DIE ZEIT: Sie sind mit 16 Jahren Deutschlands jüngste Hochschuldozentin, darauf können Sie stolz sein...

Carina Lämmle: Stolz würde ich nicht sagen. Es hat sich einfach so ergeben.

ZEIT: Wie wird man denn als Elfklässlerin »einfach so« Dozentin?

Lämmle: Ich hatte an einer Führung durch die Hochschule Biberach teilgenommen, die der Dekan der Hochschule leitete. Da sind wir auch am Massenspektrometer vorbeigekommen. An so einem Gerät hatte ich bei einem »Jugend forscht« -Projekt im Jahr zuvor im Schülerforschungszentrum Südwürttemberg gearbeitet. Ich fragte den Dekan, warum es nicht benutzt wird.

ZEIT: Und was war seine Antwort?

Lämmle: Dass es derzeit keinen Mitarbeiter an der Hochschule gebe, der sich damit auskenne. Und halb im Scherz meinte er: »Wenn du willst, kannst du ja damit etwas machen.« Ich antwortete, dass ich mir das durchaus vorstellen könne – und wir waren uns dann schnell einig.

ZEIT: Für alle, die noch nie an einem Massenspektrometer gearbeitet haben: Was macht man damit?

Lämmle: Man kann damit Moleküle wiegen. Natürlich kann man die nicht einzeln drauflegen, sondern größere Anordnungen. Man kann sich etwa die Phenole in einem Blatt anschauen und bekommt als Information, wie viel ein Teilchen wiegt und wie viel die Bruchstücke. Beim »Jugend forscht«-Projekt ging es darum, herauszufinden, welche Farbstoffe in der Tollkirsche sind. Wenn ich eine Lösung habe, in der nur der Farbstoff ist, kann ich schauen: Wie sieht er als Molekül aus? Dafür ist das Gerät wunderbar. Mein Projektbetreuer hatte einen Referenten organisiert, der uns das Gerät erklärte.

ZEIT: Sie konnten also mit dem Gerät umgehen – aber wie sind Sie zur Dozentin geworden?

Lämmle: Die Professorin für pharmazeutische Biotechnologie wollte einen Workshop zur »Einführung in die massenspektrometrische Methode als wichtiger Bestandteil der instrumentellen Analytik« in ihr Wahlpflichtfach aufnehmen, und da erkläre ich jetzt eben den Studenten die Zusammenhänge, mit Grafiken und praktischen Übungen.

ZEIT: Stellen die – naturgemäß älteren – Studenten manchmal Ihre Autorität infrage?

Lämmle: Nein, wir sind auf Augenhöhe, duzen uns. Wenn die Busverbindung schlecht ist, nimmt mich auch schon mal ein Student oder eine Studentin mit zurück in die Stadt – schließlich bin ich noch zu jung für einen Führerschein.

ZEIT: Nach dem Abitur werden Sie dann Physik studieren , oder?

Lämmle: Da will ich mich noch überhaupt nicht festlegen. Ich schaue einfach mal, was da kommt. Ich könnte es mir vorstellen, aber vielleicht studiere ich auch lieber Englisch und Sport auf Lehramt.

ZEIT: Hat Ihr Physiklehrer nicht allmählich Hemmungen, Sie zu bewerten?

Lämmle: Ich bin in Physik und Chemie eine ordentliche Schülerin, aber keine Überfliegerin. Es gibt noch so vieles, das ich nicht weiß, ich kenne mich ja nur in meinem speziellen Bereich aus.

ZEIT: Sind Ihre Mitschüler ein bisschen neidisch?

Lämmle: Nein. Manche freuen sich und drücken mir den Artikel in die Hand, wenn über mich etwas in der Zeitung steht. Viele wissen auch nur ganz vage, dass ich irgendwas in der Richtung mache.

ZEIT: Lesen Sie in Ihrer Freizeit Physikbücher ?

Lämmle: Nein. Das meiste, was ich weiß, habe ich durch »Jugend forscht«-Projekte mitbekommen oder durch Learning by Doing. Physikbücher als Abendlektüre, das kann ich mir nicht vorstellen.