Martin Scorsese"Es warf mich um"

Wie rettet man das Kinogedächtnis? Martin Scorsese über sein großes Vorbild Michael Powell und seinen neuen Film "Hugo Cabret" von 

DIE ZEIT: Auf der Berlinale läuft in einer Sondervorführung Michael Powells Filmklassiker Leben und Sterben des Colonel Blimp , der dank Ihrer The Film Foundation restauriert wurde. Was verbinden Sie persönlich mit diesem Film?

Martin Scorsese: Kein anderer Regisseur hat mich so beeinflusst wie Michael Powell. Während meiner Kindheit in den fünfziger und sechziger Jahren gab es in Amerika keine Möglichkeit, seine Filme im Kino zu sehen. Der einzige, den wir komplett und in Farbe im Kino sehen konnten, war Die roten Schuhe . Die anderen liefen schwarz-weiß im Fernsehen, zerschnitten und verstümmelt. Leben und Sterben des Colonel Blimp sah ich eines Nachmittags nach der Schule. Der Film warf mich um. Nie zuvor hatte ich so etwas gesehen.

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ZEIT: Was genau hat Sie fasziniert?

Scorsese: Diese unglaublich intensiven, flamboyanten, an den Expressionismus erinnernden Technicolor-Farben! Dabei war mir der politische Kontext des Films zunächst gar nicht bewusst: 1942, in der Zeit, als die Deutschen England bombardierten, erzählt er auf bewegende Weise von der Freundschaft zwischen einem britischen Leutnant und einem deutschen Offizier. Ich war vollkommen hingerissen von der Dramatik, der tiefen Menschlichkeit des Films. Und von der großen Liebesgeschichte. Mit einer einzigen Schauspielerin, die alle drei Frauenfiguren spielt: Deborah Kerr. Später, als ich in New York Film studierte, waren meine Freunde und ich verrückt nach Powells Filmen. Aber von ihren Schöpfern, dem Produzenten Emeric Pressburger und dem Regisseur Michael Powell, war absolut nichts bekannt. Es gab keine Bücher, keine Artikel, nichts.

ZEIT: Wie haben Sie Michael Powell und sein Werk Anfang der siebziger Jahre wieder bekannt gemacht?

Scorsese: Nach dem Skandal, den sein Film Peeping Tom – Augen der Angst 1959 ausgelöst hatte, war seine Karriere zerstört, und er lebte verarmt und vergessen in London . Durch einen Freund gelang es mir, ihn ausfindig zu machen. Endlich konnte ich ihm sagen, was seine Filme für uns in Amerika, für Brian De Palma , Steven Spielberg , für Francis Ford Coppola bedeuteten. Später, in seiner Autobiografie, schrieb Powell, dass er sich dank dieser Begegnung wieder lebendig fühlte. Um 1974 sah ich Das Leben und Sterben von Colonel Blimp zum ersten Mal in Farbe, aber die Reihenfolge der Szenen war umgeschnitten, und etwa vierzig Minuten fehlten. Damals begann ich, nach Kopien dieses Films zu suchen, um ihm seine ursprüngliche Form zurückzugeben. Wir konnten erst Mitte der achtziger Jahre mit dieser Wiederherstellung anfangen, aber damals noch ohne Originalnegativ und ohne die ursprünglichen Farben. Jetzt, nach dreißig Jahren, haben wir es geschafft. Es könnte die längste Restaurierung der Filmgeschichte sein.

ZEIT: Was haben Sie von Michael Powell in Ihren Filmen übernommen?

Scorsese: Unglaublich viel und manchmal auf indirekte Weise: Mein neuer Film Hugo Cabret erzählt von der Wiederentdeckung des Filmpioniers Georges Méliès . Dank eines kleinen Jungen wird Méliès, der am Bahnhof Montparnasse einen Spielzeugladen führt, wieder bekannt gemacht und erhält seinen würdigen Platz in der Filmgeschichte. Erst als Hugo Cabret fertig war, wurde mir klar, dass er im übertragenen Sinne auch die Geschichte von Powell und mir erzählt. Und es ist offensichtlich, dass alle meine Figuren von Powells Helden beeinflusst sind. Auch sie sind Antihelden, zerrissene, von Konflikten getriebene Menschen. Mich begeistert, wie verwegen und experimentierfreudig sein Kino ist: seine Drehbücher, die Raum für Ambiguitäten lassen. Sein ausgefeilter, kraftvoller Einsatz der Musik!


ZEIT:
Und was begeistert Sie an Georges Méliès?

Scorsese: Der Geist einer Epoche, in der in verschiedenen Ländern das Kino und seine Vorläufer erfunden wurden: von den Lumière-Brüdern in Frankreich, Edison in Amerika, Robert W. Paul in England. Georges Méliès’ Kino ist durchdrungen von der existenziellen Aufregung und Faszination, eine Geschichte mit bewegten Bildern zu erzählen. Er war nicht der Erfinder des Kinos, aber sein Schöpfer. Von seinen Fantasien, Tricks und Märchen führt eine direkte Linie zu Regisseuren wie George Lucas und Steven Spielberg . Kürzlich erzählte mir Lucas, dass er bei Dreharbeiten den Namen Méliès erwähnt habe, um etwas zu erklären. Aber niemand kannte ihn!

Leserkommentare
    • Panic
    • 10. Februar 2012 20:08 Uhr

    ist für mich der Inbegriff für Film. Seine Bildsprache, seine Erzählweise, sein Perfektionismus sucht seinesgleichen. Einzigartig und visionär!

  1. Klasse Film!

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