City Guide Zürich Einmal aufatmen
Der Lindenhof – für die kleine Freiheit zwischendurch
© Christian Grund für DIE ZEIT

Der Lindenhof über den Dächern der Altstadt gehört im Sommer den Boulespielern, im Winter den Touristen.
Zürich kann ein beengender Flecken Stadt sein. So viele Menschen, so viel Reichtum, so wenig Platz. Wer aber die Freiheit atmen will, der kann auch das. Er komme am besten vom Hauptbahnhof her, nehme den Aufstieg übers Kopfsteinpflaster, bezwinge die paar Tritte der schmalen Gasse – und ist da.
So sieht die Zürcher Art von Freiheit aus: ein kreisrunder Platz mit sorgfältig geharktem Kies, ein paar Linden, Schaukeln, Schachfelder und ein Brunnen, auf dem thront die Statue der Hedwig ab Burghalden. Die Adlige soll 1292 eine Schar bewaffneter Frauen angeführt haben, um den belagernden Habsburgern den Wehrwillen der Zürcher zu demonstrieren. (Die Männer waren alle aushäusig, in einer Schlacht engagiert.) Die Frauen stellten sich so furchterregend, wie es ging, auf die Mauer. Die Habsburger brachen die Belagerung ab. So berichtet es die Legende.
Der Lindenhof, höchste Erhebung der Altstadt, ist auch heute noch ein beeindruckender Ort. Aber er hat gar nichts von diesem Pompösen, Schweren, das so oft die Oasen der Ruhe im benachbarten Ausland ausmacht. Hier ist Zürich leicht, luftig, locker. Die gemächlich fließende Limmat auf der einen Seite, die sorgfältig sich aneinanderschmiegenden uralten Häuser ringsherum. Und im südlichen Teil erstreckt sich das filigrane Gebäude der größten Freimaurerloge der Schweiz, Modestia cum Libertate heißt sie, Bescheidenheit und Freiheit. Besser kann man den Lindenhof nicht beschreiben.
- City Guide Zürich
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Kürzlich richteten sich die verbliebenen Anhänger der Occupy-Bewegung auf dem Lindenhof ein. Es wurde ein bisschen eng, was sonst gar nicht die Art dieses Ortes ist. Die paar Touristen, die sich hierhin verirrt hatten, zeigten sich verängstigt. Aber irgendwohin mussten sie doch, die Demonstranten für mehr Gerechtigkeit, nachdem man sie vom Paradeplatz, der Schweizer Geldzentrale, vertrieben hatte. Nun, lange dauerte es nicht, bis sie auch auf dem Lindenhof von der Polizei eingepackt wurden. Danach gehörte der Platz abermals den Schachspielern, die auch bei Regen, das Haupt unter Filzhüten versteckt, ihrer Leidenschaft nachgehen.
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Und bald, wenn es langsam wieder wärmer wird, werden sich abends erneut die Verliebten einfinden, um zusammen auf der Zinne zu sitzen, zwischen den fast schon zahmen Tauben. Mit ihnen werden auch die Boulespieler zurückkommen, um ihre Kugeln zu werfen. Nirgendwo ist Zürich so südlich wie hier oben. Ein fast schon heiliger Ort, zum Aufatmen schön.
- Datum 24.02.2012 - 19:04 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 9.2.2012 Nr. 07
- Kommentare 2
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Was sicher auch zu erwähnen wäre, wenn man schon über den Lindenhof schreibt, dass hier vor ca 2000 Jahren die erste römische Siedlung der Stadt Zürich erbaut wurde.
Alte Ruinen, die man da besichtigen kann, zeugen von dieser Zeit....
ein kleiner Platz, der eine zugegebenermaßen hübsche Aussicht bietet. Nicht mehr und nicht weniger.
Dieser Artikel atmet von A bis Z die übliche Zürcher Selbstüberschätzung in Kombination mit der Überzeugung, in der großartigsten Stadt der Welt zu leben. Und wer das anders sieht, hat ja keine Ahnung.
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