Suat Yilmaz hat es eilig. Schnell tippt er die Zieladresse in sein Navigationsgerät ein. Eine Straße in Gelsenkirchen. Er ist spät dran an diesem Mittag, aber aus der Ruhe bringt ihn das nicht. »Manchmal komme ich mir vor wie ein Versicherungsvertreter auf Reisen«, sagt er, lacht und gibt Gas. Suat Yilmaz verkauft keine Versicherungen, der 36-Jährige ist Talentförderer an der Fachhochschule in Gelsenkirchen, der einzige deutschlandweit. Sein Job ist es, an Schulen im nördlichen Ruhrgebiet nach Schülern Ausschau zu halten, die die Fähigkeit zu einem Studium mitbringen, aber besondere Unterstützung brauchen, weil sie aus einkommensschwachen oder Nichtakademikerfamilien kommen.

Yilmaz steuert seinen Wagen durch die Straßen des Ruhrpotts. An der Gesamtschule Horst warten bereits ein paar Schüler auf ein Gespräch mit dem studierten Sozialwissenschaftler. Man kennt ihn, er ist oft dort. Nur wenn die Schule ihn als eine Art Mitglied des Kollegiums akzeptiere und ihm erlaube, regelmäßig präsent zu sein, könne die Zusammenarbeit funktionieren, sagt Yilmaz: »Am liebsten sitze ich mit in den Konferenzen. Ich möchte eine langfristige Zusammenarbeit, kein Vorzeigeprojekt, mit dem man sich brüsten kann, das aber nicht nachhaltig ist.«

Heute wollen zu viele Schüler mit ihm sprechen. Ein kurzer Blick in seinen Kalender zeigt ihm, dass die meisten Termine auf nächste Woche verschoben werden müssen. Aylin kommt sofort dran. Sie wird aus dem Unterricht geholt, denn sie ist ein dringender Fall. Gerade hat sie erfahren, dass sie die Zulassung zum Abitur nicht geschafft hat. Plötzlich steht die 19-Jährige ohne Perspektive da. Der Traum vom Facility-Management-Studium scheint geplatzt. Zusammen ziehen sie, Suat Yilmaz und seine Mitarbeiterin sich in einen leeren Klassenraum zurück. Es gibt Kaffee und Plätzchen, die Stimmung ist trotzdem ernst. Yilmaz lässt sich Aylins Zeugnisse zeigen, wägt zusammen mit ihr ab, wie es weitergehen soll. Das Jahr wiederholen? Ein einjähriges Praktikum machen, um mit dem Fachabitur studieren zu können? Plötzlich bricht noch eine andere Sorge aus Aylin heraus: »Meine Eltern werden enttäuscht sein, können Sie mal mit ihnen sprechen?«, fragt sie zaghaft. Yilmaz antwortet: »Sag deiner Mama, dass ich auf einen Tee vorbeikomme.« Er bemüht sich um tröstende Worte, die Welt gehe jetzt nicht unter, sagt er. »Wir finden eine Lösung. Ich war auch kein Glanzschüler, und aus mir ist trotzdem etwas geworden.« Aylin schnäuzt sich.

Sein eigener Weg macht ihn zum glaubwürdigen Vorbild

Sein eigener Lebenslauf macht Yilmaz zu einem überzeugenden Ratgeber. Mit drei Jahren kam er als Sohn türkischer Gastarbeiter nach Deutschland. Er wird ein guter Schüler, schafft es aufs Gymnasium, aber der Erfolg hält nicht an. »Erst sollte ich auf die Realschule wechseln, aber da gab es keinen freien Platz.« So landet er auf der Hauptschule, sein Lebensweg scheint bereits vorbestimmt zu sein: »Ich wollte Elektriker werden. Dass ich studieren könnte, kam mir nicht in den Sinn. Schließlich war ich jetzt auf der Hauptschule.« Erst der Direktor erkennt sein Potenzial, fördert ihn und schickt ihn zurück auf die Gesamtschule, wo er Abitur macht.

Autotür auf, Autotür zu, Adresse ins Navi, und los geht’s zur nächsten Schule in Gelsenkirchen-Buer. Der Job des Talentförderers ist kein Schreibtischjob, an seiner FH ist Yilmaz eher selten. Acht Gesamtschulen, Gymnasien und Berufskollegs besuchen er und seine studentischen Mitarbeiter zurzeit, in Zukunft sollen es mehr werden. Hinzu kommen Infoveranstaltungen an zwei Schulen pro Woche. »Die Schüler haben einen hohen Gesprächsbedarf«, sagt Yilmaz trocken. Fünf Minuten später parkt er seinen Wagen vor der Gesamtschule. Im Klassenraum eines Mathematik-Leistungskurses steckt ein Kollege aus seinem Team bereits in einer Infostunde zum Thema »Duales Studium«. Auch das gehört zu seinem Job: die Schüler über ihre beruflichen Möglichkeiten zu informieren, denn viele stehen der Zukunft vollkommen ratlos gegenüber. Soll ich studieren? Und wenn ja, was? Und wo? Kann ich mir das leisten?