Sozialberatung Das letzte Netz
Über 230.000 Menschen in der Schweiz beziehen Sozialhilfe. Bald werden es noch mehr. Eine Woche bei der Sozialberatung der Stadt Dietikon
Wenn es mal wieder vorbei ist, gönnt sich Eliane Albrecht eine Zigarette. So wie an diesem Montag. Sie darf es aber nur hinter dem Haus tun. Im Hinterhof des Intake, Anlaufstelle für Menschen, die erstmals Sozialhilfe beantragen, Oberdorfstraße 11, 8953 Dietikon, ist für die Mitarbeiter ein Aschenbecher angebracht, gleich neben dem Abfallcontainer. Die Klienten sollen diesen kurzen Rückzug ins Private nicht sehen. Die 24-Jährige, Auszubildende im Sozialamt der Stadt, hat eine Funktion zu erfüllen, und dabei soll sie die Aufmerksamkeit nur im Notfall auf sich ziehen. Deshalb hat Albrecht wie all ihre Arbeitskollegen und -kolleginnen auch einer Kleidervorschrift zu genügen. Nichts Aufreizendes, keine Kapuzenpullis, anständig, unauffällig, alles andere dient der Sache nicht. Leider verhindern auch diese Maßnahmen nicht, dass ab und an Klienten Eliane Albrecht beschimpfen oder sie mit dem Tod bedrohen. Aber das ist selten. Sie kann das verstehen: »Der Druck auf unsere Klientinnen und Klienten ist enorm, sie sind aus den meisten sozialen Zusammenhängen rausgefallen. Ihre Perspektiven sind oft schlecht. Sie brauchen sehr viel Kraft.«
Die Sache nämlich ist heikel. Der Bezug von Sozialhilfe ist meistens mit Scham behaftet. Es gibt immer noch Menschen, die sich lieber irgendwie durchschlagen, als sich vom Staat unterstützen zu lassen. Ja, niemand kommt gern zu Eliane Albrecht. Es gilt, Menschen, die sich nicht mehr selbst helfen können, von Staates wegen zu unterstützen und wieder zu funktionierenden Mitgliedern der Gesellschaft zu machen. Zu Menschen also, die wieder das Ihrige zum Bruttosozialprodukt beitragen. Das bedarf des Verständnisses, aber auch der Regeln – und des Drucks, und von Letzterem macht man nicht zu knapp Gebrauch. Die Sozialarbeiterin sagt: »Was ich tue, ist sinnvoll. Ich kann Mitmenschen zu einer neuen Selbstständigkeit verhelfen. Ja, ich habe eine erfüllende Arbeit.«
»Sozialhilfe sichert die Existenz bedürftiger Personen, fördert ihre wirtschaftliche und persönliche Selbständigkeit und gewährleistet die soziale und berufliche Integration.« (Richtlinie A.1 der Schweizerischen Konferenz für Sozialhilfe)
Was Eliane Albrecht und all ihre Kolleginnen und Kollegen von der Sozialberatung Dietikon tun, ist ein Dienst an der Gesellschaft. Und dazu kein leichter. Eine Sozialarbeiterin bearbeitet bis zu 100 Fälle gleichzeitig. Dahinter stehen Menschen mit ihren Schicksalen. Sie bekommen dafür kein fürstliches Gehalt. Aber sie tun es. Nicht nur weil es jemand tun muss, weil niemand auf der Straße leben soll. Sondern weil sie es gern tun. Auch wenn es immer schwierig ist.
Zum Beispiel dieses türkische Ehepaar. Montag. Offizielles Aufnahmegespräch. Die Fakten: 2001 Einreise des Mannes in die Schweiz, Job im Gastgewerbe, Arbeitszeiten von acht Uhr morgens bis ein Uhr nachts, der Chef schlägt ihn, 2006 Familiennachzug, Frau und vier Kinder, drei Jahre lang arbeitslos, dann wieder erwerbstätig, dann wieder nicht, jetzt ausgesteuert. Eliane Albrecht nestelt vor dem Gespräch in den Unterlagen, die vor allem aus Berechnungen bestehen. Aus ihnen kann die Sozialarbeiterin nur einen Schluss ziehen: »Es wird nicht reichen.« Eines der beiden Kinder, die noch zu Hause leben, verweigert den Bezug von Sozialhilfe. Es hat eine Lehre als Coiffeuse begonnen, der Anfang vom sozialen Aufstieg. Und sie will Schweizerin werden, so bald wie möglich. Den roten Pass bekommt aber nur, wer keine Sozialhilfe bezieht oder diese vollumfänglich zurückbezahlt hat. »So bringt das Kind die Familie in eine Notlage. Es fehlen dadurch 1.000 Franken pro Monat.«
Die Hand des Türken zittert, er ist krankgeschrieben, die Arbeitslosigkeit hat sich auch in seine Psyche gefressen. Eliane Albrecht versucht, den beiden klarzumachen, was Sozialhilfe bedeutet: »Das ist eine Überbrückungsmaßnahme. Wir arbeiten daran, dass Sie uns nicht mehr brauchen.« Der Mann nickt, die Frau sitzt schweigend daneben, sie versteht kein Wort Deutsch. Der Mann sagt: »Ich muss arbeiten.« Die Sozialarbeiterin: »Sie können aber nicht, Sie müssen erst wieder gesund werden.« Der Mann: »Ich will keine Sozialhilfe, kein Arbeitslosengeld. Ich will arbeiten, ich bin noch jung.« Er steht im fünften Lebensjahrzehnt. Der Mann: »Ich hatte in der Türkei keine Chance, ich habe hier keine Chance.« Die Sozialarbeiterin: »Wichtig wäre, dass Sie jetzt in die Zukunft schauen, Sie haben eine Chance.« Dann zeigt sie dem Ehepaar ihre Berechnungen, es sind viele Zahlen. Am Schluss der Tabellen steht: 1.116 Franken. Die Zahl ist doppelt unterstrichen. So viel bleibt der Familie für den Grundbedarf pro Monat, die Miete, die Krankenkassenprämien werden vom Sozialamt beglichen. »Von diesem Geld müssen Sie alles Sonstige bezahlen, das Essen, die Kleider, den Strom, das Telefon, den Fernseher, alles. Ich habe kein gutes Gefühl. Reden Sie nochmals mit Ihrer Tochter, ob sie nicht doch Sozialhilfe beantragen will. Sie hat ein Anrecht darauf.« Der Mann schüttelt den Kopf: »Nicht gut. Ich rauche nicht, ich trinke keinen Alkohol.« Eliane Albrecht legt dem Ehepaar eine Zielvereinbarung vor. Darin steht auch, dass sich die beiden eine neue Wohnung suchen müssen. Die jetzige kostet 1.750 Franken pro Monat. Erlaubt sind aber nur 1.600 Franken. Die beiden unterschreiben. Der Mann sagt: »Wissen Sie, ich rede so viel mit mir selbst. Ich gehe den ganzen Tag die Straße vor unserer Wohnung entlang. Meine Frau hat Angst um mich. Ich auch.« Man verabschiedet sich.
»Im Vordergrund stehen nicht primär die Defizite der Hilfesuchenden, sondern ihre Stärken und Ressourcen, die es von staatlicher Seite zu unterstützen und zu fördern gilt.« (Richtlinie A.2 der Schweizerischen Konferenz für Sozialhilfe)
- Datum 09.02.2012 - 07:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 9.2.2012 Nr. 07
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