Wer wissen will, wie stark ein Team ist, hört als Antwort oft: Immer so stark wie sein schwächstes Mitglied! Diese Aussage verrät zweierlei: Hier plappert jemand nach, was er tausendmal gehört, aber niemals überprüft hat. Und: Der Blick ist wieder mal auf die Schwächen, die Schwachen, ja sogar den Schwächsten gerichtet.

Dabei ist das Gegenteil wahr! Nicht der Schwächste bestimmt, wie leistungsfähig ein Team ist, sondern der Stärkste! Prominente Beispiele belegen das: War das Bundeskabinett der SPD Mitte der 1970er Jahre nur so stark wie sein schwächstes Mitglied? Weiß überhaupt noch jemand, wie dieser Minister hieß? Ach was, die Qualität des Kabinetts wurde vom Stärksten, von Kanzler Helmut Schmidt , bestimmt. War die Fußballnationalmannschaft von Argentinien bei der WM 1986 nur so stark wie ihr schwächster Spieler? Weiß überhaupt noch jemand, wie dieser Spieler hieß? Ach was, die Spielqualität des Teams wurde vom Stärksten, von Ballzauberer Diego Maradona , bestimmt.

Die Starken bleiben uns in Erinnerung. Die Starken sind es, die ein Team in schwierigen Situationen mitreißen, vor allem auch emotional, weil sie als Vorbilder agieren und "unter Tränen lachen" können (wie Franz Grillparzer etwas pathetisch schreibt). Ein Chef, der sich auf die schwächsten Teammitglieder konzentriert, der ihre Schwächen beheben will, kämpft an der falschen Front.

Wichtiger wäre es, die Leistungsträger zu würdigen, zu fördern und dafür zu sorgen, dass sie ihre schwachen Teamkollegen inspirieren, mitnehmen, stärker machen. Brillante Teammitglieder geben das Spielniveau vor, sie können die ganze Mannschaft zu Höchstleistungen anspornen; denn sie predigen Leistung nicht nur, sondern leben sie vor. Außerdem fordern sie die Schwächeren heraus, liefern anspruchsvolle Vorlagen: Wer dauernd Steilpässe bekommt, läuft mit der Zeit schneller.

Aber kann es nicht sein, dass die Schwächsten die Stärksten ausbremsen? Nein, es liegt in der Natur der Kräfteverhältnisse, dass die Starken ein Arbeitsteam oft mitreißen, die Schwachen es aber kaum aufhalten können. Wer ein Team zusammenstellt , scheitert deshalb selten an den schwächsten Mitgliedern, sondern eher daran, dass ihm die Zugpferde fehlen. Was wäre die SPD ohne Schmidt , die argentinische Mannschaft ohne Maradona gewesen?