Zürich-West sieht man kaum vor lauter Beton. Wie ein schweres Dach liegt die Hardbrücke über dem Quartier, eine wuchtige Verkehrsachse von mehr als einem Kilometer Länge. Mit ihren Aufgängen, Abfahrten und Säulen zerhackt sie das Panorama. Oben rauschen Autos durch, vorbei an dem riesigen roten Leuchtschild, das über der Abfahrt zum Bahnhof prangt. Zwei weiße Pfeile zeigen ins Viertel, als wollten sie sagen: Das ist der Platz, an dem man sein muss.

Das ist er wirklich, jedenfalls für Clubs und Galerien. Auch Luxusapartments stehen im früheren Industriebezirk schon zum Verkauf. Demnächst kommen Museen und eine Hochschule für 5.000 Kunststudenten. "Was, Gottfried Stutz", wie ein schweizerdeutscher Ausdruck der Verwunderung lautet, "wollen die alle hier?" Laut, zugig und grau ist es an der Hardbrücke, alles schreit einen an: Zurück in die Tram! Das schöne Zürich , die Altstadt, der See liegen doch nur ein paar Stationen entfernt.

Besuch bei einem, der schon in Zürich-West war, als die meisten noch einen Bogen darum machten. Der Weg zu Bruno Deckert führt stadtauswärts über die Hardturmstraße, vorbei an Bürohäusern und Werksgebäuden. Aus einem Baumaterialienhandel schleppen Arbeiter Zementsäcke. Alles ist hardbrückengrau bis auf einen kleinen roten Steg. Er führt über die Limmat. Dahinter kommen schon der Hönggerberg und der Wald, Zürich kann so idyllisch sein. Das sucht aber nicht jeder.

Bruno Deckert, ein Philosoph mit grauem Strubbelhaar und schwarzer Brille, sitzt in seinem Café, dem Sphères . In dem hohen Raum wurde früher Porzellan angeliefert, jetzt stapeln sich Fotobände, Romane, Architekturführer. Das Café ist auch eine Buchhandlung, und die alte Laderampe dient als Bühne. Deckert war einer der Ersten, die in Zürich-West ein Lokal aufmachten. 1999 war das, und alle sagten: Du musst wahnsinnig sein. Die Industrie des Viertels siechte dahin. Nach Zürich-West kamen die, die keine Wahl hatten. Schichtarbeiter, italienische Einwanderer. Die Drogensüchtigen vom oberen Letten und die Huren vom Sihlquai.

Deckert ist Deutscher, aber er teilt mit den Schweizern ein Gefühl. Dieses Gefühl, das einen zum Beispiel befällt, wenn man auf der Quaibrücke steht. Rechts die blaue Weite des Sees, links die Altstadt in ihrer Gediegenheit, und alles ist so schön und perfekt, dass einem die Tränen in die Augen treten. Doch Schönheit kann erstickend sein, und wo Perfektion ist, lauert oft der Zwang. Ein Slogan der Stadt Zürich hieß mal: "Erlaubt ist, was nicht stört."

Die Stadtzürcher strömen deswegen gerne hinaus, in die Unberechenbarkeit der Natur. Und Leute wie Bruno Deckert zieht es nach Zürich-West. Wo eine Bahntrasse das Quartier durchschneidet. Wo weißer Rauch aus dem Schlot der Kehrichtverbrennungsanlage aufsteigt und eine Rangierlok rumpelnd zum Areal der Swissmill fährt, der größten Getreidemühle der Schweiz . Wo es nach Abgasen riecht und manchmal nach Hafer. Nirgendwo ist das kleine Zürich so sehr Großstadt wie hier. "Das ist nicht Zürich, das ist woanders", sagt Deckert.

Heute wird niemand mehr für wahnsinnig gehalten, wenn er nach Zürich-West will. Als die Industrie abzog, richteten sich Studenten und Künstler in dem ein, was sie vorfanden. An der Bahntrasse oder in der urbanen Hässlichkeit der Hardbrücke. Bars und Restaurants entstanden, das Les Halles , der Helsinkiklub . Dann kamen Büros, Wohnbauten und viel moderne Architektur . An die Viaduktbögen wurde eine schicke Halle für hochpreisige Feinkost gebaut. Auf dem Löwenbräu-Areal wächst ein schwarzer Kubus aus dem Backstein. Im Sommer werden die Kunsthalle Zürich und das Migros Museum für Gegenwartskunst einziehen.