Die chinesische Community in der indischen Stadt Kalkutta feiert das Jahr des Drachen, 23. Januar 2012 © DIBYANGSHU SARKAR/AFP/Getty Images

Es ist vier Uhr morgens, und der Spaß kann beginnen. Herr Han stolpert aus dem Flughafengebäude in Delhi , reibt sich Augen und Nacken nach dem Nachtflug aus Peking . Er würde jetzt gern etwas essen, doch die Reiseleiterin schwenkt die Fahne und scheucht die Gruppe in den Bus nach Jaipur. Herr Han, 65 Jahre alt, pensionierter Ingenieur eines staatlichen Stahlkonzerns, sucht sich einen Platz ganz hinten, wo er seine langen Beine ausstrecken kann. Han hat die Baritonstimme eines Nachrichtensprechers, "sagen mir viele", wenn auch nicht dessen Eleganz. Seine Bundfaltenhose ist bis zum Bauchnabel hochgezogen, in der Hand trägt er eine Tragetasche der Marke Rillfung, in der enorme Mengen chinesischen Proviants verstaut sind. So fühlt er sich gewappnet für eine Expedition der besonderen Art: die Entdeckung Indiens .

In Europa , Thailand , Australien und den USA ist Han schon gewesen. Von diesen Ländern und Kontinenten hatte Han eine recht präzise Vorstellung. Jetzt ist das Nachbarland an der Reihe, das andere asiatische Riesenreich, das wie China Mitglied eines exklusiven Clubs ist. "Es gehört, "sagt Han, "wie wir zu den alten Zivilisationen." Bloß fällt ihm zu Indien zunächst wenig mehr ein als die singenden und tanzenden Darsteller aus den Bollywoodfilmen, die in den Fünfzigern in China so beliebt waren.

Noch kann er durch das Busfenster nichts erkennen, noch ist es dunkel. "Mal sehen, wie das wird", sagt Han. "Wir schauen uns das ja nur oberflächlich an." Wörtlich übersetzt, sagt er: "Wir betrachten die Blumen nur auf dem Pferd reitend."

China und Indien sind die beiden neuen Aufsteigernationen. Die Zukunft. Gemeinsam machen sie fast zwei Fünftel der Weltbevölkerung aus . Beide Länder haben in vergangenen Jahrhunderten Blütezeiten, Stagnation und grausame Umbruchphasen erlebt. Derzeit erwirtschaften sie zusammen ein Fünftel des Welteinkommens. Bis 2025 wird es vermutlich ein Drittel sein. Beide Länder werden oft unter dem Namen Chindia zusammengefasst, als handelte es sich um einen asiatischen Block. Tatsächlich aber gibt es zwischen China und Indien reichlich Konfliktpotenzial. Vor allem aber kennen sich die beiden Völker so gut wie überhaupt nicht. Ihre Fühler streckten sie lange nur nach Westen aus. Das erhöht das Risiko für politisch folgenreiche Missverständnisse und Fehleinschätzungen. Erst vor Kurzem wurde die Visa-Vergabe vereinfacht, um den Reiseverkehr zu erleichtern. Doch bis auf Weiteres sind chinesische Touristen in Indien und indische Touristen in China Pioniere, Entdecker fremder Welten.

Shanghai: Nach seiner Ankunft in China sucht Jacob Verghese vergeblich den Himmel. Sein Reisebus hat gerade das Shanghaier Flughafengelände verlassen. Links und rechts sieht Verghese nur Wolkenkratzer. "Sind das Firmensitze oder private Wohnhäuser?", ruft er erstaunt. Doch der chinesische Reiseführer antwortet nicht. Verghese, ein ehemaliger indischer Diplomat, und seine Frau gehören zur indischen Elite. Für ihren China-Besuch haben sie zum ersten Mal eine Pauschalreise gebucht. Jetzt müssen sie sich an einen Reiseführer gewöhnen, der in den folgenden Tagen nur das Allernötigste sagen wird, dafür aber ständig mehr Geld fordert. Die Vergheses haben sich sportlich gekleidet, Jeans, Turnschuhe und Anorak, als befürchteten sie raues Gelände. Aber die ersten Eindrücke entsprechen genau dem, was sie suchen. Hochhäuser, Autobahnbrücken und noch mehr Hochhäuser. Die Inder wollen in China keine alte Zivilisation besichtigen, sondern Chinas Moderne kennenlernen. Verghese leitet inzwischen in Neu-Delhi die Tochterfirma eines europäischen Stahlunternehmens. Seine Firma kauft Maschinenteile in China ein, um sie mit europäischer Technologie in Indien weiterzuverarbeiten und dort zu verkaufen. Sein Konzern überlegt ständig, ob er mehr in China oder Indien investieren soll. Verghese soll dabei den Standortwettkampf für Indien führen – auch deshalb macht er jetzt Urlaub in China. Er will wissen, wie gut die Chinesen wirklich sind, damit er weiß, wie er sie schlagen kann.

Verghese geht im Bus noch einmal die Wettbewerbsbedingungen durch: "China hat einen großen wirtschaftlichen Vorsprung gegenüber Indien." Man sehe sich nur die Reisegruppe an, ausgerüstet mit Schuhen, Mobiltelefonen, Kameras, made in China. Qualitätsware, jedenfalls besser als die indische. Doch Indien sei Software-Supermacht, das Callcenter der Welt, die größte Englisch sprechende Nation, deren Bevölkerungszahl die Chinas bald übertreffen werde. "Und die Inder sind viel jünger als die Chinesen", die schon bald unter der Überalterung ihrer Gesellschaft leiden würden. Jacob Verghese ist optimistisch – nicht nur was die indisch-chinesische Konkurrenz, sondern auch was seinen Erkenntnisgewinn aus dieser Reise angeht.

Die chinesische Reisegruppe gerät in einen Slum – und ist geschockt

Delhi-Jaipur: Warum dauert das so lang? Herr Han und seine Reisegruppe sitzen nun fast seit sieben Stunden im Bus für eine Strecke von gerade mal 250 Kilometern. Und seit die Sonne aufgegangen ist, weiß Han auch, warum. Was in China eine vierspurige Autobahn wäre, gesäumt von gepflegten Grünstreifen, ist in Indien eine Schlaglochpiste, auf der Lkws, Motorräder und Dreiräder entlangzockeln. "Eine Autobahn! Warum baut hier keiner eine Autobahn!", ruft Han. "Das ist doch der Anfang von allem!" Zumindest bei Han zu Hause. China verdankt sein jährliches Wirtschaftswachstum von zuletzt rund zehn Prozent zu einem erheblichen Teil Investitionen in die Infrastruktur. In Indien gibt es noch nicht mal eine Autobahn zwischen den beiden größten Städten Delhi und Mumbai , die Infrastruktur ist Indiens Achillesferse.