer und nicht nur während der Berlinale ein guter Ort, um eine Party zu feiern. Eine, bei der der Champagner gleich in Flaschen aufgetragen wird und die Gäste anschließend aus der Rolle fallen dürfen, wenn sie das möchten.

Man würde zum 20. Geburtstag des Borchardt ja gern Fotos zeigen von all seinen berühmten Gästen, von Jack Nicholson , der beim Gang auf die Toilette alle Aufmerksamkeit auf sich zog und einen spontanen Applaus bekam, von Barack Obama , auf den ein weiblicher Gast einmal über die Sicherheitsleute hinweg zusprang, nur um ihn zu berühren. Aber diese Fotos gibt es nicht. Zur Berlinale werden jetzt wieder die Fenster zugeklebt, um die Berühmtheiten vor den Paparazzi zu schützen, nicht mal den Kellnern ist es gestattet, sich mit den Gästen fotografieren zu lassen. "Wenn über ein Lokal zu viele Anekdoten erzählt werden, dann ist das keine gute Gastronomie", sagt Roland Mary, der Besitzer, "weil dann jeder weiß, dass er dort nicht ungestört ist."

Die Privatsphäre seiner Gäste ist Roland Mary heilig und auch deren Freiheit, fast alles tun und lassen zu können, was sie wollen. Solange sich kein anderer beschwert, ist alles gut. Und wenn wie vor einiger Zeit eine angetrunkene Frau meint, ihr Oberteil ablegen zu müssen und barbusig dasitzt, dann ist das auch okay. Inmitten des 160 Jahre alten Dekors wirkt selbst das noch gesittet.

"Ein guter Laden muss schon ein bisschen was aushalten", findet Roland Mary. Er hat vor vielen Jahren selbst einmal Hausverbot in einer Berliner Bar bekommen, weil er auf dem Klavier herumklimperte und die Internationale anstimmte. Als er und seine Freunde die anderen Gäste aufforderten mitzusingen, flogen sie raus. Im Borchardt wäre das vermutlich kein Problem, gäbe es ein Klavier. Hier bemüht man sich zwar um Diskretion, aber der Chef selbst ist für fast jeden schmutzigen Witz zu haben.

Roland Mary hat die Berliner Republik von Anfang an begleitet. Im Borchardt wurde in den letzten Jahren an dem einen oder anderen Abend Geschichte geschrieben. Aber Mary findet es nicht lohnenswert, das in irgendeiner Form festzuhalten. "Wozu denn? Ich finde klasse, dass das, was hier passiert, nur für den Moment existiert. Stell dir vor, man würde sich hier in zehn Jahren Fotos ansehen von Obama im Borchardt, das ist doch nichts."

Berlin ist eine Stadt, die schwer zu fassen ist, aber das Borchardt ist ein Ort, an dem man das Gefühl hat, etwas von ihr begriffen zu haben. Vielleicht liegt es an der richtigen Mischung der Besucher, an der Nähe zur historischen Mitte.

Vor 20 Jahren, als das Restaurant für die Neueröffnung umgebaut wurde, da war es hier so ruhig, dass man die wenigen Autos, die vorbeifuhren, schon aus der Ferne hörte. Links und rechts Baubrachen, nur das Haus mit der Aufschrift F.W. Borchardt, in dem bis zum Krieg das gleichnamige Weinlokal untergebracht war, stand noch. In der DDR war hier zunächst ebenfalls ein Restaurant, sein Betrieb wurde jedoch Mitte der siebziger Jahre eingestellt, auch wegen des schlechten Zustands des Hauses.

Wäre ab Mitte der neunziger Jahre nicht die Regierung nach Berlin gezogen, würde es im Borchardt heute anders zugehen. Die Politprominenz gibt dem Laden, in dem auch Promi-Friseure und weniger bekannte Starlets verkehren, etwas Bedeutungsschweres.

Der Chef findet, dass so ein 20. Geburtstag nichts ist, was man feiern müsste: "Ich feiere ja auch meinen Geburtstag nie." Er könne außerdem schlecht 3.000 Leute im Borchardt empfangen, sagt Mary ganz unbescheiden. Da kommt es ihm gerade recht, dass das Studio Babelsberg, das seinen 100. feiert , ein Fest mit dem Borchardt veranstaltet. Zu viel, sagt Mary, solle man darüber bitte nicht schreiben. Eine gute Party verlangt schließlich Diskretion.