Berlinale 2012Gesungene Bilder

Wenn Filme an Geschichte erinnern oder selbst Geschichte sind: die 62. Berliner Filmfestspiele von 

Szene aus dem Film "Nuclear Nation"

Szene aus dem Film "Nuclear Nation"  |  © Funahashi Atsushi

Das Kino ist eine große Erinnerungsmaschine, bei der nicht immer ganz klar ist, was genau sie mit welchem Rädchen antreibt. Wenn sich etwa der Regisseur Martin Scorsese und seine Cutterin Thelma Schoonmaker zusammentun, um einen Filmklassiker von Michael Powell zu restaurieren, wenn also am 11. Februar im Rahmen der Reihe Berlinale Special Leben und Sterben des Colonel Blimp zu sehen sein wird, dann geht es darum, einem der großen Antikriegsfilme der Kinogeschichte wieder das wahnwitzige Technicolor zurückzugeben, in dem er vor siebzig Jahren gedreht wurde. Es geht aber auch um eine Verbeugung vor den Vorbildern der Bilder, also um eine so schlichte wie schöne Mischung aus Ahnenforschung und Familienerkenntnis. Und um einen Akt des physischen Bewahrens und Errettens – die Reparatur eines feuchten, von Moos befallenen Filmnegativs.

Doch leider bleibt der Erinnerungsmaschine Kino manchmal nichts weiter übrig, als die Spuren eines Verschwindens zu zeigen, kurz: Denkmal zu sein. So wie der wunderschöne Dokumentarfilm Le sommeil d’or von dem französisch-kambodschanischen Regisseur Davy Chou. Er sammelt die kostbaren Zeugnisse einer verlorenen Kultur, des kambodschanischen Kinos der sechziger und siebziger Jahre. Was eine lebendige Filmlandschaft war, mit zart frivolen Liebesfilmen und Singspielen, mit kultisch verehrten Stars und großen Studios, wurde nach der Machtübernahme durch die Roten Khmer aufs Entsetzlichste ausgemerzt. Jeder, der auch nur im Entferntesten mit Kino zu tun hatte, wurde ermordet oder floh in letzter Minute ins Exil, die Studios wurden dem Erdboden gleichgemacht, etwa vierhundert Filme zerstört. Von ihren traumatisierten Rettern wurden die wenigen verbliebenen Kopien unter Betten und auf Dachböden versteckt, in Banksafes gelagert. In einer der anrührendsten Szenen von Le sommeil d’or blickt die Kamera in das einzige noch existierende Studiogebäude in Phnom Penh . Heute ist es eine große Karaoke-Bar. Von den Schlagern und Liebesliedern, die dort von jungen Kambodschanern schmachtend vorgetragen werden, stammt ein Gutteil aus jenen für immer entschwundenen Filmen. So wird die Kinogeschichte wenigstens weiter gesungen.

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Auf der Berlinale, und das ist eine echte Sensation, werden drei verloren geglaubte kambodschanische Filme erstmals wieder aufgeführt, darunter der berühmteste Film des Goldenen Zeitalters: The Snake Man von Tea Lim Koun, eine Mischung aus Volksstück, Liebesfilm und Horrormärchen. Eine höchst exotische Art des Glücks zeigt der Prolog des Films, in dem sich eine junge Frau mit einer Riesenschlange paart. Erst kurz vor dem Festival wurde die Kopie des Films von der in Kanada lebenden Familie des Regisseurs nach Berlin geschickt. Manchmal kann filmische Erinnerungsarbeit mit der Öffnung eines Banksafes in Montreal beginnen!

Der Filmemacher Jean-Luc Godard , der einige der schönsten und wahrsten Sätze über das Wesen des Kinos gesagt hat, verglich den Film einmal mit einem Schriftführer der Geschichte. Indem ein Film einfach nur seine eigene Geschichte erzähle, könne er stets auch die große Geschichte mit erzählen, da er aus demselben Stoff wie diese bestehe. »Jedes einzelne Kinobild und damit jedes einfache Rechteck von 35 Millimetern«, sagt Godard , »kann die Ehre des Realen retten, und jeder Film ist ein aktuelles Dokument.«

Die Schauspieler Roger Livesey und Deborah Kerr in "Leben und Sterben des Colonel Blimp"

Die Schauspieler Roger Livesey und Deborah Kerr in "Leben und Sterben des Colonel Blimp"  |  © Reliance MediaWorks and ITV Studios Global Entertainment Ltd

Lässt man sich auf Godards Sicht ein, dann nimmt es nicht weiter wunder, dass gerade Filme, die Geschichte naturalistisch nachstellen wollen, ihr oft so fern wirken. In the Land of Blood and Honey heißt Angelina Jolies Spielfilm über die serbischen Kriegsverbrechen an bosnischen Frauen und über die Ignoranz des Westens gegenüber dem Völkermord. Völlig wertfrei gesagt, ist Jolies Film der Beweis dafür, dass ein Superstar, der mit einem Superstar zusammenlebt, sechs Kinder hat und alle zwei Minuten von einem Paparazzo fotografiert wird, sehr wohl einen achtbaren Film über ein Thema drehen kann, bei dem man so ziemlich alles falsch machen könnte. Jolie erzählt von Ajla, einer jungen muslimischen Bosnierin, die in ein Internierungslager gebracht wird. Vergewaltigungen sind an der Tagesordnung. Durch ihre Liebe zu dem serbischen Lagerchef, den sie schon vor dem Krieg kennenlernte, kommt sie in eine privilegierte Position. Liebe und Strategie, Gefühl und Überlebenskampf sind hier nicht mehr zu unterscheiden. Doch der Konflikt, von dem der Film erzählt, bleibt trotz eindrücklicher Szenen der Verzweiflung insgesamt seltsam ort- und geschichtslos. Und so ehrenvoll es sein mag, einen Genozid in Erinnerung zu rufen: In the Land of Blood and Honey behauptet Geschichte eher, als dass er sie durchdringt. Die »Ehre des Realen« verliert sich in einem Melodram, das die Kriegsgräuel als spannungsvolle, aber austauschbare Kulisse benutzt.

Natürlich begegnet man auf einem Festival wie der Berlinale unzähligen Blicken auf längst nicht bewältigte Kriege und Katastrophen. Dass das Kino ein kathartischer Prozess, eine Traumatherapie in Bildern sein kann, zeigt sich wohl am deutlichsten in Dokumentarfilmen, die sich in die Position des nüchternen Beobachters begeben. Nuclear Nation heißt Funahashi Atsushis Film über die Einwohner der Kleinstadt Futanaba nach dem Reaktorunfall von Fukushima . In einer leer stehenden Turnhalle in Tokio versuchen die 1400 Menschen, deren Heimatort nur drei Kilometer von dem havarierten Reaktor entfernt liegt, sich in einer Art Alltag einzufinden.

Der Film zeigt absurde Momente wie den Besuch des japanischen Kronprinzen oder ein zur allgemeinen Aufheiterung organisiertes Wrestling-Turnier. Er folgt dem Bürgermeister, einem älteren heroischen Herren, der einst an die Atomenergie glaubte und nun erleben muss, wie deren Opfer ignoriert, irregeführt, hingehalten werden. Eine erschütternde Szene zeigt eine Familie, der es erlaubt ist, persönliche Habseligkeiten aus ihrem verstrahlten Haus zu holen. Gemeinsam erstellt man eine Liste der ersehnten Gegenstände. Nach Frau und Kindern kommt der Vater an die Reihe. Er fertigt eine zittrige Zeichnung an, die sein DVD-Regal darstellt. Dann markiert er die Position der Filme, die man ihm in die Notunterkunft bringen solle: Planet der Affen, Mad Max und Dirty Harry – ein apokalyptischer Science-Fiction-Film, eine Fantasie vom Ende der Zivilisation und ein Cop in der Endzeit des Sozialen. Es ist ein so irritierender wie aufrüttelnder Moment, in dem ein Japaner aus der Nähe von Fukushima, der sich an seine DVDs erinnert, wiederum das Publikum der Berlinale daran erinnert, dass das Kino eben auch eine Erinnerungsmaschine unserer eigenen Gegenwart ist.

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