Eurovision Song ContestBöse Lieder

Der Schlagerwettbewerb und die Menschenrechte in Aserbaidschan

Eine Moschee vor dem neugebauten Flammenturm in Baku

Eine Moschee vor dem neugebauten Flammenturm in Baku

Wo man singt, da lass dich nieder, böse Menschen haben keine Lieder, sagt der Volksmund. Stimmt aber nicht, jedenfalls nicht in Aserbaidschan. Dort hat man im vergangenen Jahr rund 20.000 Menschen aus ihren Wohnungen vertrieben und die Häuser abgerissen, weil sie prestigeträchtigen Neubauten im Weg stehen – und einige von ihnen auch dem Gesang. Im Mai kommt nämlich der Eurovision Song Contest (ESC) in die Hauptstadt Baku – für das ölreiche Land und den seit einem halben Jahrhundert autokratisch regierenden Alijew-Clan eine schöne Gelegenheit, sich glamourös zu präsentieren.

Eigens für den Schlagerwettbewerb wird eine gigantische Arena aus dem Boden gestampft, die Kristall-Halle. Was ihr im Weg steht, wird mit Mafia-Methoden plattgemacht. Das Kulturmagazin ttt zeigte gerade Bilder von den rücksichtslosen Räumungen; das fröhliche Wettsingen bringe »neue Tragödien« für ihr Land, in dem es Folter und politische Gefangene, aber keine Meinungsfreiheit gebe, sagt die Menschenrechtlerin Leyla Junus in die ARD-Kamera.

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Das ist besonders pikant, weil Das Erste einer der Hauptfinanziers der Sangessause ist. Seit Wochen sucht man gemeinsam mit dem Privatsender ProSieben nach »unserem Star für Baku«, in Fragen der politischen Verantwortung hält man sich aber lieber bedeckt: »Zuerst einmal ist der ESC eine Musikveranstaltung«, sagt Thomas Schreiber, der Unterhaltungskoordinator der ARD. Auf der offiziellen ESC-Website erteilt man sich selbst die Absolution, indem im Schatten der Schlagersternchen auf kritische Berichte der ARD-Korrespondenten verlinkt wird. Beim Privatfernsehen sieht man die Sache noch viel unkritischer. Jörg Grabosch von der Firma Brainpool, die neben dem deutschen Vorentscheid auch die Show in Baku produziert, sagte dem Spiegel: »Um die Häuser ist es nicht schade.«

Es ist das alte Dilemma: Gibt man mit einer internationalen Großveranstaltung einer autoritären Regierung die Chance, sich als Saubermann zu präsentieren? Oder pflanzt man den Keim, aus dem am Ende der Regimewechsel sprießt? Man muss ja nicht gleich einen Boykott des Sängerwettstreits fordern, das tun nicht einmal die Oppositionellen in Baku. Aber es wäre schon viel gewonnen, wenn man den Bösen nicht so willfährig zu ein paar lieben Liedern verhelfen würde.

Warum müssen es wieder mal deutsche Architekten sein, die einem Autokraten bei der Verwirklichung seiner Visionen helfen? Der Entwurf für die Kristall-Halle stammt von Volkwin Marg, dessen Büro in China ganze Städte plant. Warum muss der ARD-Vorsänger Schreiber schon jetzt von der »einzigartigen Weltklasse-Show« trompeten, die Ilham Alijew den Sangeskünstlern bereiten wird? Die Opposition in Baku plant derweil ein Gegenkonzert unter dem Motto Sing for Democracy. Das Erste sollte sich dafür um die Übertragungsrechte bemühen. Als Wiedergutmachung.

 
Leserkommentare
  1. Seitdem Azerbaidschan den Songkotest gewonnen hat, erscheinen allenthalben Artikel wie dieser. Dabei wird systematisch das eigentliche Drama Azerbaidschans verschwiegen. Viel Schlimmer als Aliyew, die den Krieg mit Armenien gestoppt haben sind die Folgen der ethnischen Säuberungen in Ngorny-Karabag. Verglichen mit den 20000 Leuten, die hier wegen der Stadtplanung ihre Bleibe verlieren sind dort hunderttausende gewaltsam durch armenische Truppen vertrieben worden viele wie in dem Massaker von Hodschali umgebracht worden. Egal ob jung oder alt. So lange Medienorgane wie "Die Zeit" nicht auch dort hin schauen, kann man nicht von einer objektiven Berichterstattung sprechen. Das soll nicht heißen, dass nicht auch Mißstände in Azerbaidschan kritisiert werden dürfen. Im Gegenteil! Aber man sollte seine Haltung zu den bösen Azerbaidschanern überdenken.
    Und wenn man nur möchte, dass lupenreine Demokratien am Songcontest gewinnen, sollte man die anderen nicht teilnehmen lassen, statt sich später zu beschweren.

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    25% des Aserbaidschanischen Territoriums steht noch immer unter armenischer Besatzung. Die illegale "Republik Nagorny Karabakh" ist bis zum heutigen Tage von keinem Land der Welt anerkannt worden, nicht einmal durch Russland oder Armenien selbst. Fast eine Million Azeris wurden aus Karabagh vertrieben und hausen seit über 20 Jahren in Slums um Baku herum. Über diese Leute wird in Europa nicht berichtet. Liegt das zufällig daran, dass in diesem Falle die Muslime die offenkundigen Opfer und christliche Armenier die offenkundigen Täter sind? Stattdessen berichtet man lieber über ein paar Wohnungen in Baku, die einem wichtigen nationalen Projekt Platz machen mussten. Glauben Sie mir einfach, dass auch in Deutschland Unrecht geschieht. Der Grund und Besitz entlang der ehemaligen Berliner Mauer wurde auch zu einem erheblichen Teil von der BRD einfach so einbehalten und nicht an die Eigentümer zurückgegeben, die schon nach 1945 enteigent worden waren. Das wurde nach der Wiedervereinigung sogar durch ein Urteil des Verfassungsgerichts legalisiert.

    25% des Aserbaidschanischen Territoriums steht noch immer unter armenischer Besatzung. Die illegale "Republik Nagorny Karabakh" ist bis zum heutigen Tage von keinem Land der Welt anerkannt worden, nicht einmal durch Russland oder Armenien selbst. Fast eine Million Azeris wurden aus Karabagh vertrieben und hausen seit über 20 Jahren in Slums um Baku herum. Über diese Leute wird in Europa nicht berichtet. Liegt das zufällig daran, dass in diesem Falle die Muslime die offenkundigen Opfer und christliche Armenier die offenkundigen Täter sind? Stattdessen berichtet man lieber über ein paar Wohnungen in Baku, die einem wichtigen nationalen Projekt Platz machen mussten. Glauben Sie mir einfach, dass auch in Deutschland Unrecht geschieht. Der Grund und Besitz entlang der ehemaligen Berliner Mauer wurde auch zu einem erheblichen Teil von der BRD einfach so einbehalten und nicht an die Eigentümer zurückgegeben, die schon nach 1945 enteigent worden waren. Das wurde nach der Wiedervereinigung sogar durch ein Urteil des Verfassungsgerichts legalisiert.

  2. An dem Konflikt um Bergkarabach sind die Aserbaidschaner genau so beteiligt wie die Armenier, und "ethnische Säuberungen" gab es von beiden Seiten. Der Songcontest findet aber nicht in Jerewan oder Stepanakert statt, sondern eben in Baku.

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  3. 25% des Aserbaidschanischen Territoriums steht noch immer unter armenischer Besatzung. Die illegale "Republik Nagorny Karabakh" ist bis zum heutigen Tage von keinem Land der Welt anerkannt worden, nicht einmal durch Russland oder Armenien selbst. Fast eine Million Azeris wurden aus Karabagh vertrieben und hausen seit über 20 Jahren in Slums um Baku herum. Über diese Leute wird in Europa nicht berichtet. Liegt das zufällig daran, dass in diesem Falle die Muslime die offenkundigen Opfer und christliche Armenier die offenkundigen Täter sind? Stattdessen berichtet man lieber über ein paar Wohnungen in Baku, die einem wichtigen nationalen Projekt Platz machen mussten. Glauben Sie mir einfach, dass auch in Deutschland Unrecht geschieht. Der Grund und Besitz entlang der ehemaligen Berliner Mauer wurde auch zu einem erheblichen Teil von der BRD einfach so einbehalten und nicht an die Eigentümer zurückgegeben, die schon nach 1945 enteigent worden waren. Das wurde nach der Wiedervereinigung sogar durch ein Urteil des Verfassungsgerichts legalisiert.

  4. Denn von dem Privaten erwartet man selbst unter öffentlichem Druck nicht Gutes.

    Danke, für so viel Ehrlichkeit. Die Dauerkrise scheint doch was in den Köpfen (auch lang geübter ZEIT-Liberaler) zu bewegen.

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  5. Der Westen interessiert sich fuer menshen rechte nur wenn es profitable ist wie in Libyen oder Syrien.
    Azerbaidjan oder Saudi Arabien sind öl lieferanten , deswegen dort kann mann machen mit Menschen Rechte was es wolle

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    Saudi Arabien mit Aserbaidschan gleichzusetzen, zeigt schon, dass Sie wenig informiert sind. In Riad werden Menschen geköpft, wenn sie Alkohol trinken oder ausserehelichen Sex haben, während Baku eher mit Paris zu vergleichen ist. Das Land ist keine Demokratie nach westlichem Muster, aber auch kein Gottesstaat wie der Scharia-Staat Saudi Arabien, wo Menschen wegen angeblicher Hexerei ausgepeitscht werden. Informieren Sie sich besser!

    Saudi Arabien mit Aserbaidschan gleichzusetzen, zeigt schon, dass Sie wenig informiert sind. In Riad werden Menschen geköpft, wenn sie Alkohol trinken oder ausserehelichen Sex haben, während Baku eher mit Paris zu vergleichen ist. Das Land ist keine Demokratie nach westlichem Muster, aber auch kein Gottesstaat wie der Scharia-Staat Saudi Arabien, wo Menschen wegen angeblicher Hexerei ausgepeitscht werden. Informieren Sie sich besser!

  6. Saudi Arabien mit Aserbaidschan gleichzusetzen, zeigt schon, dass Sie wenig informiert sind. In Riad werden Menschen geköpft, wenn sie Alkohol trinken oder ausserehelichen Sex haben, während Baku eher mit Paris zu vergleichen ist. Das Land ist keine Demokratie nach westlichem Muster, aber auch kein Gottesstaat wie der Scharia-Staat Saudi Arabien, wo Menschen wegen angeblicher Hexerei ausgepeitscht werden. Informieren Sie sich besser!

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    Antwort auf "menshen rechte und öl"
  7. Wieso sollte von deutscher Seite Solidarität mit Menschen gezeigt werden, die wegen Prestige-Projekten aus Ihren Häusern vertrieben werden? Auch in Deutschland werden Leute enteignet um beispielsweise Flughäfen auszubauen, wurde darüber im Vorfeld des Artikels einmal nachgedacht?

    Die Kritik gegen die Austragung des ESC in einem Land, in dem die Menschenrechte nicht geachtet werden in allen Ehren - aber die Argumentation über Vertreibungen aus Häusern ist zu schwach. Was das betrifft, zeigen zuviele Finger auf uns selbst.

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    ist, wenn wir aufhören auf Menschenrechte zu achten, weil "wir" angeblich auch welche nicht beachten. Und sehen will ich, dass in D Tausende(!) Menschen wegen einer Veranstaltungshalle enteignet und vertrieben werden! Ihr Vergleich hinkt hinten und vorne und verhindert, sollten wir darauf hören, die Entwicklung der Achtung der Menschenrechte.

    ist, wenn wir aufhören auf Menschenrechte zu achten, weil "wir" angeblich auch welche nicht beachten. Und sehen will ich, dass in D Tausende(!) Menschen wegen einer Veranstaltungshalle enteignet und vertrieben werden! Ihr Vergleich hinkt hinten und vorne und verhindert, sollten wir darauf hören, die Entwicklung der Achtung der Menschenrechte.

  8. Wie hat man die Leute vertrieben?

    Hat man ihn eine Entschädigung gezahlt oder sie einfach vor die Tür gesetzt und den Bautrupp logelassen? Denke dass das für ein Werturteil doch sehr wichtig ist zu wissen wie das ablief!

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