City Guide ZürichLegende inbegriffen

Das Hotel Helvetia ist bezahlbar und trotzdem sehr stilvoll – darauf einen Drink unter der Käseglockenlampe

Lichtes Eckzimmer im Hotel Helvetia, ein bisschen Dandy-chic, ein bisschen rockig

Lichtes Eckzimmer im Hotel Helvetia, ein bisschen Dandy-chic, ein bisschen rockig

Schweizer Hotels – das klingt ein bisschen wie Schweizer Uhrwerk. Man denkt an Präzision und Beständigkeit, und sofort denkt man an stattliche Preise. In Zürich sind die Übernachtungskosten in der Tat so hoch wie in keiner anderen europäischen Stadt, und weltweit gesehen kassieren nur New York und Rio de Janeiro mehr ab. Der Franken ist stark, ja, und die Touristen, die mit Aktenkoffern nach Zürich reisen, um ihr Bankkonto zu besuchen, haben auch kein Problem damit, für eine Nacht im Baur au Lac oder im Dolder Grand 750 Franken hinzublättern. Die Frage jedoch ist die: Sind die Schweizer Hoteliers auch gute Gastgeber, wenn sie die Hand nicht ganz so weit aufhalten?

Eine Freundin aus Zürich schickte mich zur Beantwortung der Frage ins Hotel Restaurant Helvetia. Dort verlangt man für die Nacht zwischen 185 und 325 Franken, was umgerechnet etwa 150 bis 270 Euro sind. Um das gleich klarzustellen: In Zürich fällt so ein Preis in den Low-Budget-Bereich! Aber das Helvetia sieht schon von außen gar nicht billig aus. Es liegt wie ein kleines altes Schmuckkästchen am Ufer der Sihl, mintfarbene Fassade, weiße Blendläden, goldener Schriftzug. Ein Gebäude aus dem 19. Jahrhundert, komplett renoviert. Natürlich steht hier kein Rolls-Royce vor der Tür, wie etwa beim Baur au Lac, aber das »Grüezi«, mit dem mich ein smarter junger Mann an der Rezeption empfing, hätte man dort auch nicht freundlicher singen können.

Anzeige

Der spannendste Moment lag jedoch noch vor mir. Es ist der Moment, in dem man die Tür des Zimmers öffnet und noch nicht weiß, ob man gleich frohlockt oder vor Schreck rückwärts wieder rausläuft. Ersteres war der Fall. Die 406 zeigte sich Dandy-chic, edel, souverän und irgendwie auch rockig. Gestreifte Tapeten, seegrün gestrichene Decke. Ein Nachttisch aus Spiegeln, ein Kleiderschrank, auf dessen Türen ein Foto aufgezogen war – kleine Boote auf dem Zürichsee. Und zur großen Freude schmeichelte das Licht des geräumigen Bades meiner winterfahlen Haut. Ich machte mich ein wenig frisch, um dann vom Rest des Hotels überrascht zu werden. Selbst wer das günstigste der insgesamt 14 Zimmer im Helvetia bucht, kommt nämlich in zweierlei Genuss: in den der Bar, die eine der lässigsten und schönsten, sicherlich aber die legendärste Zürichs ist, und in den des Restaurants, in dem Françoise Wicki kocht, sie ist die Starköchin der Schweiz.

Hotels in Zürich: Kafischnaps

»Ich schlaf dann mal in der Zwätschgge« ist hier ein ganz gewöhnlicher Satz. Denn diese sympathische Low-Budget-Herberge hat ihre fünf Zimmer nach Schnapsfrüchten benannt. Die Betten sind ausgezeichnet, stehen auf glänzendem Parkett, und geduscht wird nacheinander im Etagenbad. Das jedoch ist picobello sauber. Und im Café im Erdgeschoss, einer ehemaligen Metzgerei mit alten Kacheln in Weiß und Schwarz, gibt’s frische Waffeln und knusprige Croissants zum Frühstück.

Kornhausstrasse 57, 8037 Zürich, Tel. 0041-43/5388116, 5 Zimmer, www.kafischnaps.ch. DZ ab ca. 73 €

Rothaus

Die Schaufenster in der Nachbarschaft mit ihren 30-Euro-Jeans haben so gar nichts gemein mit den glitzernden Konsumtempeln der Bahnhofstraße. Das Rothaus liegt nämlich im ehemaligen Rotlichtviertel, umgeben von Kneipen und Clubs. Auch die Lobby des Hotels ist eine Kneipe, Holzwände, Holzsessel mit Kunstleder, und Frühstück sonntags bis 14 Uhr. Und die Zimmer? Einfach, funktional und sauber. Die ruhigsten weisen zum Hinterhaus, das größte und schönste hat einen Erker – und die Nummer 104.

Sihlhallenstrasse 1, 8004 Zürich, Tel. 0041-43/3221050, www.hotelrothaus.ch, 43 Zimmer. DZ ab ca. 107 €

Widder

Neun putzige, steinalte Stadthäuser haben die Besitzer kunstvoll zu einem Hotel zusammengefügt. Eines von ihnen gehörte früher der Widder-Zunft. Von bemalten Decken lächeln einem Putten entgegen, es gibt Zimmer mit kirschhölzernem Paneel und Stühle und Liegen von Frank Lloyd Wright und Mies van der Rohe und wie sie nicht heißen. Alles original, selbstverständlich. Deshalb ist die Nacht hier auch nicht für’n Appel und ’n Ei zu haben: Das Widder ist eines der teuersten Hotels der Stadt – und das schönste!

Rennweg 7, 8001 Zürich, Tel. 0041-44/2242526, 42 Zimmer/ 7 Suiten, www.widderhotel.ch. DZ ab ca. 626 €

Townhouse

Es war eines der ersten Häuser in Zürich, das den Markt der Luxushotels mit Stil und kleinen Preisen anzugreifen versuchte. Und? Erfolgreich! Man sitzt hier auf ledernen Clubsesseln oder feinen Stühlen vor Tapeten Londoner Firmen, und in den Betten schläft man wie ein britischer Lord. Selbst Windhunde gibt es, allerdings nur auf Kissen und als bronzene Skulpturen. Einzig das Frühstück lässt etwas zu wünschen übrig, wie in England eben, aber dafür geht man ohnehin in die tollen Cafés gleich um die Ecke.

Schützengasse 7, 8001 Zürich, 25 Zimmer, Tel. 0041-44/ 2009595, www.townhouse.ch. DZ ab ca. 207 €

Die Helvti Bar residierte in den bewegten achtziger Jahren noch ein paar Häuser weiter. Sie war Treffpunkt für Künstler und Intellektuelle und besonders die Revoluzzer unter ihnen. Der Holztresen der alten Bar zieht sich heute entlang der Stirnwand, und auch heute sieht man hier keine Aktenköfferchen, sondern trifft auf kulturinteressierte Zürcher. An den Wänden hängt moderne Kunst, Leihgaben vom Museum Haus Konstruktiv. Man sitzt auf olivgrünen Lederbänken, und über den Holztischen hängen Leuchten, deren weiße, gipsverzierte Schirme an Käseglocken erinnern – ironische Zitate aus der Bergwelt. Zwei Stunden und drei Gin Tonics verbrachte ich hier, unterhielt mich angeregt mit anderen Gästen, dazu spielte ein Herr auf dem Flügel, der unter einer alten Wendeltreppe aus Holz steht.

City Guide Zürich

Hier finden Sie alle Artikel aus dem City Guide Zürich:

Zürich West - Wo die Stadt großstädtisch ist

Die Schauspielerin Julia Jentsch über den Zürichsee

Geschnetzeltes mit Rösti in Kaiser's Reblaube

Restaurrantt-Tipps von unserem Restauranttester Michael Allmaier

Der Lindenhof - Ein Ort für die kleine Freiheit zwischendurch

Tom Rist über Clubs, Courage und den Charme des Alten

Das Hotel Helvetia ist bezahlbar und trotzdem sehr stilvoll

Hoteltipps von unserem Hoteltester Tomas Niederberghaus

Von eigenwilliger Mode bis zu nostalgischem Genuss - Die Lieblingsläden der Redaktion

Außerdem: Istanbul im Netz - die ZEIT-ONLINE-Empfehlungen

CITY GUIDE ALS E-BOOK KAUFEN

DIE ZEIT City Guides stehen Ihnen auch als E-Book nach dem Download jederzeit und überall auf Ihrem digitalen Lesegerät zur Verfügung.

Hier finden Sie eine Übersicht unserer E-Books www.zeit.de/ebooks.

Weitere Informationen

http://www.myswitzerland.com

Die Holztreppe führte mich hoch zur Empore ins hoteleigene Restaurant. In Zürich genießt es den Ruf, »die Kronenhalle für das kleinere Portemonnaie« zu sein. Das Wiener Schnitzel ist hier in der Tat 10 Franken billiger als in der legendären Kronenhalle und mindestens so gut, das Fleisch dünn und zart, die Panier goldgelb. Wicki, eine Frau mit hochgesteckten dunklen Haaren, leuch-tenden Augen und hinreißendem Lachen, lief höchstselbst durchs Restaurant und empfahl zum Nachtisch »Pistazien Crème Brûlée mit Orangen-Dattel-Salat« – mein Respekt, war das Zeug gut!


Zürich auf einer größeren Karte anzeigen

Nach Mitternacht ging ich hinauf in den vierten Stock. Kein Schild, das zum Wellnessbereich wies, zum Tagungsraum oder zum hoteleigenen Friseursalon, alles Schnickschnack, der die Zimmerpreise in die Höhe treibt. Dann legte ich mich ins Bett, schloss die Augen und hörte nichts mehr. Die Stadt war so leise, als läge sie unter einer meterdicken Schneedecke. Nur eine innere Stimme drang noch zu mir vor. Sie sagte: Es geht auch ohne 750 Franken.

Hotel Restaurant Helvetia, Stauffacherquai 1, 8004 Zürich, Tel. 0041-44/2979999, www.hotel-helvetia.ch, DZ ab ca. 150 €

 
Leserkommentare
  1. Ein interessanter, gur geschriebener Bericht. Der spiegelt meinen Eindruck wider, dass es trotz des enorm hohen allgemeinen Preisniveaus in Zürich auch gute UND bezahlbare Dinge gibt.

  2. Ich freue mich jedes mal über Artikel auf Zeit.de zu Zürich und bin jedes mal enttäuscht, dass die beschriebenen Vorschläge dann doch deutlich über dem liegen, was ich bereit wäre dafür zu zahlen. Auch gehen die Artikel irgendwie an meiner Wahrnehmung der Stadt vorbei. Die Langsamkeit und nicht unangenehme Drögheit der Zürcher, die ich immer als erstes bemerke klingt nie an. Dafür wird immer von den Bänkern mit Aktentasche gesprochen, denen die Autoren eigentlich entgehen wollen und gleichzeitig wird jeder Künstler, Musiker o.Ä. und die Orte an denen sie sich aufhalten wie ein exotisches Exponat einer Ausstellung beschrieben. Ich treffe in ZH ausgesprochen selten auf Finanzarbeiter, dafür recht häufig die Kreativen, die die Autoren meinen mit der Lupe suchen zu müssen. Aber ich war auch noch nie bereit für ein Zimmer mehr als 80-100€ zu zahlen...

    Eine Leserempfehlung
    • cmling
    • 22.06.2012 um 4:48 Uhr

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service