Autorin Zora del BuonoAuf Umwegen

Sie gründete eine Zeitschrift, schreibt über einen Massenselbstmord oder eine Reise mit Hund durch die USA: Hausbesuch bei der Schweizer Autorin Zora del Buono in Berlin. von Alain Claude Sulzer

Zora del Buono

Zora del Buono  |  © Matthias Bothor/mare verlag

Die Zürcherin Zora del Buono hat zwischen 2008 und 2011 in schneller Folge drei Bücher geschrieben, die inhaltlich unterschiedlicher nicht sein könnten: zwei Romane, von denen einer in Berlin, der andere im Süden der USA spielt, sowie die Aufzeichnungen einer mehrwöchigen Autofahrt von Neufundland nach Florida. Eines allerdings haben die Bücher gemeinsam: Die Schweiz kommt nur am Rande vor. Wo sie dennoch aufscheint, bleibt sie ein Echo aus der Ferne, etwas, was nicht mehr als eine leichte Reibung erzeugt. Ob deshalb Zora del Buono – im Gegensatz zu leichtgewichtigeren Autorinnen und Autoren – in der Schweiz bislang kaum wahrgenommen wurde?

Wer Zora del Buono besuchen will, muss einige Höhenmeter überwinden. Das ist ungewöhnlich im sonst flachen Berlin, wo die 49-jährige Schweizerin mit dem italienischen Namen seit Ende der achtziger Jahre zeitweise lebt. Sie empfängt mich im achten Stock eines ehemaligen Krankenhauses, von dem böse Zungen behaupten, es habe sich in Wahrheit bis zu seiner Schließung um eine heimliche Abtreibungsklinik gehandelt.

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Zora del Buono macht keinen Hehl daraus, dass sie sich in Berlin heimischer fühlt als in Zürich. Als sie 1987 zum ersten Mal hierherkam, um ihr an der ETH begonnenes Architekturstudium fortzusetzen, wusste sie sofort, dass sie diese Stadt in Zukunft zum Leben und Atmen brauchen würde. Nicht zuletzt deshalb, weil die Großstadt ihrer Faszination für das Dunkle und Undurchschaubare, für die Geheimnisse der Menschen und Orte, die auch in ihren Romanen eine so große Rolle spielen, entgegenkam. »West-Berlin war finster und abgründig. Als Architekturstudentin war ich fasziniert von all den Bruchstellen und Baulücken, von den Fassaden und Einschusslöchern, den riesigen Brandmauern und verwilderten Brachen. Überall hoppelten Kaninchen herum, Pflanzen wucherten, und alles schien ungeordnet.«

Alain Claude Sulzer

Der Autor lebt als Schriftsteller in Berlin. Zuletzt erschien von ihm der Roman Zur falschen Zeit (Galliani).

Als wenig später die Mauer fiel, war sie zunächst fassungslos: »Ich hatte mich gerade so schön im Mauer-Berlin eingerichtet.« Das Unvollendete, Brüchige, die Subkulturen des alten Westens waren ihr näher als der schöne Schein, um den sich die Stadt heute bemüht. Unverändert schätzt sie die direkte Art der Berliner, sie mag es, wenn man geradeaus sagt, was man denkt, und nicht – wie in der Schweiz – um den heißen Brei herumredet: »In Zürich steht man ja selbst optisch unter permanentem Perfektionsdruck. Ist das nicht fürchterlich anstrengend? Immer die richtigen Kleider tragen zu müssen, gut geschminkt sein, gut frisiert. In Berlin kann man im Pyjama auf die Straße gehen, und keiner denkt, man sei total irr, nur normal irr. Das mag ich.«

Zora del Buono wuchs als Tochter eines Kardiologen aus Bari und einer Schweizer Mutter auf. Nach dem Unfalltod des Vaters zogen Mutter und Tochter zunächst zu dessen Eltern nach Apulien. Doch als sie sieben war, kehrte das »halbe Tschingge-Maitli« in die Schweiz zurück, wurde in Zürich eingeschult und besuchte dort das Gymnasium, wo sie die Schulbank mit Nikolaus Gelpke drückte, der ihr 1995 ein unerwartetes Angebot machen sollte. Beeinflusst durch seine Mentorin Elisabeth Mann Borgese, die Meeresforscherin und Mitgründerin des Club of Rome, hatte er Meeresbiologie studiert, bevor er Zora del Buono seine Idee unterbreitete, eine Zeitschrift zu gründen, die alles zum Gegenstand haben sollte, was mit dem Meer zu tun hatte. Obwohl sie nie zuvor geschrieben, geschweige denn publiziert hatte, sagte Zora del Buono spontan zu. Nach einem zweiwöchigen Crashkurs an der Schweizer Journalismusschule MAZ gründete sie gemeinsam mit Gelpke mare. Eigentlich seien sie ja verrückt gewesen, meint sie im Rückblick. Ein paar Enthusiasten, die von Journalismus keine Ahnung hatten, riefen eine Zeitschrift ins Leben, ohne zu wissen, was ihnen bevorstand. Aber sie lernten schnell, und bald merkte auch del Buono, wie sehr sie »im Text zu Hause« ist.

Von 2001 bis 2008 war Zora del Buono stellvertretende mare-Chefredakteurin, heute ist sie dem Heft als Autorin verbunden.

Warum das Meer? Sie, die doch nach eigenem Bekunden eher ein Bergtyp ist mit einer, wie sie sagt, nicht sonderlich originellen Affinität zum Engadin? Nun, im Lauf der Jahre habe sie so viele Reportagen über das Meer, die Küste und deren Bewohner geschrieben, sei auf Containerschiffen gefahren, habe mit vietnamesischen Fischern in Texas gesprochen und sich mit Seefahrtsgeschichte beschäftigt – »dass das Meer schließlich zu einem Teil von mir geworden ist«.

So wie es des Umwegs über die Architektur bedurfte, um zum Journalismus zu gelangen, war der Umweg über ein gescheitertes Sachbuchprojekt nötig, um zur Literatur zu kommen. Bevor sie den Roman Canitz’ Verlangen schrieb, sammelte sie Material für ein Buch zum Thema Wasserleichen. Doch nach fünfzig Seiten gab sie auf; sie hatte, wie sie erzählt, den Ton verfehlt und Skrupel, über ein Thema zu schreiben, mit dem sie keinerlei persönliche Erfahrung hatte. So stapelte sich das gesammelte Material und schrie förmlich danach, auf andere Weise ausgewertet zu werden.

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