ÄrztemangelBauer sucht Arzt

Die Krankenhäuser müssen sich verändern, wenn sie junge Mediziner aufs Land locken wollen. von Alexandra Werdes

Von so einer Beschäftigungsquote kann man in anderen Branchen nur träumen: Weniger als 0,6 Prozent der deutschen Ärzte sind arbeitslos. Doch was sich nach paradiesischen Zuständen anhört, wird vor allem auf dem Land immer mehr zu einem Problem. Hatten im Jahr 2006 erst 28 Prozent der Allgemeinkrankenhäuser Schwierigkeiten, ihre Stellen im ärztlichen Dienst zu besetzen , waren es 2010 bereits 80 Prozent. Betroffen sind vor allem die kleinen Kliniken mit weniger als 300 Betten – also jene Wald-und-Wiesen-Häuser, die für die Grundversorgung zuständig sind.

Vor diesem Hintergrund ist es nicht verwunderlich, dass die Krankenhausärzte vor zwei Wochen nicht erst ihre Streikdrohung wahr machen mussten, um ihre Gehaltsforderung durchsetzen zu können; eine Tariferhöhung von 2,9 Prozent haben sie den kommunalen Arbeitgebern abgetrotzt. Doch aus ärztlicher Perspektive ist die Situation nicht nur rosig: Als Bewerber können Ärzte zurzeit zwar zwischen mehr als 5.000 offenen Stellen wählen, sind sie dann aber im Krankenhaus angekommen, leiden sie oft unter der Arbeitsbelastung in chronisch unterbesetzten Abteilungen.

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Hauptgrund für den Ärztemangel ist gleich in zweierlei Hinsicht der demografische Wandel. So werden in den kommenden Jahren Tausende Ärzte in Rente gehen und verwaiste Praxen hinterlassen , weil sie keine Nachfolger finden. Gleichzeitig steigt bei zunehmender Alterung der Gesellschaft die Behandlungsbedürftigkeit. Von beiden Entwicklungen sind vor allem die ländlichen Regionen betroffen – denn, auch das ist ein anhaltender Trend, die Jungen wandern in die Städte ab.

Die Politik hat das Problem erkannt und im Dezember 2011 finanzielle Anreize für niedergelassene Ärzte geschaffen, damit sie sich eine Praxis in einer strukturschwachen Region suchen. Im Rahmen des neuen Versorgungsstrukturgesetzes erhalten Landärzte Vergütungszuschläge und dürfen ihre kassenärztlichen Budgets ohne finanzielle Einbußen überziehen. Wo sich partout kein Landarzt finden will, sollen außerdem die Kliniken bei der ambulanten Versorgung aushelfen.

Familienfreundlichkeit gefordert

»So wird der Mangel nur von links nach rechts verschoben«, sagt Andreas Beivers, Studiendekan für Gesundheitsökonomie an der Fresenius-Hochschule in München und Mitautor eines Beitrags zur wirtschaftlichen Lage der ländlichen Kliniken im soeben veröffentlichten Krankenhaus-Report 2012 . Monetäre Anreize hält Beivers nicht für ausreichend, um junge Medizinabsolventen aufs Land zu locken. Stattdessen müsse man die »strukturelle Attraktivität« steigern. »Es hat funktioniert, solange der Krankenhausarzt noch das klassische Rollenbild erfüllte und die Frau im Landhaus auf die Kinder aufpasste oder selbst Krankenschwester war«, sagt Beivers. » Heute aber ist jeder zweite Arzt eine Ärztin – und die fragt sich: Wer besorgt mir einen Kita-Platz für mein Kind und einen Job für meinen Partner?«

Mehr als 60 Prozent der Medizinstudierenden und mehr als 40 Prozent der Krankenhausärzte sind heute weiblich, doch nur acht Prozent der Chefarztpositionen sind mit Frauen besetzt. Spätestens seit der sogenannten Feminisierung der ärztlichen Profession ist das Thema Work-Life-Balance auch in den Krankenhäusern angekommen. Bereits jede zehnte Klinik beteiligt sich an dem Programm »Erfolgsfaktor Familie« des Bundesfamilienministeriums; viele versuchen mit Betriebskindergärten zu punkten oder bieten flexible Teilzeitlösungen an. Aus gutem Grund: In einer Via medici- Umfrage von 2006 nennen junge auswanderungswillige Ärzte vor allem Faktoren wie bessere Arbeitszeiten und eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie im Ausland.

Es ist ein irrwitziges Personalkarussell, das sich in den Krankenhäusern dreht: Junge deutsche Mediziner zieht es ins Ausland, in die USA und die Schweiz , nach Großbritannien oder Schweden . Auf die frei werdenden Plätze springen wiederum ausländische Ärzte, vor allem aus Osteuropa . »Auf Dauer werden sie aber den Mangel an Ärzten nicht abpuffern können«, sagt Beivers. »Die Sprachbarrieren sind oft zu hoch, und mit dem zunehmenden Ärztemangel in den eigenen Heimatländern wird das Auswandern weniger attraktiv.« Bislang ist der Wanderungssaldo für Deutschland insgesamt negativ; es verlassen mehr deutsche Ärzte das Land, als ausländische gewonnen werden.

Leserkommentare
    • Puka
    • 11. Februar 2012 17:30 Uhr
    1. der NC

    Der NC macht diesen Beruf unattraktiv fürchte ich, weniger die Arbeitsbelastung.

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    • QW
    • 11. Februar 2012 18:34 Uhr

    Der NC ensteht dadurch, dass zu viele Bewerber auf zu wenig Studienplätze kommen. Die Anzahl der Humanmedizinstudienplätze ist, verglichen mit anderen Studienplätzen sehr hoch, reicht jedoch für die Massen an Studenten die Medizin studieren wollen nicht aus, so jedenfalls in Deutschland in den letzten Jahren. Die Studienplätze in Medizin werden in Deutschland daher zu 20% nur nach der Abiturdurchschnittsnote; 20 % nach angesammelter Wartezeit und zu 60 % nach einen hochschuleigenen Auswahlverfahrens vergeben. (http://www.hochschulstart.de/index.php?id=3203). Die Anzahl der Absolventen ist mit 95% in den letzten Jahren, verglichen mit anderen Studiengängen, ebenfalls sehr hoch. Würden weniger Studienberechtigte das Studium aufnehmen wollen, wäre also das Verhältniss von Angebot größer bzw. ungefähr gleich dem der Nachfrage gäbe es keinen NC.

    Trotzdem fänd ich es sinnvoller, die zuzulassen, die zugelassen werden wollen. So kann auch jemand mit einem 3,0 Abi Medizin studieren, denn bekanntlich ist ein 1-er Abi kein Garant dafür, dass demjenigen die Medizin auch liegt. Auch jemand mit schlechten Noten in der Schule kann ein super Arzt werden!
    Klar ist es schwer umzusetzen. Wahrscheinlich ist es vielleicht sogar unmöglich. Aber ich denke, viele gute Ärzte gehen hier verloren!

    • tuxman
    • 11. Februar 2012 17:55 Uhr
    2. Warum?

    Es ist mir auch ein völliges Rätsel warum ein Arzt studieren muss, wissenschaftliches Arbeiten wird eh nicht gelehrt, und ist für den Alltag eines Arztes auch nicht wirklich von Bedeutung.

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    • Elite7
    • 11. Februar 2012 18:49 Uhr

    Der arbeitet auch nicht wissenschaftlich und das Studium mag für seinen Alltag auch unerheblich sein. Aber Sie müssen ja irgendwie eine Qualitätssicherung haben. Wollten Sie etwa zu einem unstudierten Arzt gehen? Dann gehen Sie zum Heilpraktiker.

    • Herr HE
    • 12. Februar 2012 2:30 Uhr

    denn ihre behauptung trifft auf quasi jeden akademiker zu, der außerhalb der uni arbeitet. wenn sie als arzt wissenschaftlich arbeiten wollen, können sie das in der forschung auch wunderbar tun, wenn sie praktizieren wollen, müssen sie zwar nicht wissenschaftlich arbeiten, sie müssen aber die wissenschaftliche arbeit ihrer kollegen interpretieren können um ihre eigenen schlüsse daraus ziehen zu können. wie erklären sie den stetigen fortschritt in der medizin, wenn ärzte nicht wissenschaftlich arbeiten?

  1. Arzt zu werden oder zu sein, ist eigentlich so etwas, wie Berufung.
    Wenn man das Studium jedoch nur aufnimmt, um einen Herzenswunsch der Eltern zu erfüllen oder weil man deren Druck nachgibt, dann entstehen die erkennbaren Probleme.

    Man hat es dann mit kranken, auch mit alten, evtl. unappetitlichen und hilflosen lebenden menschlichen Wesen zu tun.
    Die man eigentlich bei der Berufsausübung sogar anfassen müßte.
    Alles ist anders, als in den Fernsehserien.

    Da bekommt man schon Burnout, wenn man daran nur denkt.

    Aber Gottseidank gibt es die Pharmaindustrie.
    Die bezahlt gut, ohne daß man sich die Hände schmutzig machen muß.
    Zumindest nicht so, daß es optisch erkennbar ist.

    [...]

    Gekürzt. Verzichten Sie auf polemische und unterstellende Äußerungen. Die Redaktion/mak

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    Was für eine sinnlose Polemik.

    ...hat er oft schon das 40. Lebensjahr erreicht, ist dann mit einigen hunderttausend Euro verschuldet für die Praxis, die Versorgungsansprüche eines höheren Beamten erreicht er nie, geschweige denn ein abbezahltes Haus nach 5-10 Jahren, von dem Sie so sachverständig fabulieren.

  2. 4. Der NC

    ist nicht so streng um Leute abzuwehren, sondern weil auf jeden Studienplatz mehrere Bewerber kommen. Man müsste also mehr Studienplätze schaffen.

    @tuxman: gemäß Ihrer Logik: warum studieren dann Lehrer, Richter, Sozialarbeiter, Architekten...merken Sie was? Wahrscheinlich nicht. Was sind Sie von Beruf?

    Eine Leserempfehlung
  3. ja den nc find ich auch nicht wirklich förderlich - brauch ein medizinstudent wirklich ein abi von 1,0?! ich glaub in diesem beruf zählen auch noch andere werte, als das wohlwollen des lehrers. aber wenn es momentan mehr erstsemester gibt als geplant, kann das wohl nicht das problem sein.

    evtl kann man sich am vorbild der ddr etwas orientieren? ich habe gehört die medizinische ausbildung war hervorragend und für den ärztemangel auf dem land gabs wohl auch konzepte - von wegen "reisende krankenschwester" usw.

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    @dj_09111

    Zu DDR-Zeiten wurden die Absolventen, egal ob Ärzte, Apotheker und andere (nicht nur akademische) Berufe, auch auf Einrichtungen aufgeteilt. Da landeten Ärzte dann im Landambulatorium im Thüringen obwohl sie von der Küste kamen oder umkehrt. In der Fläche war die Versorgung damit zumindest besser als heute in ländlichen Problemregionen. Viele Ärzte auf dem Land sind so an ihren Wirkungsort gekommen und geblieben. (Man darf aber auch nicht vergessen, dass sich die medizinische Versorgung insgesamt an ganz anderen Möglichkeiten orientierte/orientieren musste.)

    Nur wer will heute delegiert werden, wenn wahrscheinlich die meisten Absolventen in Großstädten bleiben wollen?

  4. Im SPIEGEL stand neulich, wieviele deutsche Ärzte 2010 nach Schweden auswanderten, ein Land, was ja immer für entsprechende Schwarzmalerei ("Ärzteflucht") herhalten muss: 55. (http://www.spiegel.de/karriere/ausland/0,1518,812534,00.html). Bei ungefähr 400.000 Ärzten in Deutschland ist das ein Witz.

    Auch die alte "Bürokratie"-Masche. Sicher, es gibt Bürokratie. Dokumentieren von Behandlungen, Aufklärungen, Anträge für Kostenträger, etc. Das sind auf der anderen Seite auch Punkte, die bei Kunstfehlern, "Ärztepfusch", "Verschwendung im Gesundheitswesen" von der Gesellschaft nicht unberechtigt eingefordert werden. Es ist eben nicht mehr wie früher, dass man gnädig vor sich hin werkelt, sondern auch Rücksicht auf die Interessen Dritter nehmen muss. Für den Nachwuchs im Krankenhaus sind es eher die Defizite bei der IT, sinnlose interne Regelungen (schon mal einen Arzt Laborparameter ablesen und in ein Mikrofon diktieren sehen, so dass die Sekretärin daraus ein Brief machen kann, den der niedergelassene Kollege im besten Fall überfliegt?), überholte Rituale (zeitfressende Visiten ohne Ausbildungswert), die Arbeitszeit füllen.

    @Puka: Da gäbe es nicht mehr Bewerber als Studienplätze.
    @tuxman: Wie Ingenieure, Lehrer, Rechtsanwälte, ... auch. Die arbeiten auch nicht "wissenschaftlich"

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    Wenns denn nur die 55 währen, insgesamt siehts ja etwas anders aus.
    Laut Bundesärztekammer: "Im Ergebnis lässt sich feststellen, dass im Jahre 2010 insgesamt 3.241 ursprünglich in Deutschland tätige Ärztinnen und Ärzte ins Ausland abgewandert sind, wobei der Anteil der deutschen Ärzte 68,7 % beträgt."

    Bei 8630 Studienplätzen.

    Die ganze Controllerei, in diesem Fall DRGs usw. führt ja vielleicht zu witzigen Ergebissen:

    Schlaganfälle bringen mehr als Diabetes: Also diagnostiziert mal richtig, Junx. Soweit izum Krankenhaus.

    Draußen mags dann anders rum sein. Da gelten keine DRGs aber DMPs: Diabetes bringt dann auf einmal mehr als Schlaganfälle. Also schnell umdiagnostizieren?

    Witz oder Wahrheit? Ich würde es gerne mal wissen: Gibt es Statistiken zum Zusammenhang zwischen Diagnosen abhängig von den Bewertungssystemen DRG und DMP? Da habe ich noch nichts gesehen. Hat da jemand Kenntnis?

  5. 7. Lauter

    Experten zum Thema Arzt und Medizinstudium. Hui. Hat denn einer von Ihnen wirklich was damit zu tun?

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    • Laurids
    • 11. Februar 2012 18:34 Uhr

    ..frage ich mich auch.
    Ich bin Medizinstudent kurz vorm praktischen Jahr, wenn ich mich unter meinen Kommilitonen umhöre, ist sehr oft von schlechten Arbeitsbedingungen die Rede.

    Dienste, zuwenig Personal, noch immer vorhandene komplett sinnlose Hackordnungen, ein unglaublich übertriebener Dokumentationsaufwand in der Klinik wie im niedergelassenen Bereich (man bekommt hier doch Einblicke, auch wenn man sich noch im Studium befindet), das sind die Faktoren, welche uns zweifeln lassen. Weil wir nebenbei auch noch leben wollen. Nein, nicht nebenbei, hauptsächlich. Unser Beruf soll nicht unser Leben bestimmen und zum übergroßen Anteil ausmachen. Arzt sein kann Berufung sein, für viele ist es jedoch "nur" ein Beruf, da unterscheiden wir uns wenig von anderen arbeitenden Menschen.
    Mehr Geld ist hier sicher der geringste Anreiz!

  6. Was für eine sinnlose Polemik.

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    weiß mit Sicherheit nicht, wovon er spricht. Das aber mit Überzeugung. Man muss nur "Pharma*" irgendwo in einem Post unterbringen, schon ist man im Recht ...

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