Demonstranten stehen in einer Menschenkette in der Dresdner Altstadt. (Archivbild vom 13.02.2011) ©  Oliver Killig/dpa

Geschichtspolitik lebt! Als "bürgerkriegsähnliche Zustände" hat der Dresdner Polizeichef Dieter Kroll kürzlich bezeichnet, was sich im vergangenen Februar bei Gedenkveranstaltungen zu den Bombenangriffen 1945 auf Dresden abgespielt hat. Über die Frage, wem die Erinnerung gehört, welches Gedenken legitim ist, war die Stadt zur Kampfarena geworden . Links der Elbe , in der Altstadt, marschierten die Neonazis mit ihren Fackeln, den Wagner-Klängen aus dem Lautsprecher, den weißen Gesichtern und schwarzen Fahnen. Rechts der Elbe waren die Gegendemonstranten aufgezogen, darunter die linke Mitte, DGB, Kirchen, Linkspartei und Grüne , aber auch die schwarzen Antifa-Gruppen mit Plakaten wie "Ihr habt den Krieg verloren", "Stalingrad", oder "Heult doch, deutsche TäterInnen waren keine Opfer". Hätte man die Demonstranten nicht getrennt, da ist Kroll sicher, hätte es "Tote und Verletzte" gegeben. Nun befürchtet der Polizeichef Schlimmstes für den kommenden Montag.

Aber er wird vermutlich positiv überrascht werden. Über Jahre hat Dresden nicht geschafft, was Wunsiedel, Jena oder Leipzig fertiggebracht haben: Aufmärschen der Neonazis durch einen starken Auftritt der gesellschaftlichen Mitte die Bühne streitig zu machen. Jetzt hat sich der Wind gedreht. Nachdem der "Trauermarsch" mit 8.000 Demonstranten in den vergangenen Jahren zur größten Neonazi-Versammlung in ganz Europa angeschwollen war, rechnet man für kommenden Montag, den Jahrestag des ersten Bombenabwurfs, mit höchstens 2.000 Rechtsextremen. Für den 18. Februar, den früheren Hauptkampftag, haben die Organisatoren von der Jungen Landsmannschaft Ostdeutschland (JLO) sogar ihre Anmeldung zurückgezogen. Ist das, was Dresden jetzt erlebt, ein Triumph der Zivilgesellschaft? Oder ist den Neonazis einfach der Schrecken über das Terrornetzwerk NSU in die Knochen gefahren?

Bei der NPD , die mit acht Abgeordneten im Sächsischen Landtag sitzt, will man von Schrecken nichts wissen. Jürgen Gansel, Historiker aus Gießen und Fraktions-Intellektueller, hat vor ein paar Jahren das Wort vom "Bomben-Holocaust" geprägt. Der Titel seiner Magisterarbeit lautete Antikapitalismus in der "Konservativen Revolution" von 1918-1932 . Er spricht höflich, schnell und schneidig, auch im Plenum. "Das nationale Lager wird sich von dieser Dreierbande, von dieser distanzierungswürdigen NSU-Geschichte nicht beeindrucken lassen."

Die Politisierung des Gedenkens sei ihm ebenso zuwider wie den meisten Dresdnern, sagt Gansel. "Als Enkel von Vertriebenen möchte ich daran erinnern, dass das hier eine unbefestigte Lazarettstadt war, mit Zehntausenden Ostflüchtlingen." Die Opferzahlen (er spricht von 250.000, Historiker von höchstens 35.000) würden jedes Jahr weiter heruntergerechnet. Und fügt noch hinzu: "Selbst die SED hatte noch mehr nationale Erinnerungskultur als das heutige System. Im Gedenken an den ›Anglo-Amerikanischen Bombenterror‹ bewies sie ausnahmsweise mal die richtige Gesinnung!"

Hoch über der Stadt liegt der Heidefriedhof. Ein riesiges Areal aus Baumalleen führt in der Mitte auf ein Rondell, das wohl so ist, wie sich viele Dresdner das Gedenken wünschen: still, melancholisch und ein bisschen kitschig, versöhnlich. Mit weißen Rosen in der Hand trifft sich das Bündnis AG 13. Februar am Montagnachmittag an der Skulptur Tränenmeer . Dann zieht man vorbei an den Heldengräbern des kommunistischen Widerstands, auf der Allee der Gerechten zu dem Platz mit Opferschale und Stelen, auf denen die Namen von Auschwitz und anderen Lagern stehen. Gegenüber finden sich Stelen mit den Ortsnamen Coventry, Warschau , Oradour und – Dresden.