Vielleicht liegt es an diesem merkwürdigen Wort, dass sich viele am Ehegattensplitting reiben . Der Begriff ist jedenfalls missverständlich, in der Sache geht es um das Gegenteil. Nicht um steuerliche Trennung, sondern um Gemeinsamkeit. Eheleute haben in Deutschland die Möglichkeit, sich bei der Lohn- und Einkommensteuer zusammen veranlagen zu lassen. Der Staat tut dann so, als habe das Paar ein gemeinsames Einkommen, von dem es lebt. Dahinter steht die Vorstellung, dass die Ehe nicht nur eine Liebesangelegenheit ist, sondern auch eine Erwerbs- und Verbrauchsgemeinschaft, wie Steuerrechtler das nennen. Das ist bei den meisten Ehen wohl tatsächlich der Fall, vor allem dann, wenn einer zu Hause bleibt und Kinder erzieht. Man kann sogar sagen, dass Erziehung und Hausarbeit durch das Splittingverfahren indirekt staatlich honoriert werden. Wenn Paare es wünschen, können sie sich aber getrennt zur Staatskasse bitten lassen. Jeder wird dann so behandelt, als ob er alleinstehend wäre. Bei Eheleuten, die gleich viel verdienen, macht es keinen Unterschied, ob sie die Steuern einzeln oder gemeinsam berechnen lassen.

Der Begriff Ehegattensplitting hat sich eingebürgert, weil die gemeinsame Steuerveranlagung technisch so abläuft: Die Einkommen der beiden Eheleute werden erst zusammengezählt, dann geteilt ("gesplittet"), dann jeweils einzeln versteuert. Zum Schluss werden die beiden Steuerbeträge addiert.

Warum dieses umständlich anmutende Verfahren? Um die Steuer gerecht zu berechnen.

Gerechtigkeit bedeutet bei der Einkommensteuer, dass diese Steuer sich nach der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit der Steuerzahler richten muss. Wie viel ein Bürger dem Staat zahlen kann, das hängt allerdings nicht nur davon ab, wie viel er verdient, sondern auch davon, ob er sein Einkommen für sich hat oder es mit seinem Ehepartner teilt. Ein Single mit 50.000 Euro Jahresgehalt ist wirtschaftlich leistungsfähiger als ein ebenso viel verdienender Ehemann, dessen Frau nicht oder nur zu einem geringen Teil außerhalb der Familie arbeitet (oder eine Frau, deren Mann kein Einkommen hat).

Wenn der Steuerstaat berücksichtigt, ob ein oder zwei Menschen von einem Einkommen leben, ist das keine Subvention und schon gar kein Geschenk, wie manchmal behauptet wird. Man kann auch nicht sagen, dass das Splitting die Gesellschaft Milliarden kosten würde, wie es öfter formuliert wird. Wenn der Staat seine Bürger gerecht und nicht im Übermaß besteuert, sind das keine Kosten.

Das Bundesverfassungsgericht hat 1982 geurteilt, das Splitting sei keine vom Gesetzgeber "beliebig änderbare Steuer-›Vergünstigung‹", sondern eine "sachgerechte Besteuerung". Durch das Splittingverfahren wird dafür gesorgt, dass zwei Ehepaare mit gleich hohen Gesamteinkommen auch gleich besteuert werden. Ohne Splitting würde ein Paar, bei dem einer 10.000 Euro verdient und der andere 40.000 Euro, höhere Steuern zahlen als ein Paar, bei dem beide 25.000 Euro verdienen.

Das ungleich verdienende Paar müsste 1.154 Euro mehr zahlen – offenkundig ungerecht. Der Unterschied kommt daher, dass der Gutverdiener mit seinem Einkommen in eine höhere Progressionsstufe rutschen würde, als wenn er mit dem weniger verdienenden Partner zusammen veranlagt wird.

Ein Argument gegen die Splitting-Methode ist, dass sie die Einverdiener-Ehe attraktiv mache und damit die Abhängigkeit von Frauen befördere. Man wundert sich, dass das Argument immer noch kommt, obwohl die Erwerbstätigkeit von Frauen stark zugenommen hat. Es stimmt, dass viele Frauen in Teilzeit beschäftigt sind und oftmals wenig verdienen. Aber das spricht nicht gegen das Steuersplitting, sondern eher dafür. Ohne Splitting würde die finanzielle Situation solcher Familien jedenfalls schlechter sein. In einigen Fällen trägt das Splitting mit dazu bei, dass es sich für die Ehepartner von Topverdienern – jedenfalls finanziell – nicht lohnt, wenn sie einen Job annehmen, in dem sie nur wenig mehr als 400 Euro im Monat verdienen. Dem Extra-Einkommen stehen dann höhere Gesamtsteuern des Paares gegenüber. Bei Licht betrachtet, ist das aber das Luxusproblem einer Minderheit.